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50 Jahre Fachhochschulen:Zu stark für die Nische

Muriel Helbig

Muriel Helbig, 44, ist promovierte Psychologin und seit 2014 Präsidentin der Technischen Hochschule Lübeck. In Lübeck wird vom 13. bis 15. Juni das Jubiläum „50 Jahre Hochschulen für angewandte Wissenschaften“ gefeiert.

(Foto: TH Lübeck)

Die Ingenieurschulen der 60er-Jahre haben eine rasante Karriere gemacht - als Fachhochschulen sind sie unverzichtbar für Wirtschaft und Gesellschaft. Aber sie brauchen mehr Unterstützung. Ein Gastbeitrag.

Die ersten Fachhochschulen Deutschlands wurden im hohen Norden gegründet - vor 50 Jahren in Flensburg, Kiel und Lübeck. Das werden wir diesen Monat feiern, wir haben allen Grund dazu. Aus drei Fachhochschulen sind über 200 geworden, mehr als eine Million Menschen studieren bei uns, Tendenz steigend. Zwei von drei Ingenieuren erwerben ihr Know-how an einer Fachhochschule, in den Gesundheitsberufen sind es noch mehr. Unsere praxisnahe Lehre und anwendungsorientierte Forschung, das Wissen, das wir in die Gesellschaft transferieren, machen uns zu Innovationsmotoren in unseren Regionen. Darauf können wir stolz sein.

Umso verwunderlicher ist es, dass Fachhochschulen immer noch strukturell benachteiligt werden. Die Ungleichbehandlung ist deutlich. Für ihren gesetzlichen Auftrag, Forschung durchzuführen, erhalten sie 2019 aus dem Programm zur Förderung angewandter Forschung und Entwicklung 56 Millionen Euro. Die Universitäten erhalten vom Bund allein über die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG und die Exzellenzstrategie jährlich rund 3,5 Milliarden. Um die Größenordnung zu verdeutlichen: Umgerechnet auf die Anzahl der Hochschulen sind dies 250 Tausend Euro pro Fachhochschule - und 250 Millionen pro Universität.

Fachhochschulen brauchen das Promotionsrecht und bessere Bedingungen für Professoren

Auch die Länder könnten für Fachhochschulen noch mehr tun. Für wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, indem sie das Promotionsrecht vergeben. Für Professorinnen und Professoren, indem sie die unverhältnismäßig hohe Lehrlast verringern und grundsätzlich die Besoldungsstufe anheben - schon allein deshalb, weil Fachhochschulen ihre Professoren aus Unternehmen und sozialen Einrichtungen zu sich locken müssen, schließlich setzt praxisnahe Lehre mehrere Jahre Berufserfahrung voraus.

Die Berufungsvoraussetzungen sind das deutlichste Abgrenzungsmerkmal zwischen den beiden Hochschultypen, jedoch keins, das die strukturellen Benachteiligungen der Fachhochschulen rechtfertigen würde. Im Gegenteil: Ihre herausragenden Potenziale und gleichzeitig schlechten Bedingungen zu ignorieren, ist für die Bildungsnation Deutschland im besten Fall fantasielos, im schlimmsten fahrlässig. Genauso irritierend ist es, wenn statt einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit den Fachhochschulen über die Angebote, die sie der Gesellschaft machen, und die Bedarfe, die sie hierfür sehen, reflexartig mit dem Vorwurf reagiert wird, sie wollten ja nur sein wie Universitäten.

Fachhochschulen wollen ihr Nischendasein beenden. Ein sichtbares Zeichen hierfür ist das Ablegen ihres umstrittenen Namens. Fast alle staatlichen Fachhochschulen haben sich umbenannt und heißen nun meist Hochschule oder Hochschule für angewandte Wissenschaften. Einige Bundesländer haben den Namen gar aus ihrem Hochschulgesetz gestrichen. Die Umbenennung erfolgt nicht, weil man nicht stolz auf den eigenen Hochschultyp wäre, sondern um auch in der Bezeichnung zu verdeutlichen, dass an diesen Hochschulen längst ein breiteres Spektrum an Fächern und Leistungen abgedeckt wird als noch vor 50 Jahren.

Fachhochschulen, egal mit welchem Namen, machen sich stark. Sie fordern bessere Bedingungen in Finanzierung, Ausgestaltung und Beteiligung, sie fordern eine Stärkung der angewandten Forschung. Einige fordern eine Umkehr der aktuellen Studierendenverteilung zwischen Universitäten und Fachhochschulen, da das Land praxisnah qualifizierte Fachkräfte dringend braucht. Sie fordern, dass endlich gehandelt wird. Ihr Jubiläum ist ein guter Zeitpunkt dafür.