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Wilhelm Gustloff:Wenn Hyänen auf Tauchfahrt gehen

Seit dem Erscheinen des Romans von Günter Grass wollen immer mehr Nostalgiker das Wrack des NS-Schiffs "Wilhelm Gustloff" sehen.

Gdingen - Über dem Tresen hängt ein großes Bild der Wilhelm Gustloff, des einstigen Kreuzfahrtschiffes der NS-Freizeitorganisation "Kraft durch Freude".

Wilhelm Gustloff, dpa

Das NS-Schiff "Wilhelm Gustloff" - eine Tragödie ohne Gleichen

(Foto: Foto: dpa)

Der Wirt am Bierausschank bekommt sofort einen gespannten Gesichtsausdruck, als er nach dem Schiff gefragt wird. "Wollen Sie wissen, wo genau es in unserem Hafen abgefahren ist?", fragt er. Dann fügt er im Flüsterton hinzu: "Oder wollen Sie hinfahren?" Und weiter nach einem Moment, in dem der Fragesteller scharf gemustert wird: "Oder sind Sie Sammler?"

Seitdem kürzlich die Zeitung Rzeczpospolita ihren Aufmacher den "Hyänen von der Wilhelm Gustloff" gewidmet hat, ist der Betreiber der kleinen Kneipe am Hafen von Gdingen vorsichtig geworden.

Denn die Aufregung ist groß um das Schiff, das nicht weit von hier seit fast 59 Jahren in 47 Meter Tiefe liegt. Am 30. Januar 1945 wurde es von einem sowjetischen U-Boot mit einem Torpedo versenkt. Im eisigen Wasser der Ostsee ertranken zwischen 6000 und 9000 Menschen.

Es waren meist Flüchtlinge, die sich vor der herannahenden Roten Armee retten wollten.

Illegale Tauchfahrten zum Seefriedhof

Seit langem weiß man an der polnischen Ostseeküste, dass Tauchklubs zwischen Kolberg und Danzig Fahrten zu dem Wrack organisieren. Doch derartige Ausflüge sind illegal, die Stelle, deren Koordinaten offiziell nie bekannt gegeben wurden, haben die Behörden zum Seefriedhof erklärt.

Die Totenruhe darf also nicht gestört werden. Das Seeamt in Gdingen erteilt grundsätzlich keine Genehmigung für Tauchfahrten, wie der Abteilungsleiter Henryk Koszka sagt.

Aber er weiß, dass immer wieder gegen das Verbot verstoßen wird. Vor allem, seitdem der Bestsellerroman "Im Krebsgang" von Günter Grass, in dessen Mittelpunkt der Untergang des Schiffes steht, auf Polnisch erschienen ist, haben die Behörden ein sprunghaftes Anwachsen der Meldungen über "außerordentliche Vorkommnisse" im verbotenen Planquadrat registriert.

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