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Unglück bei Überlingen:Ursachenforschung auf 123 Seiten

So basiere etwa die mangelnde Kommunikationsmöglichkeit am Unglücksabend auf einem Produktfehler eines amerikanischen Herstellers. Auch das aus den USA stammende Kollisionswarnsystem TCAS war laut BFU zum Zeitpunkt des Unfalls noch nicht voll in den internationalen Luftverkehr integriert gewesen.

In der Unglücksnacht war sich der Lotse wegen eines nicht laufenden Warnprogramms der drohenden Gefahr nicht bewusst - und gab der russischen Tupolew die Anweisung zum Sinkflug, die der Pilot ausführte. Im Cockpit hätte dieser jedoch dem TCAS-System folgen sollen, das ihn zum Steigen aufforderte.

"Damit hätte der Unfall sicher vermieden werden können", sagte BFU-Untersuchungsleiter Jörg Schöneberg. Denn das TCAS-Gerät hatte der Boeing parallel einen Sinkflug vorgegeben. Nach TCAS wären dann beide Maschinen sicher übereinander hinweg geflogen.

Die zum Unglückszeitpunkt gültigen Vorschriften für das TCAS seien teilweise lückenhaft und missverständlich gewesen, heißt es weiter. "Zu allen Ursachen gibt es Einflussfaktoren, die die Sachlage zusätzlich erschwert haben", sagte Schöneberg weiter. Durch die technischen Arbeiten waren zum Beispiel die Telefonleitungen gestört.

Ein Lotse aus Karlsruhe, der die Katastrophe auf seinem Bildschirm kommen sah, hatte elf Mal vergeblich versucht, mit seinem Zürcher Kollegen Kontakt aufzunehmen.

"Auch dieser Unfall hat sich ereignet, weil viele Ereignisse und Umstände, Handlungen und Unterlassungen zusammentrafen, die für sich allein betrachtet manchmal eine nur geringe Bedeutung für die Flugsicherheit hätten haben können", heißt es im BFU-Bericht.

Die Fachleute betonten aber: "Die BFU klärt keine Schuld- und Haftungsfragen!" In einem Brief an den russischen Präsidenten Wladimir Putin versicherte der Schweizer Bundespräsident Joseph Deiss, die Schweiz werde die Verantwortlichen heraus finden und die strafrechtlichen Konsequenzen ziehen. Die Schweizer Justiz ermittelt weiter gegen unbekannt. Wie die Bezirksanwaltschaft in Bülach bei Zürich mitteilte, soll etwa geklärt werden, welche Verantwortung andere Mitarbeiter als der Unglückslotse gehabt hätten.

Der Dienst habende skyguide-Fluglotse war im Februar dieses Jahres in Zürich umgebracht worden. Der russische Tatverdächtige, der in Untersuchungshaft sitzt, hatte bei dem Unglück seine Familie verloren. Die Hinterbliebenen der Opfer haben nach eigenen Angaben bislang lediglich von der Versicherung der betroffenen russischen Fluggesellschaft umgerechnet knapp 3000 Euro pro Opfer erhalten.

Einen inneren Frieden werden sie ihrer Sprecherin Julia Fedotowa zufolge auch nach einem Gerichtsurteil zur Schuld an der Flugzeugkollision nicht finden. "Die seelische Wunde bleibt für immer offen", sagte Fedotowa. Sie hatte bei dem Unglück ihre 15- jährige Tochter verloren.

© dpa
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