Ungeklärte Todesursachen Tausend unentdeckte Morde

Mindestens 1200, bis zu 2400 Tötungsdelikte pro Jahr werden niemals als solche erkannt - die Zahl der Morde in Deutschland ist mehr als doppelt so hoch, wie bislang angenommen. Rechtsmediziner Wolfgang Eisenmenger erklärt, woher das kommt.

Interview: Charlotte Frank

Weil Ärzte bei der Leichenschau oft zu ungenau vorgehen, bleiben jährlich bis zu 1000 Morde unentdeckt, wie der niedersächsische Justizminister Bernd Busemann (CDU) anlässlich der aktuellen Justizministerkonferenz in Celle beklagt hat. Viel zu häufig werde der Totenschein ausgestellt, ohne Hinweise auf eine unnatürliche Todesursache gründlich zu überprüfen. Professor Wolfgang Eisenmenger, Vorstand des Rechtsmedizinischen Instituts der Universität München, erklärt die Hintergründe dieses Missstands.

Todesscheine werden häufig ausgestellt, ohne dass die Möglichkeit einer unnatürlichen Todesursache näher untersucht wird. 1200 bis 2400 unentdeckte Tötungsdelikte pro Jahr sind die Folge.

(Foto: Foto: ddp)

SZ: Herr Eisenmenger, halten Sie die Zahl von 1000 unentdeckten Tötungsdelikten pro Jahr für realistisch?

Wolfgang Eisenmenger: 1000 ist sogar noch eine optimistische Annahme. In einer Multi-Center-Studie der Universität Münster aus dem Jahr 1997 kam heraus, dass mindestens 1200 Tötungsdelikte jährlich unaufgedeckt bleiben. Maximal könnten es laut diesem Bericht sogar 2400 Morde sein, die niemals auffallen. Ein Skandal!

SZ: In der Tat, keine schöne Vorstellung!

Eisenmenger: Und jetzt muss man sich erst mal in einer stillen Minute den Vergleich vor Augen halten: Während wir über 1200 bis 2400 unentdeckte Morde diskutieren, werden in Deutschland pro Jahr nur 1000 Morde entdeckt. Das heißt, in Wirklichkeit werden mehr als doppelt so viele Menschen ermordet wie bislang immer angenommen. Womöglich kommt auf jeden bekannt gewordenen Mord ein unentdeckter.

SZ: Woran liegt das?

Eisenmenger: Zum einen liegt das an solchen Staatsanwälten, die ungern eine Obduktion anordnen. Und solange von den Juristen nichts kommt, dürfen wir Mediziner die Leiche nicht öffnen. Zum anderen liegt die Schuld auch bei den Ärzten selbst. Manche von ihnen stellen viel zu schnell Totenscheine aus, ohne den Verstorbenen eingehend zu untersuchen.

SZ: Ist das eine Frage mangelnder Qualifikation oder mangelnder Motivation?

Eisenmenger: Es wäre falsch, der Ärzteschaft insgesamt vorzuwerfen, sie würde nachlässig Totenscheine ausstellen. Aber bei Fortbildungen stellen wir immer wieder Defizite fest. Hinzu kommt, dass viele Ärzte einfach sehr ungern Leichen untersuchen. Dadurch werden oft Auffälligkeiten übersehen, die auf eine unnatürliche Todesursache hinweisen.

SZ: Was wird dabei besonders oft übersehen?

Eisenmenger: Bei alten und kranken Menschen, die von ihren Pflegern oder Krankenschwestern mit einer Überdosis getötet wurden, nimmt der Arzt leicht einen natürlichen Tod an. Aber auch Vergiftungen und Erstickungen bleiben oft unerkannt. Sie sind von außen ohne die Obduktion eines Rechtsmediziners ja kaum zu sehen.

SZ: Trotzdem wurden in der Vergangenheit zahlreiche rechtsmedizinische Institute in Deutschland geschlossen.

Eisenmenger: Das stimmt. Die Universitäten Aachen oder Marburg etwa haben keine rechtsmedizinischen Institute mehr, in Göttingen wurde das Personal auf drei akademische Mitarbeiter geschrumpft - um nur ein paar Beispiele zu nennen. Wenn wir Rechtsmediziner uns darüber beschweren, heißt es nur, wir wollten unsere Pfründe schützen - und das bei möglicherweise 1200 unentdeckten Tötungsdelikten!

SZ: Aber ist es nicht ein Fortschritt, dass der niedersächsische Justizminister jetzt den "unerträglichen Zustand" anprangert?

Eisenmenger: Das ist seit Veröffentlichung der Münsteraner Studie 1997 so gut wie jedes Jahr passiert. Getan hat sich dadurch nichts.