Süddeutsche Zeitung Junge Bibliothek Band 43: Das Salz der Erde und das dumme Schaf von Sheila Och

Großvater schnarcht. Er wälzt sich auf dem alten Drahtgestell seines Bettes hin und her, es knarrt fürchterlich. Ab und zu brabbelt er etwas vor sich hin, dann geht die Schnarcherei wieder von vorne los. Ich liege wach und schaue die Zimmerdecke an, die grau ist vom Morgen, vom Schmutz und dem amateurhaften Anstrich. Es ist verflixt lange her, seit wir die Wohnung das letzte Mal gestrichen haben, denke ich und döse weiter vor mich hin.

Es passiert mir in letzter Zeit öfter, dass ich gegen Morgen einfach nicht mehr schlafen kann, dass mich meine "inneren Stimmen" wecken oder aber der Hunger. Die "Stimmen" quetschen sich durch das vergitterte Fensterchen hoch oben unterhalb der Zimmerdecke und sitzen dann wie wohlerzogene Mädchen am Fußende meines Bettes. Manchmal denke ich auch, dass es vielleicht gar keine richtigen Stimmen sind, sondern ich selbst. Vielleicht existiere ich ja in einem anderen Land - oder einer anderen Galaxie sogar - noch einmal, sozusagen in einer anderen Ausgabe, und komme, von Neugier getrieben, mich ständig selbst besuchen, um über das Leben zu quatschen. Und was macht das Leben? Was soll es schon machen, würde Großvater sagen, es liegt im Bett und schnarcht. Ich bin das Leben! würde er ausrufen, und damit hätte er zweifellos Recht. Wenn ich mich etwas streckte, könnte ich das Zifferblatt auf Großvaters überdimensionalem Wecker Marke Big Ben erspähen, der neben seinen großen, ausgelatschten Pantoffeln steht; aber ich habe keine Lust, mich zu strecken, ich möchte im Halbschlaf einfach weiter so daliegen und das fahle Morgenlicht unserer Wohnung langsam in meine Augen kriechen lassen. Unsere Wohnung ist imposant. Man kann sie sich unschwer vorstellen; sie hat von sämtlichen wichtigen Bauten der Weltgeschichte etwas: ein bisschen vom Alter des Colosseums, von den hohen Decken des Dogenpalastes, der Trostlosigkeit der Walhalla, der Verkommenheit von Vorstadtsiedlungen und der Kälte und Düsternis einer Königsgruft. Wir wohnen im Keller eines bis auf uns soliden Mietshauses und beklagen uns nicht. Wir bewohnen zehnmal soviel Fläche, wie uns in einer Sozialwohnung zugebilligt würde, deshalb sind wir froh, dass man uns keine Sozialwohnung anbietet. Ab und zu stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn Sonnenstrahlen in unseren Raum drängen. Nicht viele, nur ein einziger Sonnenstrahl würde genügen, um bestimmte Gegenstände zu beleuchten: die riesigen Bücherberge zum Beispiel, die Großvater aus der Altpapiersammlung gefischt hat, oder die Kiste mit den wertvollen Erstausgaben, die bei der gleichen Aktion gerettet wurden, oder vielleicht den abgestoßenen Küchenschrank mit den Milchbechern und einem Rotweinglas, oder aber das Brotmesser. Das Brotmesser ist ursprünglich ein Bajonett gewesen, mit dem Großvater in der Schlacht von Königgrätz* jemanden erstochen hat. (Ich * Entscheidungsschlacht im Krieg zwischen Preußen und Österreich 1866 bin fest davon überzeugt, dass diese Geschichte überhaupt nicht stimmt; nicht weil Großvater zu jener Zeit nicht gelebt hätte - Großvater hat das ewige Leben nämlich gepachtet -, sondern weil er garantiert kein Soldat war, der andere Leute erstochen hat. Großvater ist nämlich Vegetarier und rührt kein Fleisch an.) Der Sonnenstrahl könnte auch auf jenen undefinierbaren Becher fallen, in dem wir Zucker aufbewahren, oder auf andere Merkwürdigkeiten in unserer Wohnung. Vielleicht könnte er sich sogar bis zu dem Riesentisch mit den wunderschön geschnitzten Beinen vorarbeiten, der zweifelsohne aus der Renaissance stammt und eines unserer schönsten