SZ-Magazin "Ich habe mich nie hinter einer Perücke oder Sonnenbrille versteckt"

In Bio's Bahnhof und Boulevard Bio hat er jahrelang über andere geredet. Jetzt beendet Alfred Biolek seine Fernsehkarriere und spricht endlich einmal über sich.

Interview: Alexandros Stefanidis

SZ-Magazin: Herr Biolek, waren Sie eigentlich Mitglied der Waffen-SS?

Alfred Biolek: Um Gottes willen! Was ist das denn für eine Frage?

Man kann ja heutzutage nie wissen. Günter Grass hat auch 60 Jahre lang geschwiegen.

Ich war nicht einmal Hitlerjunge. Ich war nie Mitglied einer Nazi-Vereinigung.

Entschuldigen Sie, Herr Biolek. Ich wollte nur sichergehen. Vor Kurzem haben Sie erklärt, dass Sie mit Ihrer Kochsendung Alfredissimo! aufhören und vom Fernsehen zurücktreten werden. Bald erscheint auch Ihre Biografie. Gibt es eine Stelle im Buch, an der Ihnen zum Weinen zumute ist?

Der Tag, an dem mein großer Bruder Herbert starb. Es war Ostern 1951, das große Familienfest stand bevor, Herbert wachte morgens auf und hatte fürchterliche Kopfschmerzen. Als er es nicht mehr aushielt, brachten wir ihn ins Krankenhaus. Abends war er dann tot. Ein Hirntumor.

Wie haben Sie diesen Tag erlebt?

Ich habe den ganzen Tag Witze erzählt.

Wie bitte?

Ich war 16 und musste diesen Druck loswerden, der auf mir lag. Verstehen Sie?

Wie kam das bei Ihrer Familie an?

Einige waren schockiert, die meisten haben gelacht.

Erinnern Sie sich noch an einen der Witze?

Leider nein. Aber ich habe immer gern Witze erzählt. Möchten Sie einen hören?

Bitte.

Zwei Juden, Jitzchak und Schemuel, gehen durch das New York der Zwanzigerjahre und sind total pleite. "Was machen wir jetzt?", sagt Jitzchak. Und Schemuel antwortet: "Ich weiß nicht! Aber guck mal!" Da sehen die beiden ein großes Plakat, auf dem steht: "Werden Sie Christ! Und Sie bekommen 100 Dollar!" "Wow, das ist ja prima!", sagt Jitzchak und Schemuel erwidert: "Bist du verrückt, das können wir nicht machen! Wir sind doch Juden!" - "Na ja, aber was sollen wir tun? Wir haben doch nichts zu essen! Du bleib hier, ich schau mal rein." Jitzchak geht rein und kommt nach einer Stunde wieder heraus. "Und?", fragt Schemuel neugierig. Jitzchak antwortet trocken: "Was und?" - "Und? Hast du die 100 Dollar bekommen?" Und Jitzchak sagt: "Siehst du! Das ist es, was wir Christen an euch Juden so hassen. Ihr fragt immer gleich nach dem Geld!" Den habe ich von jüdischen Freunden erzählt bekommen.

Das Gerücht, Sie seien schwul und Jude, hielt sich jahrelang sehr hartnäckig. Hat Sie das gestört?

Ich bin seit den Siebzigern in schwule Clubs gegangen und habe mich nie hinter einer Perücke oder Sonnenbrille versteckt. Dieses Gerücht kam nicht von ungefähr. Das andere, ich sei Jude, tja, ich habe keine Ahnung, woher das kam.

Haben Sie dieses Gerücht je öffentlich dementiert?

Nein, im Gegenteil: Ich empfand es immer als große Ehre.

Und was haben Sie gedacht, als Rosa von Praunheim Sie 1991 outete?

Ach, eine Stelle an der Schulter hat mir immer schon sehr wehgetan. Damals bekam ich einen Schlag auf genau diese Stelle, der noch mehr wehgetan hat. Dann war der Schmerz auf einmal weg.