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"Titanic" und die Politikverdrossenheit:"Die Mauer muss wieder her"

Meistens schreibt "Titanic"-Chefredakteur Sonneborn über andere. Jetzt drängt es ihn mal wieder selbst in die Schlagzeilen. Eine neue Partei und ein absurdes Programm sollen den Landtagswahlkampf in NRW beleben.

Wirtschaftsexperten und Politiker zerbrechen sich den Kopf darüber, wie die neuen Bundesländer wirtschaftlich wieder auf die Beine kommen können. Trotz Milliardensubventionen ist der Zustand ernüchternd. Die Unterschiede zwischen Ost und West sind größer denn je, ein Ausweg nicht in Sicht.

Martin Sonneborn

Martin Sonneborn vor Titanic-Ausgaben, die er neuerdings als "Parteiorgan" bezeichnet.

(Foto: Foto: dpa)

Mitten hinein in die allgemeine Depression platziert Martin Sonneborn, 39, eine aufreizend schlichte Lösung für alle Probleme: "Die Mauer muss wieder her."

"Die Menschen im Osten wollen sich nicht mehr bevormunden lassen", sagt er. Und die Wessis seien sowieso nicht gut auf die 1990 eingegliederten Ossis zu sprechen. Wenn erst die Transferleistungen wegfielen, würde endlich die Konjunktur wieder anziehen. "Ich glaube, dass beide Länder in Eigenverantwortlichkeit besser dastehen würden, auch wirtschaftlich."

Deshalb hat Sonneborn eine Partei gegründet: "Die Partei". Seine Redakteure hat er mit wichtigen Posten versorgt, ein Jurist hat das Parteiprogramm mitformuliert. Und zwar in Windeseile, denn schon im Mai 2005 stehen die Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen an.

Politisch gänzlich unerfahren ist Sonneborn nicht. Als Chefredakteur des Satiremagazins Titanic ist er zwar hauptberuflich für politische Schenkelklopfer an der Grenze zum Tabubruch verantwortlich.

Aber im Bundestagswahlkampf 2002 hängte seine Satiretruppe in Thüringen schon gefälschte FDP-Plakate mit antisemitischen Sprüchen auf. Ein Kreisvorsitzender bemerkte erst nicht, dass er vor Parolen wie "FDP - Judenfrei und Spaß dabei!" Werbung für seine Partei machte - und beschwerte sich hinterher bitter über die Titanic-Crew.

Ein Jahr später war wieder Wahlkampf-Einsatz für Sonneborn. Der Satire-Mann gab sich als Spitzenkandidat der bayerischen SPD aus und posierte vor Plakaten wie "Wir geben auf. SPD".

Woraufhin er feixend notieren konnte, dass keiner der Passanten wegen des Spruches stutzig geworden war oder die äußerlichen Unterschiede zum wirklichen Spitzenkandidaten Franz Maget bemerkt hatte.

Jedes Mal erregte er mit solchen Aktionen für kurze Zeit Aufsehen, um sich dann schnell wieder hinter den Redakteursschreibtisch zurückzuziehen. Und nun also die Partei-Gründung.

Fast täglich entstehen neue Ortsvereine

Die "Partei", am 2. August ins Leben gerufen und erst seit dem 13. August mit einer eigenen Homepage für die Öffentlichkeit erkennbar (www.die-partei.de), hat nach eigenen Angaben bereits 600 Mitglieder. "Das Fax steht nicht still", jubelt der neue Vorsitzende. Demnächst will er das Nahziel, 1000 Mitstreiter, erreicht haben. "Erst dann gehen wir zum Wahlleiter", verkündet ein vor Selbstbewusstsein strotzender Parteichef.

Ein Landesverband nach dem anderen gebe seine Gründung bekannt, fast täglich entstünden neue Ortsgruppen. Alleine in Mainz seien es bereits drei.

Das Parteiprogramm, wenn man vom letzten Absatz absieht, in der die Trennung Deutschlands als Ziel festgeschrieben ist, gibt sich allgemeinverbindlich und nüchtern.

Außer dem Mauerbau fordert die Partei die Einführung von Volksentscheiden, eine nachhaltige Reform des Gesundheitssystems sowie Umweltschutz, der "mehr ist als der Einbau von Filtern in Kraftwerke". Und natürlich ist sie auch gegen Hartz.

Bei SPD und CDU weiß man noch nichts

In den NRW-Parteizentralen von SPD und CDU weiß man von der neuen Bedrohung noch nichts.

Doch wenn es nach Sonneborn geht, wird sich das ändern. "Es ist ein ernsthaftes Austesten", versichert er auf die Frage, ob er es überhaupt ernst meint. Und Sonneborn legt noch einen drauf: "Wir sind keine Spaßpartei wie die FDP."

Auch die Grünen kommen nicht gut weg: "Quotenquatsch und halbseidene Rotation wird es mit uns nicht geben." Und Fragen zur SPD hält Sonneborn schlichtweg für unpassend: "Uns mit der SPD zu vergleichen, halte ich für hämisch und rufschädigend."

Als Himmelstürmer, der demnächst "in beiden Teilen Deutschlands" die Regierung stellen möchte, beschäftigt er sich gar nicht erst mit ehemaligen Volksparteien. "Die Partei" sei weder links noch rechts, weder liberal noch konservativ - sie stehe über allen anderen.

"Derzeit", findet Sonneborn, "gibt es eine große Abkehr von den etablierten Parteien, und bevor irgendwelche Rechtsradikalen die Wählerstimmen bekommen, wollen lieber wir sie." So spricht ein wahrer Held, der auf unorthodoxem Wege für Demokratie und Gerechtigkeit kämpft. Aber der Erdrutsch wird ausbleiben.

Doch vermutlich wird der 39-Jährige es schaffen, auch das Scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde lustvoll-lustig zu verkaufen.