Besitztümer ist. Aber nein - wenn ein Sonnenstrahl hier hereinfiele, müsste er auf den Küchenschrank scheinen, weil wir dort das Brot aufbewahren und ich Hunger habe. Großvater hat sich auf die andere Seite geworfen und aufgehört zu schnarchen, und mir scheint, dass ich doch noch einmal einschlafen werde. Ich falle in etwas Watteartiges; plötzlich jedoch bin ich hellwach. Am Fußende meines Bettes sitzen wieder einmal meine Stimmen und betrachten mich zärtlich. Auch ich sehe sie mit Zärtlichkeit an, denn diese Stimmen gehören nur mir, sie sind mein einziges unantastbares Eigentum. Und jeder Mensch sollte doch etwas ganz für sich allein besitzen auf dieser Welt! "Mädels ..." Ich setze mich auf und rücke näher an die beiden Gestalten heran, die in einen ellenlangen Stoff gewickelt sind. "Mädels, was gibt's Neues?" Ich sehe schon, sie haben heute ihren Doziertag. Sie werden versuchen, mich zu belehren, ihre anscheinend einzige Freude, ihre seltsame Vorstellung von Vergnügen. "Ich spreche hier im Namen deiner Leber", sagt die erste Stimme. "Ich helfe, deine Nahrungsfette zu verdauen, du darfst mich nicht überlasten." Ich denke, dass man mit siebenhundert Kronen im Monat die Leber nicht großartig durch zuviel Fett gefährden kann, doch ich sage nichts, weil man den Stimmen nicht widerspricht. "Ich vertrete deinen Eierstock", sagt die zweite Stimme. "Bloß schade, dass du nichts Essbares von dir gibst", seufze ich vor mich hin. "Du bist ein Trottel", regt sich die zweite Stimme auf. "Diese Eier sind der Urquell des Lebens." Ich lege mich lieber wieder hin. Ich mag diese Art von Reden nicht besonders. Irgendwie beunruhigen sie mich. Jetzt aber, da der offizielle Teil des Auftrags erfüllt ist, fangen meine Stimmen an, sich wie normale Freundinnen zu benehmen. Sie flüstern mir Botschaften zu, die Großvater nie verstehen würde, zum Beispiel über den Kreislauf des Lebens aus weiblicher Sicht und so. "Du wächst", sagt die Erste. "Du wirst älter", sagt die Zweite. "Du vergreist", spinnt die Erste den Gedanken weiter. "Und was soll ich tun?" entgegne ich schläfrig. "Dich gerade halten. Willst du einen Buckel kriegen? Warum gehst du so krumm?" "Ich gehe krumm, damit niemand sieht, dass mein bescheuerter Busen ständig wächst." Mit meinen Stimmen kann ich ganz offen reden, das mag ich an ihnen. Die Sache mit dem Busen allerdings haut sie offenbar vollkommen um. "Wenn ich mich nämlich gerade halte, springen mir die Knöpfe vom Hemd", trumpfe ich mit einem weiteren Argument auf und bringe sie so zum Schweigen. Ich weiß, die Stimmen können nichts dafür, dass ich keine anständigen Blusen habe, dass ich Großvaters Hemden trage, die im Zweifelsfall schon seinem Großvater gehört haben, falls Großvater überhaupt Eltern hatte und nicht doch direkt einer Lotosblüte entstiegen ist, wie er behauptet. Ich wundere mich selbst, dass ich in Großvaters Hemd nicht so richtig hineinpasse, aber es hat dort, wo mir der Busen wächst, nur kleine Brusttaschen, die mich drücken. "Jana, wie ist das eigentlich, wenn einem der Busen wächst? Tut das weh oder was?" fragt die Zweite schließlich. Ich verdrehe vorsichtig die Augen. Großer Gott, das ist doch nicht wie bei Zähnen! Großvater wirft sich in seinem Bett unruhig hin und her, es sieht gefährlich nach Aufwachen aus. Meine Stimmen fürchten sich ein bisschen vor Großvater. Normalerweise wären sie jetzt längst zur Decke geflogen und durch das vergitterte Fensterchen entschwunden, aber heute zögern sie, als hätten sie noch etwas Wichtiges zu sagen. "Jana, kauf dir ein Los", flüstert plötzlich die Erste. Ich würde gern weitere Einzelheiten erfragen, doch Großvater setzt sich mit einem Seufzer