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Unglück am Kap Arkona auf Rügen:Suche nach Katharina wird eingestellt

Bei einem schrecklichen Unglück wurde Weihnachten eine Zehnjährige am Kap Arkona auf Rügen verschüttet. Seither gruben Rettungskräfte, suchten Hunde, wurde ein Spezialbagger eingesetzt. Nun geben die Rettungskräfte auch die letzte Hoffnung auf: den Leichnam des Kindes zu finden.

Charlotte Frank

Alles ist voller Himmel, wenn man am Kap Arkona am Strand steht, die Füße in der kreideweißen Ostseegischt, den Rücken zur Steilküste. Alles geht auf in diesem Himmel, die Schreie der Möwen, die Gedanken, die Regentropfen, die erst auf dem Boden sichtbar werden, und irgendwo, ganz hinten im verschwommenen Grau, sogar das Meer.

Deshalb kommen die Menschen hierher, wenn sie auf Rügen sind, seit Jahren schon, obwohl sie wissen, dass es gefährlich ist. Wer rechnet denn schon damit, dass an einem Ort, wo so viel Himmel ist, die Erde ausgerechnet ihn verschluckt?

Wer rechnet schon mit einem so grausamen Schicksal: Am zweiten Weihnachtsfeiertag gingen die zehnjährige Katharina aus Plattenburg in Nordbrandenburg, ihre Mutter und ihre 14-jährige Schwester an dem Kliff spazieren, als sich mehrere tausend Kubikmeter Erde und Kreide aus der Steilwand lösten und die Familie unter sich begruben. Katharinas Mutter und ihre Schwester konnten verletzt gerettet werden. Katharina ist bis heute verschüttet. Die Rettungskräfte wussten irgendwann, dass sie allenfalls noch eine Leiche finden können. Und doch setzten sie alles daran. Am Wochenende, zwölf Tage nach dem Unglück, nahmen sie die Suche ein weiteres Mal auf - um sie dann am Sonntag wieder zu beenden, diesmal "endgültig", wie der Leiter des Katastrophenstabs sagte.

Samstagmittag am Kap Arkona: Ein unförmiger Spezialbagger eiert mühsam vom nächstgelegenen Dorf Vitt aus den Strand entlang. Sein Einsatzort, an dem Katharinas Körper irgendwo unter einer drei Meter dicken Geröllschicht vermutet wird, ist kaum zugänglich für das schwere Gefährt, zumal am Vortag eine Sturmflut die Strände von Rügen unter Wasser gesetzt hatte. Nach Stunden endlich am Einsatzort angekommen, fährt der Bagger einen mächtigen, 18 Meter langen Ausleger aus, mit dem er die Erdmassen abzutragen beginnt - aus sicherer Entfernung, um die Leiche nicht zu beschädigen. Bis Samstagabend trägt die Maschine so auf einer Fläche von 500 Quadratmetern Kreide und Geröll ab. Vergeblich.

Fünf Tage lang hatten die Helfer ihre Arbeit zuvor wegen eines erneuten Hangrutsches und schwerer Winterstürme unterbrechen müssen, am Samstag konnten sie das Gelände endlich wieder betreten. Prompt schlugen die Leichenspürhunde an. Ein Tier soll sich sogar an einer Stelle hingesetzt haben - für Hundeführer eines der zuverlässigsten Zeichen dafür, dass die Hunde Blut oder Verwesungsgeruch erkannt haben. An dieser Stelle vermuteten sie Katharinas Körper fortan, dort musste er sein. "Wir wollen es heute schaffen. Wir wollen heute das Mädchen finden", sagte Einsatzleiter Daniel Hartlieb. Sie schafften es nicht.

Jeden Gedanken bei dem Kind

Am Sonntag klang Hartlieb schon nüchterner. Wieder waren 15 Einsatzkräfte vor Ort, wieder waren die Hunde losgeschickt worden, um auf der Hunderte Quadratmeter großen Unglücksstelle den Kinderkörper auszumachen, wieder hatten die Tiere Zeichen gegeben. "Wir machen deshalb weiter", sagte Hartlieb. Es klang, als wolle er sich selbst Mut zusprechen. Als wolle er einfach nicht glauben, dass Katharina irgendwo dort unter dem Geröll liegen könnte, wo sie schon gegraben haben, jeden Gedanken bei dem Kind, das vielleicht nur einen Meter links von ihrer Schaufel lag, vielleicht nur ein paar Zentimeter rechts. Als könne er nicht fassen, dass sie das am Ende nicht schaffen könnten: der Familie die Tochter zurückzugeben, die so urplötzlich aus dem Leben gerissen wurde, ohne Vorwarnung, ohne Grund, ohne Leiche. Zumindest die zu finden, war doch das einzige, was sie auf Rügen für diese Menschen tun konnten. Dachten sie.

"Wenn wir morgen die Hunde laufen lassen und keine Feststellung haben, dann glaube ich, werden wir an dieser Stelle aufhören müssen", hatte Einsatzleiter Hartlieb schon am Samstagabend gesagt. Unausgesprochen blieb, was zu diesem Zeitpunkt schon alle wussten: Dass Katharinas Körper vom Druck der Gerölllawine auch ins Meer gespült worden sein könnte. Dass die Wellen ihn mitgenommen haben und die Helfer ihn niemals finden werden. Dass sie umsonst gegraben haben, die ganzen Tage, und dass die Eltern, denen das lebende Kind genommen wurde, nicht einmal dessen toten Körper zurückbekommen würden.

Als sich am Sonntagabend der Himmel am Kap Arkona verfinsterte, war klar, das Katharina verschollen bleibt. Die Grablichter, die Trauernde an der Königstreppe gelassen hatten, hatte der Sturm gelöscht. Alles voller Dunkelheit.

© SZ vom 09.01.2012/lala
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