Umgang mit Hooligans:In der Rechtskurve

Lesezeit: 3 min

Dynamo Schwerin integriert gewaltbereite Fußballfans, Kritiker halten das für naiv.

Arne Boecker

Zu Hause fühlen sich die Fans eigentlich nur im "Würfel". Tiefrot haben sie die Bude angestrichen, neben dem Eingang prangt ein riesiges D. Das steht für Dynamo Schwerin. Innen bedecken Schals, Plakate und Urkunden die komplette Wand.

Fans Dynamo Schwerin; Wiebke Marcinkowski

In der Kritik: Mannschaftsbetreuer Torsten Born, Fanbeauftragter Ronny Sanne und Trainer und Vereinschef Manfred Radtke (von links)

(Foto: Foto: Wiebke Marcinkowski)

"Mehr als 2000 Arbeitsstunden stecken hier drin", erklärt Manfred Radtke, der Stolz ist dem Versicherungsvertreter deutlich anzumerken. Radtke fungiert als Präsident und Trainer, kurz: Der Mann ist Dynamo.

"Wenn wir sonntags spielen, verbringen die Jungs den kompletten Tag im 'Würfel'", sagt Ronny Sanne, der sich im Auftrag des Vereins um die Fußballfans kümmert. Sanne ist genauso Dynamo wie Radtke. Das Dynamo-D hat er sich auf den rechten Unterarm tätowieren lassen.

Der "Würfel" steht an einem Sportplatz im bürgerlichen Wohngebiet Paulshöhe. Obwohl Dynamo Schwerin in der Landesliga West spielt, fünf Klassen unterhalb der Bundesliga, geistert der Verein oft durch die Schlagzeilen. Denn Dynamo schließt gewaltbereite Fans nicht aus, sondern versucht, sie in das Vereinsleben zu integrieren. Dynamo-Chef Manfred Radtke verkauft diese Linie als Konzept: "Wer im 'Würfel' Bier trinkt und Bratwurst isst, kann nicht randalieren."

Schön bürgerlich

In ganz Deutschland ist zu beobachten, dass Hooligans immer häufiger Dorfsportplätze heimsuchen. Auch Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU) beklagt diese "Zunahme von Gewalt und Rassismus bis in die Bezirksklassen". Dynamo Schwerin könnte in Zukunft noch mehr Aufmerksamkeit erhalten. Dreimal in Folge ist der Verein aufgestiegen, nach dieser Saison hat er nun die Chance, mit seinen oft traurigen Schlagzeilen in die Verbandsliga vorzurücken.

Dynamo Schwerin ist ein Stück DDR, herübergerettet in die neue Zeit. 1953 gegründet, spielte der Verein meist in der 2. DDR-Liga. In den Wendewirren ging Dynamo in der Neugründung Eintracht Schwerin auf. Über Jahre plagte sich die Eintracht-Führung mit den Tätowierten und den Biertrinkern herum. "Die wollten uns nicht", sagt Ronny Sanne. "'Eintracht', das klingt schon so bürgerlich!", sagt Radtke und zieht ein Gesicht, als habe er auf eine Zitrone gebissen.

Vor fünf Jahren verließen beide Eintracht Schwerin und erfanden Dynamo neu. "Meine Familie geht seit mehreren Generationen auf die Paulshöhe", erzählt Mannschaftsbetreuer Torsten Born, "jetzt nehme ich meine Enkel mit." Und vor drei Jahren bastelten sich die Dynamos mit dem "Würfel" eine Heimat. Dort kultivieren sie den Ruf, unverstanden und allein gegen den Rest der Welt zu stehen. Im "Würfel" haben sie ihre Ruhe vor Experten für Rechtsextremismus, Fußballfunktionären und Journalisten, die ihr sogenanntes Integrations-Modell kritisieren.

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