auf, und die aufgescheuchten Stimmen fliegen wie zwei graue Riesentauben zum Fenster hinaus. Dann fängt Großvater an zu husten, und ich öffne endgültig die Augen. Großvater sieht aus wie ein Walross. Er hustet und hustet und tastet mit den großen Zehen nach seinen Pantoffeln. Großvater trägt keine Schuhe, er läuft Sommer wie Winter in seinen Quadratpuschen rum, die so ewig sind wie er selbst. In Schuhen fühle er sich nicht frei, behauptet er, besonders in Schnürschuhen nicht. Und tatsächlich, die Vorstellung, dass Großvater irgendwelche Schnürsenkel zu Schleifchen bindet, ist mehr als absurd. Danach zieht er seine lange Unterwäsche aus, die ihm als Pyjama dient, und steht in einer knallgrünen Unterhose da. Die hat er sich aus der Flagge irgendeines afrikanischen Staates, der sich nach seiner Unabhängigkeitserklärung eine neue Flagge zugelegt hatte, selbst genäht. Großvater wäscht sich am Spülbecken, Wassertropfen perlen auf seinen weißen Brusthärchen. Würde der besagte Sonnenstrahl jetzt aufblitzen, so würden die Wassertropfen wie Tau auf einer großen Wiese glitzern. Und wenn man's genau nimmt, dann ist der ganze Großvater eine unendlich große Wiese, die sich von Horizont zu Horizont erstreckt, eine Wiese, von der ich niemals herunterfallen kann. Jetzt ist es aber wirklich Zeit, dass ich aufstehe. Großvater hantiert mit Streichhölzern, und auf dem Spirituskocher entfaltet sich eine blaue Flammenblüte. "Ich habe vielleicht was Seltsames geträumt", beginne ich das heutige Morgengespräch. "Von Eierstöcken." "Wie viele Scheiben Brot willst du?" fragt Großvater mit dem Bajonett in der Hand. Ich halte zwei Finger hoch. "Die heutige Jugend ist furchtbar", murrt Großvater. "Na gut, dann nur eine." Großvater murmelt, dass er ausnahmsweise nicht meine Fresssucht meine, sondern dass er das Wort Eierstock vor seinem Großvater niemals in den Mund genommen hätte. "Wahrscheinlich deshalb, weil zwischen euch nie die Sprache drauf gekommen ist", sage ich. Der Morgen ist inzwischen endgültig angebrochen. Auf dem Gehsteig, der an unserem Fenster vorbeiführt, laufen Menschen zur Straßenbahnhaltestelle. Während wir frühstücken, dröhnen auf der Straße Autos. Die vorbeihuschenden Füße der Fußgänger erinnern mich an die größte Aufgabe des heutigen Tages. Ich habe mir angewöhnt, aus meinem Tagesplan eine Art Pyramide zu bauen: Ganz unten, als Grundstein, liegen die Aufgaben, die eigentlich überhaupt kein Problem darstellen, wie Mathematik, technisches Zeichnen und Schach. Eine Reihe darüber wird es schon problematischer: dem dämlichen Karesch das Archimedische Prinzip beibringen und Zeitungen austragen. Und ganz oben thront das so genannte Problem des Tages. Das heutige ist besonders brisant und heißt Schuhe. Das, was ich an meinen Füßen trage, sind keine Schuhe mehr, sondern eine wandelnde Kollektion diverser Klebstoffe, geradezu ein Modell unserer häuslichen Wirtschaftslage. Typisch, du trägst ein handgefertigtes Modell und beschwerst dich auch noch, würde Großvater sagen. Zudem weiß ich wirklich nicht, wer besser wirtschaften kann als wir. Höchstens die Königin von England. Und dann geht mir zum hundertsten Mal eine physikalische Gesetzmäßigkeit auf, nämlich dass ich schneller essen kann als denken: Das Brot ist alle, und ich weiß immer noch nicht, wie ich mit Großvater über meine Schuhe sprechen soll. Big Ben rasselt. Schluss mit dem Grübeln, es ist fünf Uhr, höchste Zeit und Eisenbahn, mein Wägelchen zu schnappen und die Zeitungen abzuholen. Schuhe, Schuhe, Schuhe, summt es mir im Kopf. Ich greife wütend nach meinem Vehikel - und halte mal wieder den verdammten Griff lose in der Hand. "Nimm doch meinen