Abschottung Zäune, Mauern, Minenfelder

Tim Marshall fragt, warum ein Drittel der Weltgemeinschaft die Grenzen dichtgemacht hat - und welche Logik dahintersteckt.

Von Cord Aschenbrenner

Immer wenn der Journalist Tim Marshall in seinem neuen Buch auf eigene Erlebnisse mit den Mauern, Zäunen und Grenzen dieser Welt zurückblickt, wird es spannend. Man merkt, dass Marshall, ehemaliger Auslandskorrespondent der BBC, einst viel herumgekommen ist. So kann er sich aus einem beträchtlichen Erfahrungsfundus bedienen, wenn es um die Bestrebungen von Staaten geht, sich gegen ihre Nachbarn abzuschotten oder ihr Terrain einzuzäunen.

Diese Art der Abgrenzung gegen unerwünschte Menschen gibt es viel häufiger, das macht Marshall an zahlreichen Beispielen deutlich, als den meisten Lesern bewusst sein dürfte. Wer weiß schon, dass zwischen Indien und Bangladesch der längste Grenzzaun der Welt verläuft? Dass die indischen Grenztruppen einen Schießbefehl haben? Dass sie laut Human Rights Watch in den ersten zehn Jahren dieses Jahrhunderts wohl um die 900 Bangladescher getötet haben, die diese Grenze überwinden wollten?

Oder wer hätte von dem 480 Kilometer langen Elektrozaun zwischen dem armen Simbabwe und dem wohlhabenden Botswana gehört? Angeblich soll er nur das Übergreifen der Maul- und Klauenseuche von Simbabwe auf Botswana verhindern, "aber sofern Kühe aus Simbabwe nicht besonders sprunggewaltig sind, fragt man sich, warum der Zaun dann so hoch ist", schreibt Marshall. Auch von Südafrika ist Simbabwe durch einen Zaun getrennt, der den gleichen Zweck erfüllt: verarmte Simbabwer auf der Suche nach einem besseren Leben fernzuhalten.

Trumps Traum: Eine durchgehende Mauer zwischen den USA und Mexiko, wie es sie etwa bei Playas de Tijuana und anderswo schon gibt.

(Foto: Guillermo Arias/AFP)

Tim Marshall konzentriert sich auf einige Regionen der Welt, um zu zeigen, wie Migration, Nationalismus, Religion und Politik sichtbare und manchmal tödliche Abgrenzungen hervorbringen. Denn keineswegs sind diese 1989 zusammen mit der Berliner Mauer und dem Eisernen Vorhang gleich mit verschwunden, wie mancher vielleicht gehofft hatte. Im Gegenteil, man muss schon sehr eurozentrisch gestimmt sein, um vom weitgehend grenzzaunfreien Schengen-Europa auf die übrige Welt zu schließen. Und auch hier, siehe Ungarn, werden Zäune errichtet, wie überhaupt die Hälfte aller Grenzbefestigungen seit dem Zweiten Weltkrieg erst nach der Jahrtausendwende entstanden sei, schreibt Marshall.

Tim Marshall: Abschottung. Die neue Macht der Mauern. Aus dem Englischen von Hans-Peter Remmler. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2018. 336 Seiten, 24 Euro. E-Book: 20,59 Euro.

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Mehr als 65 Länder der Welt, ein Drittel aller Staaten, haben ihm zufolge heute Barrieren an ihren Grenzen errichtet - Wälle, Zäune, Mauern, Minenfelder. Dazu gehört die Grenze zwischen Israel und den Palästinensergebieten, die teilweise aus einer acht Meter hohen Mauer aus Betonplatten besteht und der man zugestehen muss, dass sie ihren Zweck für Israel erfüllt, nämlich die Abwehr von Terroristen und Selbstmordattentätern. Kürzlich wurde bekannt, dass Dänemark einen Zaun vorgeblich zur Abwehr deutscher Wildschweine in Südjütland bauen will (SZ vom 20. August 2018). Ein solcher Zaun dürfte es nicht nur Wildschweinen schwer machen, von einem Land ins andere zu wechseln, sondern auch afghanischen Flüchtlingen.

Mit der "Mauer"-Metapher lassen sich nicht alle Konflikte in einer Gesellschaft erklären

Es geht in Marshalls Buch jedoch nicht nur um Mauern aus Beton wie die von Donald Trump geforderte zu Mexiko oder um Zäune aus Draht, die allesamt immer Fremde fernhalten sollen. Marshall skizziert die dahinter stehenden Ideologien und Mentalitäten von Staaten und Gesellschaften, die sich Abschottung auf die Fahnen geschrieben haben. Dabei hat er durchaus Verständnis für Leute, die skeptisch reagieren, wenn plötzlich Einwanderer in großer Zahl in ihr Viertel ziehen. Im Falle Trumps und seiner Wähler benutzt Marshall den Begriff "Nativismus", der die Ansprüche einer weißen, englischsprachigen Mehrheit meint, der "natives", die sich durch Einwanderung gefährdet sieht. Abgrenzung nach außen, innen und untereinander - Mauern gibt es viele: zwischen Bevölkerungsgruppen, Parteien, Religionen, Einwanderern und Alteingesessenen, zwischen den Generationen.

China etwa zeichnet Marshall als Land der Trennungen; nicht nur nach außen durch die 21 000 Kilometer lange Chinesische Mauer, die mehr als 2000 Jahre das Staatsvolk der Han vor den Barbaren schützte. "Wir hier, ihr anderen dort" war lange Zeit die Devise für das Verhältnis zu Steppenbewohnern, Nomaden und fremden Barbaren; genauso gilt es heute für das Verhältnis der Han zu den Minderheiten des riesigen Landes in Tibet, Xinjiang usw. Aber auch Stadt und Land sind gespalten ebenso wie Küste und Binnenland, was den jeweiligen Wohlstand und die Teilhabe an sozialen und staatlichen Leistungen betrifft. Die bedeutsamste Spaltung sieht Marshall in der Existenz der "Great firewall", der digitalen Version der Chinesischen Mauer, die im Englischen "Great Wall" heißt und die chinesische Nutzer des Internets von der Welt der Demokratie und der freien Meinung abschirmt.

Der Reiz von Marshalls Buch liegt natürlich in der Übertragung des Wortes "Mauer" auf gesellschaftliche und historisch gewachsene Spaltungen; er wendet dies auch auf Deutschland an, wo man für drei Jahrzehnte gewissermaßen das Patent auf "die Mauer" zu haben glaubte. Allerdings war die deutsch-deutsche Grenze mit ihren weltpolitischen Implikationen auch besonders gefährlich und furchterregend.

Leider erliegt Marshall nicht nur im Fall Deutschlands und Europas öfters der Versuchung, mit der Mauer-Metapher in sehr gedrängter Form jedes gesellschaftliche und historische Phänomen erklären zu wollen. Hätte er sich auf seine Reportertugenden besonnen und selbst noch mal ein paar Weltgegenden in Augenschein genommen, um zu sehen, was Mauern an den Grenzen und in den Köpfen anrichten können - es hätte seinem Buch gutgetan.