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Attentäter:Über den Tod hinaus

Soll den Attentätern von Ansbach und Würzburg das islamische Begräbnis verweigert werden? Die alte Antigone-Frage.

Von Matthias Drobinski

Niemand möchte auf dem Friedhof einen Staatsfeind neben den Verwandten liegen haben. Das ist ein verständlicher Reflex. Weg mit ihm, ins Schandgrab. Den in Würzburg und Ansbach getöteten Attentätern sollte das islamische Begräbnis verweigert werden, hat ein Vertreter des Zentralrats der Muslime in Deutschland gesagt. So sehen es auch viele Muslime in Frankreich. Istanbuls Bürgermeister Kadir Topbaş hat bereits für die getöteten Putschisten einen "Friedhof der Verräter" planieren lassen.

Die Leute sollten die Antigone des griechischen Dichters Sophokles lesen. Antigone begräbt ihren toten Bruder Polyneikes, den Staatsfeind. Kreon, der König, lässt sie dafür töten. Doch auch für ihn endet die Geschichte furchtbar; am Ende ist Kreon ein gebrochener Mann.

Im Tod des Feindes endet die Feindschaft - die Botschaft des Sophokles ist auch nach bald 2500 Jahren aktuell. Wer über den Tod hinaus richtet, zerstört die Ordnung, die er schützen möchte. Als sich 1977 die Terroristen der RAF selber töteten, stellte ausgerechnet ihr härtester Verfolger, der BKA-Chef Horst Herold, klar: Der Rechtsstaat darf niemanden über den Tod hinaus verfolgen. Es sollte sich ein Imam finden, der tut, was Antigone tat: dem toten Staatsfeind die letzte Würde geben, weil diese Würde stärker ist als der Hass. Seine Religion hätte er dabei auf seiner Seite. Auch im Islam ist Gott der letzte Richter - und nicht der Mensch.

© SZ vom 03.08.2016
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