Kinderwagen", bietet Großvater honigsüß an. Er weiß, wie sehr ich das Ding hasse. Sein Wagen hat längst jegliche Farbe verloren, und die quietschende Federung ist eine abstruse Konstruktion, für die eine Kutsche aus dem letzten Jahrhundert dran glauben musste. Es stimmt zwar, dass man in dem Kinderwagen einen Ochsen transportieren kann, aber das macht ihn nicht gerade schöner. Ich weiß auch nicht, warum ich ausgerechnet heute eine solche Wut auf die Dinge habe, die sonst so normal sind, ich bin wütend darüber, dass ich wütend bin. Großvater weiß das und lacht mich aus. Ich schnappe mir schnell sein Machwerk und ziehe den Kinderwagen unter Ächzen und Stöhnen aus dem Keller auf die Straße. Draußen richte ich mich auf. Hinter dem Wasserwerk geht eine rosa angehauchte Sonne auf. Ich betrachte meine Schuhe, die irgendwie Großvaters Puschen ähneln, und meine Wut verraucht in der blassblauen Luft. Ich setze mich auf den Rand des Kinderwagens, bremse mit den Füßen, lache über die Flüche der erbosten Leute und fahre den Hügel hinunter zur Prager Post, wo ich mir mein Paket Neuigkeiten aus der ganzen Welt und der unmittelbaren Umgebung abhole. Im Winter trage ich die Zeitungen innerhalb einer Stunde und zwanzig Minuten aus, aber heute ist genau der Tag, an dem sich der Frühling gegen den Winter Bahn bricht: Während meine Hände noch klamm auf der Stange des Kinderwagens liegen, wirft die Sonne schon scharf umrissene Schatten. Unter diesen Umständen brauche ich für das Austragen eine Viertelstunde länger. Dafür führe ich ein nettes Gespräch mit meinem Schatten. Ich habe einen außerordentlich schönen Schatten; er ist symmetrisch und bewegt sich ausgesprochen elegant. Kompakt ist er zudem, es gibt keine Trennungen zwischen Körper und Kleidung, und selbst die Monsterschuhe kann man nicht erkennen. Erst gestern, als ich in der Schule an der Tafel stand, stierte mir die ganze Klasse auf die Füße. Nach der Stunde habe ich dann einen Wettbewerb veranstaltet - wer als erster die Originalfarbe errät. Alle hatten einen Mordsspaß, nur mein Lachen klang etwas blechern. Mein Schatten bricht sich an den Mülltonnen, die wie Zinnsoldaten vor jedem Haus der Siedlung stehen. In solchen Mülltonnen buddelt Großvater auf der Suche nach verwertbarem Kram - im Grunde der erste Umweltschützer dieses Staates, wie immer seiner Zeit um Lichtjahre voraus. Dabei müsste die Tatsache, dass er im Müll wühlt, eigentlich mein Selbstbewusstsein erschüttern, doch es berührt mich nicht weiter. Erstens habe ich mich daran gewöhnt und zweitens denke ich an Großvaters erhobenen Finger: "Einzig unsere Seele ist der Hort wahrer Eleganz." Das stimmt, allerdings ist es ewig schade, dass man die Seele nicht sehen kann. In dieser Hinsicht bin ich Materialist. Später, als ich nach Hause komme, warten auf mich wie immer eine Tasse Tee und eine Scheibe Brot. Großvater sitzt vor einem Häuflein Kartoffeln, die er vorsichtig mit dem "Bajonett schält. Die Schalen winden sich wie Späne um seine blau geäderten Hände. Großvaters Kartoffelschalen sind ein wahres Kunstwerk, und es tut mir jedes Mal leid, sie wegzuwerfen. "Was gibt's dazu?" frage ich und stelle den verhassten Kinderwagen in die Ecke. "Schnitzel." Großvater merkt, wie ich erstarre, und präzisiert: "Zwiebelschnitzel. Was glaubst du denn, wir kriegen erst morgen wieder Geld, Prinzessin Hortensia." "Opa", hebe ich meine Stimme zum Schwur, "sobald ich richtiges Geld verdiene, hat sich's ausgezwiebelt!" "Du weißt nicht, was du redest. Jeder Haushalt hat seine Spezialität." Ich lege mich noch ein Weilchen aufs Bett. Und wenn dir der Küchenchef höchstpersönlich sein Geheimnis fürs letzte Abendmahl verraten hätte, würde