Zehn Jahre nach dem Bahnunfall von Eschede Die Hochgeschwindigkeitskatastrophe

Heinrich Löwen, der Sprecher der Hinterbliebenen.

(Foto: Foto: ddp)

Sie reden und essen. Sie lesen Zeitungen, blättern in Zeitschriften, sie sind vertieft in Bücher oder schreiben. Sie machen Pläne oder Bilanzen. Ein Kind malt. Sie spielen und träumen. Sie denken nach, dösen, schlafen. Sie hören Musik und schauen aus dem Fenster.

Häuser, Dörfer, Städte ziehen vorbei - Kirchtürme, Fabriken, Strommasten. Der ICE überholt Lastwagen und Autos, immer schneller fährt er durch die Heide.

10.57 Uhr. Rund sechs Kilometer vor Eschede bricht am ersten Waggon der Radreifen 1591. Ein Ermüdungsbruch, nach fast zwei Millionen Kilometern Laufstrecke. Der stählerne Reifen löst sich von der Radscheibe, verkeilt sich im Drehgestell und durchstößt mit einem Knall den Wagenboden.

Der 31-jährige Jörg Dittmann aus Regensburg sieht vor sich den aufgebrochenen Fußboden und vermutet "eine Explosion". Mit Frau und Kind flüchtet er sofort aus dem Abteil.

Auch andere Reisende haben den Einschlag mitbekommen: Sie spüren, wie der Wagen 1 "hochhüpft" und der Zug schlingert, sie bekommen "Todesangst". Eine Achse ist gebrochen, glaubt ein Mann und schaut zur Notbremse. "Oh Gott, das geht nicht gut!", denkt die Apothekerin in Wagen 4. Man sieht einander entsetzt an, doch niemand steht auf und zieht die Bremse.

200 Stundenkilometer mit gebrochenem Rad

Im dritten Wagen findet Jörg Dittmann den Schaffner. Auch der hat einen "sehr starken Schlag" bemerkt, sich aber "noch nicht so ganz große Sorgen gemacht". Auch ihn beruhigt, dass der Zug in gewohntem Tempo weiterfährt. "Es ist etwas Schreckliches passiert!", ruft Jörg Dittmann dem 50-jährigen Zugbegleiter zu. "Was denn?", fragt dieser. - "Ich zeig's Ihnen." Herr Dittmann und der Schaffner laufen zurück in den ersten Waggon.

Wiesen, Felder, Wolken. Vor einem Heidestädtchen namens Eschede rast der ICE durch ein größeres Waldstück. 200 Stundenkilometer. Vierzig mal schneller als ein Fußgänger. Kiefern, Birken, Eichen huschen vorbei. Harald Korb, ein Lehrer aus Gauting auf dem Weg nach Sylt, sieht, wie sich im Zugfenster das Gesicht seiner Frau spiegelt. Sie lächelt.

10.59 Uhr. Kurz vor Eschede, anderthalb Minuten nach dem Reifenbruch, rutscht der defekte Radsatz an einer Weiche von der Schiene und prallt - 50 Meter weiter - gegen die nächste Weiche. Der Zug entgleist, 150 Meter vor einer Brücke am Ortsrand von Eschede.

Der Triebkopf sowie Wagen 1 und 2 passieren die Brücke ohne anzuschlagen. Wagen 3 reißt die rechten Brückenpfeiler weg. Die ersten drei Waggons rattern über den Schotter und kommen nach 300 Metern zum Stehen.

Wagen 4 rast nach rechts hinunter in den Wald und kippt um. Auf den hinteren Teil des fünften Waggons stürzen Brückenteile und reißen ihn auseinander. Wagen 6 wird teilweise von Betontrümmern begraben. Die nachfolgenden sechs Waggons klappen wie ein Zollstock zusammen. Der hintere Triebwagen schiebt die Wracks zehn Meter hoch auf.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, vor welchen Problemen die Helfer direkt nach dem Unglück standen.