Zehn Jahre nach dem Bahnunfall von Eschede Die Hochgeschwindigkeitskatastrophe

Zehn Jahre nach dem Bahnunglück von Eschede gibt es keine Schuldigen; ein Verantwortlicher wurde befördert und die Züge rasen noch schneller durchs Land.

Von Roman Grafe

Am Ortsrand von Eschede steht eine Bahnbrücke. Daneben ist ein Denkmal: 101 Namen auf grauem Stein, auch Geburtsdaten und Wohnorte. 101 Kirschbäume hat man neben das Denkmal gepflanzt. Manchmal bleibt jemand vor den Namen stehen, zieht den Hut. Escheder spazieren mit ihren Hunden vorbei. Anwohner entfernen stillschweigend die verwelkten Blumen von der Gedenkstätte. Der Schriftsteller Roman Grafe hat an dieser Stelle im Herbst 2007 eine Recherche begonnen, die ihn verändert hat: die Geschichte des ICE-Unfalls in Eschede.

Ein Gedenkstein erinnert an die Bahnkatastrophe von Eschede. Die Züge rasen derweil weiter.

(Foto: Foto: ddp)

Mittwochmorgen, 3. Juni 1998, kurz vor fünf. Im bayerischen Vilshofen bringt der Berufsberater Heinrich Löwen seine Frau Christl und seine 26-jährige Tochter Astrid zum Zug. Sie wollen in den Urlaub, für eine Woche nach Hamburg.

Christl Löwen ist 50 und seit Jahren nicht von zu Hause weggekommen: Ihre zweite Tochter, Wiltrud, ist geistig behindert und blind. Nun übernimmt Heinrich Löwen die Pflege.

"Wir fahren mit der Bahn, das ist sicherer", sagen sie. Heinrich Löwen winkt den beiden hinterher und sieht, wie der Zug in der nächsten Kurve verschwindet. In Nürnberg steigen Christl und Astrid Löwen um 7.32 Uhr in den Intercity-Expreß 884, München - Hamburg.

Der ICE 884 ist am Abend zuvor im Münchner Betriebswerk routinemäßig überprüft worden. Auf den Tag genau sieben Jahre ist es her, seit der erste Intercity-Express von München nach Hamburg fuhr. Der ICE, das Zugpferd der Deutschen Bahn auf der Nord-Süd-Rennstrecke, das Flaggschiff, der Top-Sprinter, das Herz des schnellen Fernverkehrs ...

Nach dem Start des ICE-Verkehrs im Frühjahr 1991 hat man ein störendes Brummen in den Waggons bemerkt. Im September 1991 schreibt Bahnvorstand Roland Heinisch an Bahnchef Dürr: "Bei meiner letzten Fahrt von Stuttgart nach Frankfurt saß ich im Bistro-Raum des Speisewagens. Das Dröhnen und Scheppern war so stark und so beängstigend, dass nach meiner Einschätzung bei längerem Anhalten nicht nur mit großen negativen Reaktionen der Kunden (und der veröffentlichten Meinung), sondern auch mit echten Schäden an Einrichtungen im Wagen zu rechnen ist. Es müssen sofort konkrete Abhilfemaßnahmen ergriffen werden!!"

Der ICE, der Stolz der deutschen Eisenbahntechnik, 59 solcher Superzüge fahren 1991 durch Deutschland, Stückpreis 50 Millionen D-Mark - das Geschäft soll ausgeweitet werden, am besten weltweit. Und nun brummt es, und die Gläser klappern.

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ICE-Unglück

Die Katastrophe von Eschede