das an der Armseligkeit unseres Lebens nichts ändern, denke ich mir. Und ich lasse mir eine Speisekarte gleich einem Gedicht von Goethe auf der Zunge zergehen: Kalbsschnitzel für die schlanke Linie, Schweineschnitzel Natur für die Herren, Wiener Schnitzel, Zigeunerschnitzel - ich rieche förmlich die große weite Welt. Aber Zwiebelschnitzel? Das stinkt nur nach unserer Kellerwohnung. "Das kann man auslüften", argumentiert Großvater, denn er kann Gedanken lesen. "Dann wird's aber kalt." Großvater muss man ewig widersprechen. Er hasst es, wenn man keine eigene Meinung hat, und er selbst liebt es, den Sieg in einer Diskussion davonzutragen. "Wenn du nicht lüften willst, schalte deinen Geruchssinn ab." Ich rieche die Zwiebel nicht, also gibt es sie nicht. Lieber Opa, deine idealistische Philosophie stinkt gewaltig. Doch Großvater lässt sich nicht weiter stören, er schiebt die Kartoffelschalen zusammen und wirft sie in den Ofen. Danach rasselt Big Ben erneut, und wir lassen den Tag noch einmal von vorne beginnen. Das ist unser Spiel: Großvater und ich tun so, als müssten wir erst jetzt aufstehen. Wenn andere Leute sich im Bett herumlümmeln, können wir das ja wohl auch, sagt Großvater. "Du musst einfach ignorieren, dass du vorher schon mal aufgestanden bist, meine liebe Enkelin." Also ignoriere ich es, und es klappt ohne weiteres. Wir setzen uns an den Tisch und frühstücken. Aus den Teetassen steigt Dampf auf, und Großvater murmelt laut vor sich hin, was er heute alles zu tun hat. "Heute habe ich meinen Hausfrauentag. Her mit der schmutzigen Wäsche." Scham überfällt mich. In letzter Zeit ist es mir zunehmend peinlich, dass Großvater meine Unterwäsche wäscht. Meine ... dings ... äh ... persönliche Wäsche ... die lass lieber liegen", stottere ich mit hochrotem Kopf. Großvater grinst nur. "Meinst du, dass ich in meinem Alter nicht weiß, wie ein Büstenhalter aussieht?" "Opa!" Ich stöhne vor Verlegenheit. "Na, schön, ich lasse die Finger von deinen Sachen, am Ende werde ich noch blind." Ich nehme meine Schultertasche und mache Anstalten zu gehen. Großvater wärmt sich seine Hände über dem Ofen. "Scham oder Prüderie, meine liebe Enkelin, ist völliger Blödsinn, aber warum sollte ich dir das beweisen, wenn es mir das Waschen erspart?" Mein Gott, Opa, denke ich nur und habe fast schon die Tür erreicht, du bist vielleicht ... "Dein Glück, dass ich nicht nur vielleicht bin", kommentiert Doktor Allwissend meine Gedanken. Im Grunde genommen besteht die Welt aus zwei Welten. Da gibt es einmal meine Welt - das ist die Welt unserer Wohnung, der Post, wo ich die Zeitung hole, meines Sportclubs, in dem ich Schach spiele, und der Wohnung von Familie Karesch, in der ich, für zehn Kronen die Stunde und eine Portion Tee aus einer blumenverzierten Tasse, das Unmögli che möglich mache, nämlich den kleinen Karesch mit einer Drei in Physik und Mathe durchs Gymnasium zu schleusen. Und dann gibt es noch eine Welt, zu der ich nicht gehöre, und ich dränge mich ihr auch nicht auf. Zu der gehören zum Beispiel Tanzstunden. Wenn ich manchmal traurig bin, stelle ich mir vor, dass ich mich durch eine Tanzstunde manövriere, in der ich den ganzen Abend nichts anderes tue, als in einem bestimmten Rhythmus jemand anderem auf die Füße zu treten und dabei dummes Zeug zu reden. Mag sein, dass ich völlig Unrecht habe: Vielleicht ist dummes Zeug reden eine besonders schöne Angelegenheit, und ich weiß auch, dass viele Menschen sich ihr Leben lang mit Wehmut an diese Zeit erinnern, aber was soll's. Zu meiner Welt gehören auch keine Restaurants, Geschäfte mit Klamotten für junge, anspruchsvolle Leute oder Urlaub im Hotel. Dafür gehören zu meiner