Süddeutsche Zeitung Junge Bibliothek Band 11: Die Wolke von Gudrun Pausewang

Inzwischen war Janna-Berta vierzehn, Schülerin der neunten Gymnasialklasse, und wusste mehr. Super-GAU: Das hieß, dass aus einem Atomkraftwerk Radioaktivität entwich - in gefährlichen Mengen. Und so ein Atomkraftwerk stand in Grafenrheinfeld. Wie weit war das eigentlich entfernt? Lars fuhr die Abkürzung über die Marienstraße. So umging er vier Ampeln. Es war eine stille Villengegend. Aber an diesem Tag fuhren drei Wagen vor Lars' altem Kadett her, und hinter ihm hupte es ungeduldig, obwohl Lars schon über sechzig fuhr. Im Fond diskutierten sie jetzt über die Art des Grafenrheinfelder Reaktors und darüber, was in einem solchen Reaktor passiert sein konnte. Immer wieder fielen die Wörter "Tschernobyl", "Harrisburg", "Brennstäbe", "Kühlwasser" und "Druckbehälter". Für Janna-Berta waren die vier Oberstufenschüler Atomkraft-Experten. Sie selber hatte sich nie sonderlich für Physik interessiert. Aber dass Atomkraftwerke gefährlich werden konnten, wusste sie. Nach Tschernobyl war sie mit ihren Eltern auf mehreren Demonstrationen gewesen. Sie erinnerte sich noch gut daran. Damals hatte es den Riesenkrach gegeben zwischen den Eltern und den Großeltern: Oma Berta und Opa Hans-Georg meinten, ohne Atomkraft gehe es einfach nicht mehr, die gehöre nun mal zum modernen Leben wie das Auto oder der Fernseher, und dass da in Tschernobyl was schief gelaufen sei, das habe mit den deutschen Atomkraftwerken überhaupt nichts zu tun. Außerdem: Mit Demonstrationen bewege man gar nichts, das seien nur Tummelplätze für Träumer und Chaoten. Am wütendsten aber waren sie auf Mutti gewesen: Sie waren überzeugt, dass Vati nur durch sie auf derart dumme Ideen gekommen war. "Wir haben unseren Hartmut so erzogen", hatte Opa Hans-Georg in einer der hitzigen Diskussionen gerufen, "dass er mit beiden Beinen in der Realität steht. Und jetzt das!" Wo die Marienstraße in die Niesigerstraße einmündete, gab es einen Stau. Den gab es hier sonst nie. "Astreine Panik", sagte Lars trocken. "Die wollen alle zur Autobahn." Janna-Bertas Eltern hatten seinerzeit sogar eine Bürgerinitiative gegen die Nutzung von Atomkraft mitgegründet. Aber inzwischen war Tschernobyl so gut wie vergessen. Die Atomkraftwerke in der Bundesrepublik hatten ohne nennenswerte Zwischenfälle weitergearbeitet, und die Bürgerinitiative war bald wieder eingeschlafen. "Tschernobyl war noch nicht genug", hatte Vati einmal gesagt. "Es muss erst hier bei uns passieren, damit es dem Bundesbürger den Hintern aus dem Sessel reißt." Jetzt erinnerte sich Janna-Berta auch, weshalb ihr der Name GRAFENRHEINFELD gleich so bekannt vorgekommen war: Mutti hatte einmal für die Bürgerinitiative Flugblätter abgezogen und verteilt. Janna-Berta hatte ihr dabei geholfen. Auf den Flugblättern waren die Standorte aller bundesdeutschen Kernkraftwerke zu sehen gewesen. Eines davon hatte Grafenrheinfeld geheißen. Janna-Berta konnte sich nicht mehr genau erinnern, wo es lag. Aber sehr weit entfernt war es nicht. Uli wird jetzt aus der Schule heimlaufen, dachte sie unruhig. Sie kurbelte das Wagenfenster herunter. Rollläden rasselten, Leute hasteten aus einer Haustür. Auf der anderen Straßenseite lief eine Frau mit zwei kleinen Kindern. Das eine trug sie auf dem Arm, das andere zerrte sie hinter sich her. Ein Parterrefenster wurde geöffnet, eine Katze herausgescheucht. Als sie endlich die Kreuzung hinter sich hatten und die Stadt in Richtung Gläserzell verließen, kamen ihnen nur noch wenige Wagen entgegen. Aber immer wieder wurden sie überholt, und noch bevor sie Gläserzell erreicht hatten, war eine ganze Wagenkolonne hinter ihnen. "Die fahren Landstraße, weil die Autobahnen bald verstopft sein werden", meinte einer im Fond. "Wenn's wirklich brenzlig wird, fliegen wir weg", sagte Lars. Janna-Berta wusste, dass Lars' Vater ein Sportflugzeug auf dem Flugplatz in Wernges stehen hatte. Er hatte ihren Vater einmal zu einem Flug über Schlitz eingeladen. "Ich wette, meine Leutchen sind auch schon beim Packen", sagte einer von hinten. "Sicherheitsfanatiker. Und meine Oma wird den verrücktesten Krempel einpacken: Nachttischlampen oder die Unkrauthacke!" Janna-Berta dachte an ihre beiden Großmütter: Jo, Muttis Mutter, und Oma Berta, Vatis Mutter. Jo war Krankenschwester in Schweinfurt und verbrachte jedes zweite Wochenende auf Demonstrationen. Sie war ein bisschen anstrengend mit ihrem ewigen "Wir müssen uns alle ändern ...", ihrem Vegetarierspleen und ihrem Tick vom einfachen Leben. Aber bei ihr fühlte sich Janna- Berta ernst genommen. Da durfte sie mitdiskutieren. Und Jo wohnte so herrlich unaufgeräumt! Oma Berta in Schlitz war ganz anders. Sie war wie die Omas, die in Janna-Bertas Kinderbüchern vorkamen.