Atommülllager Leichenasche in Asse

Im Atommülllager Asse lagert nach SZ-Informationen Asche von Leichenteilen. Diese stammt von zwei Technikern, die bei einem Reaktor-Unfall verstrahlt wurden.

Von Michael Bauchmüller und Christopher Schrader

Das umstrittene Atom-Endlager Asse ist um einen Skandal reicher. Nach SZ-Informationen wurde in den siebziger Jahren auch die Asche von zwei Reaktor-Arbeitern in dem Salzstock bei Wolfenbüttel eingelagert.

Dem Vernehmen nach handelt es sich um Überreste zweier Schlosser, die bei einem Unfall im bayrischen Kernkraftwerk Gundremmingen im November 1975 ums Leben gekommen waren. Bei Arbeiten an einem Nebensystem des Primärkreislaufes waren sie einer Explosion zum Opfer gefallen und von radioaktivem Dampf kontaminiert worden. Einer der beiden starb sofort, der andere einen Tag später.

Damals war das bayerische Landesamt für Umwelt für Messungen der radioaktiven Belastung zuständig, sagt dessen Sprecher Thomas Henschel. Die Kontamination hat die beiden Schlosser demnach nicht getötet, von ihren Leichen ging auch keine Gefahr für andere aus.

Dennoch wurden bei der anschließenden Obduktion Proben von Körperteilen entnommen und untersucht. Die Leichen selber wurden zur Sicherheit in Zinksärge eingelötet und sechs Tage nach dem Unfall bestattet. Die entnommenen Proben aus den Körpern habe das Landesamt "freigemessen", sagt Henschel, also bestätigt, dass die radioaktive Belastung gering war. Eine besondere Entsorgung wegen war demnach nicht nötig.

Welche Information damals die Angehörigen bekommen hatten, weiß der Sprecher nicht. Was genau mit den Körperteilen der beiden Verunglückten danach passierte, ist auch noch nicht geklärt. Udo Gerstmann vom Helmholtz-Zentrum München, das aus dem damaligen Asse-Betreiber GSF hervorgegangen ist, kennt den Fall nur aus Akten, die er vor Jahren gesehen hat, die aber nicht mehr vorhanden sind. Er sagt, den Leichen seien damals einzelne Teile der inneren Organe entnommen und in seinem Haus untersucht worden. Üblicherweise seien solche Proben im Grammbereich und würden anschließend verbrannt. Da die Strahlungswerte unauffällig waren, "würde eine Endlagerung keinen Sinn machen".

Hiobsbotschaften reißen nicht ab

Auch nach Recherchen des Stern wurden die Proben 1976 verbrannt und in das Endlager gebracht, offenbar als "klinischer Abfall". In den Inventarlisten der Asse sind die eingeäscherten Körperteile nicht aufgetaucht, aber es geht aus den Listen nur sehr grob hervor, was sich in den Fässern befindet. Das Bundesamt für Strahlenschutz, das die Asse seit Anfang des Jahres betreibt, durchsucht die Akten nach Hinweisen auf die menschliche Asche.

Gerüchte über die Verbringung der eingeäscherten Körperteile in die Asse hatte es schon seit längerem gegeben. Noch am Donnerstag allerdings hatte ein ehemaliger Betriebsleiter der Schachtanlage vor dem Untersuchungsauschuss des niedersächsischen Landtages beteuert, ihm sei von Leichenteilen nichts bekannt. Immerhin bestätigen alle Berichte, dass die Strahlungswerte an den Körpern und Organen keine Gefahr begründeten.

Die Hiobsbotschaften rund um die Asse reißen derweil nicht ab. Seit Freitag tritt weit mehr Wasser in das Endlager ein als bisher. Messungen am Freitagmorgen hätten eine Erhöhung um zehn Prozent ergeben, teilte das Bundesamt für Strahlenschutz mit. Nach ersten Einschätzungen habe die Erhöhung keine Bedeutung für die Sicherheit des Bergwerks. Die weitere Entwicklung werde beobachtet. Seit 1988 treten täglich im Schnitt zehn Kubikmeter Salzlauge in den Schacht ein. Die genaue Herkunft des Wassers ist unklar. Experten sahen schon 1967 voraus, dass das Bergwerk langfristig absaufen würde. Von der Einlagerung hielt das seinerzeit niemanden ab.