Verbrecherjagd über Jahrzehnte Der Fall seines Lebens

Bis heute ist es eines der rätselhaftesten Verbrechen Deutschlands. Bis heute will Dieter Weihser die Täter überführen. Eine Spurensuche.

Von Michael Jürgs

Der zweite Doppelmord passiert, während Kriminalbeamte die Opfer des ersten Doppelmordes untersuchen. Das ist belegbar, aus den späteren Analysen der Gerichtsmediziner zur Bestimmung der Todeszeit. Die Ermittler am Fundort der soeben entdeckten Leichen hätten die Schüsse, wie Rekonstruktionen dann ergaben, im Wald allerdings nicht hören können. Zwar ist der Tatort, wo die anderen Ermordeten gefunden wurden, nur achthundert Meter Luftlinie von ihnen entfernt, doch geschieht der zweite Mord in einer Senke, aus der keine Geräusche dringen. Auch das wurde später überprüft.

Dieter Weihser sagt, er mache einfach nur seinen Job. Aber in Wahrheit lassen ihn die zwei Doppelmorde von vor zwanzig Jahren nicht mehr los. Denn irgendwo da draußen muss der Mörder frei rumlaufen, glaubt er. Und den will, den muss Dieter Weihser fassen.

(Foto: Foto: Hinrik Schmoock)

Den Anblick näher zu beschreiben, der sich ihm bot, als er und seine Kollegen am Nachmittag des 12. Juli 1989 am ersten Tatort eintreffen, verbietet sich Kommissar Dieter Weihser noch heute, fast zwanzig Jahre danach. Steht zwar alles im Protokoll, das er verfasste, in dürren Sätzen, sozusagen sich selbst schützend vor allzu genauer Beschreibung, aber, nein, schüttelt er heute den Kopf, nein, keine Details. Weihser, ein Brocken von Kerl, bärenruhig und doch stets sprungbereit, hat keine Illusionen, was seinen Beruf betrifft. Er hat zu viele Reformen und Reformen der Reformen erlebt, schöpft deshalb Kraft nur aus eigenem Antrieb.

Es ist ihm aber der kühle Ehrgeiz des Profis geblieben, ein Ehrgeiz, den Frusterlebnisse aus mehr als 31 Berufsjahren, hervorgerufen durch Verirrungen und Verwirrungen einer jede Leidenschaft erstickenden Bürokratie, nicht haben brechen können. Er regt sich ja auch nicht darüber auf, dass er bei einem zweiwöchigen Angelurlaub in Norwegen, täglich am Fluss stehend, nicht einen einzigen Lachs gefangen hat. "So ähnlich ist es doch mit manchen Fällen auch. Manchmal dauert es Jahre, bis man den Richtigen an der Angel hat, manchmal geht es schneller", und dass es auch mitunter gar nicht gelingt, weiß er. Doch er lehnt es ab, diese letzte Möglichkeit im Fall der Doppelmorde zu akzeptieren, bevor er pensioniert wird.

Skelettierte Reste

Er verschwendet nämlich keinen Gedanken darauf, das erlaubt er sich einfach nicht, den Fall seines Lebens ungelöst als Aktenzeichen hinterlassen zu müssen, wenn er pensioniert wird.

Eine Hitzewelle wie diese im Sommer 1989 hatte es in Niedersachsen schon seit Jahren nicht mehr gegeben. Drei Blaubeersammler waren auf der Suche nach einem schattigen Plätzchen auf die Toten gestoßen, genauer gesagt: ihre laut Ermittlungsakte "stark mumifizierten und größtenteils skelettierten" Reste, verscharrt unter Tannenzweigen. Der Revierförster, den sie, geschockt, stolpernd, rennend Richtung Bundesstraße 216, im Forsthaus aufschreckten, hatte die Kriminalisten aus dem nahen Lüneburg alarmiert.

Ob es sich bei den Leichenteilen um das seit Ende Mai von ihren Töchtern als vermisst gemeldete Hamburger Ehepaar Ursula und Peter Reinold handelte, konnten Weihser und seine Kollegen vor Ort zwar noch nicht mit letzter Sicherheit bestätigen. Sie brauchten dafür die Bestätigung der Forensiker und des Zahnarztes, aber sie hegten damals kaum noch Zweifel daran.

Sie sind es tatsächlich. Ursula und Peter Reinold wurden brutal umgebracht, so viel steht sofort fest. Aber wie? Hat der Mörder sie erschossen oder hat er sie erst stranguliert oder waren zum Beispiel Wildschweine bei der Futtersuche auf sie getrampelt und ist deshalb bei Peter Reinold der Kehlkopf eingedrückt? Und wo ist ihre Bekleidung? Und wo das von den Kindern bei der Vermisstenmeldung als auffallend beschriebene Fernglas ihres Vaters? Und wo der Picknickkorb ihrer Mutter? Der Verdacht, dass es sich beim Fundort nicht um den Tatort handeln dürfte, bestätigt sich, als die Spurensicherung bis in eine Tiefe von dreißig Zentimetern den Boden abträgt, die Erde auf der Suche nach Projektilen durch ein Sieb schüttelt und nichts findet.

Hingerichtet per Kopfschuss

Vierzehn Tage später, am 27. Juli - es ist nach wie vor heiß und trocken - wird deshalb noch einmal mit Hundertschaften das Waldgebiet durchkämmt. Und dabei, also erneut per Zufall, finden Polizisten die anderen Opfer: einen Mann und eine Frau, hingerichtet per Kopfschuss aus einer Kleinkaliberwaffe 5,6 Millimeter, zum Teil an Händen und Füßen mit Leukoplast gefesselt, Gesicht nach unten, liegen vor ihnen in Jagen 147, achthundert Meter entfernt von Jagen 138. Der zweite Doppelmord. Die Bezeichnung "Jagen" klingt zwar passend, schwerblütig, nach erlegtem Wild, doch so werden im Staatswald Göhrde ganz simpel einzelne Flure und Abschnitte bezeichnet.

Dass es sich um Ingrid Warmbier und Bernd-Michael Köpping handelt, ist schnell ermittelt, denn die Leichen sind noch nicht verwest. Gemeinsam waren die beiden aus dem nahe gelegenen Bad Bevensen am 12. Juli nach dem Mittagessen in Köppings weißem Toyota zu einem kurzen Ausflug aufgebrochen. Seit jenem Tag, also genau dem Tag, an dem die Überreste der Reinolds entdeckt worden waren, ist das zweite Paar - ein Liebespaar, kein Ehepaar - nicht mehr gesehen und als vermisst gemeldet worden.

Die Benachrichtigung ihrer jeweiligen Partner, die nichts von der offensichtlich erst während einer Kur gewachsenen Liebesbeziehung von Warmbier und Köpping ahnten, erfordert deshalb zusätzlich Sensibilität. Eine Sonderkommission, zu der zeitweise siebenunddreißig Kriminalbeamte gehören, unter ihnen auch Kriminalkommissar Dieter Weihser aus Lüneburg, beginnt mit der Suche nach dem Täter.