Welt sämtliche öffentlichen Büchereien, Kreuzworträtsel mit Lebensweisheiten als Lösungssatz und Schachaufgaben mit der Überschrift Weiß siegt in drei Zügen. Eine solche Unterteilung der Welt ist sehr beruhigend. Man zwängt sich nirgendwo hinein, wo man nicht hinpasst, und erspart sich eine Menge Peinlichkeiten. Und doch gibt es einen Ort, der am Schnittpunkt beider Welten liegt: die Schule. Sie ist meine Welt, weil ich jeden Morgen dort hingehe. Und gleichzeitig ist sie auch nicht meine Welt, weil ich spüre, dass ich nicht dazugehöre. Ich trage ein Hemd von Großvater und einen Rock, der absolut mini ist, weil er mir eigentlich schon seit Jahren nicht mehr passt, und dazu diese unseligen Schuhe. Nur der wunderbar weiche Flanellmantel ist mein wahrer Besitz, ich habe ihn persönlich auf dem Flohmarkt erstanden. Er ist wohl das, was in besseren Kreisen als "Überzieher" bezeichnet wird, und das nehme ich sehr ernst - ich ziehe ihn zu jeder Jahreszeit über. Im Frühjahr und im Herbst ist er ein bisschen zu warm, dafür friere ich darin im Winter bis auf die Knochen. Dann verwandle ich mich in einen Wirbelwind, bewege mich mit kosmischer Geschwindigkeit und versuche, dem kneifenden Frost zu entkommen. Dazu flüstere ich im Mordstempo das Zauberwörtchen "wenn": Wenn ich einmal Geld habe, kaufe ich mir einen neuen Mantel, neunundneunzigfach gefüttert; wenn ich erst Geld verdiene, dann kaufe ich mir neunundneunzig Paar Schuhe; wenn in meinen Taschen das Geld klimpert ... wenn ... wenn ... In der Klasse lacht niemand mehr hinter meinem Rücken. Zunächst, weil alle wissen, dass mich das sowieso nicht stört, vor allen Dingen, weil ja in jeder Mathematikarbeit eine Aufgabe auftauchen könnte, bei der selbst mir der Kopf raucht, von den anderen ganz zu schweigen. Und ich würde mir verdammt gut merken, wer gelacht hat, wer über meine dünnen Finger mit den abgekauten Nägeln gelästert hat oder über meine wollenen Armeestrümpfe, die ich über die gestopften Strumpfhosen ziehe, oder wer begriffsstutzig auf meine winzige Schrift geschielt hat, mit der ich jeden Fitzel meiner Hefte bekritzele, um Papier zu sparen. Die Schule ist eine Grenzwelt, die ich gerne beherrschen möchte; allerdings gleitet sie mir oft aus den Fingern wie ein nasser Karpfen. Ich sitze zwischen meinen Mitschülern und habe eine Selbstschussanlage aus Stolz um mich herum gebaut, die niemanden an mich herankommen lässt. Wenn ich ehrlich wäre, müsste ich zugeben, dass ein solcher Stolz wehtut wie ein mittelalterliches Kettenhemd, das eine Nummer zu klein geschmiedet wurde und mich nicht richtig atmen lässt. Während der Pausen mache ich meine Hausaufgaben für den nächsten Tag oder ich lerne. So brauche ich mich wenigstens nicht in der Klasse umzuschauen oder mich mit jemandem zu unterhalten. Und wenn ich nichts zu lernen habe, denke ich an meine Stimmen. Was haben sie mir heute noch gleich zugeflüstert? Ach ja: "Kauf dir ein Los." Verdammt, von dem Los habe ich Großvater noch gar nichts erzählt. Ich kaue an meinen Fingernägeln und betrachte unseren Ahnherrn, den ausgestopften Affen, als mich plötzlich das untrügliche Gefühl überkommt, dass mich jemand beobachtet. Ich drehe mich schnell um: Es ist der neue Mitschüler, der mich da anglotzt. Was ist, mein Junge, hast du noch nie ein Mädchen gesehen? Ich bin todsicher das Mädchen deiner Träume, deiner Alpträume vermutlich! Ich lächele ihm ein winziges bisschen zu. Warum, weiß ich selbst nicht. Nur gut, dass mich Großvater nicht sehen kann. Auf dem Heimweg gehe ich ein wenig langsamer als gestern. Es ist Frühling, die Luft riecht nach feuchter Erde, und der Überzieher ist gerade richtig. Ich trödle, damit mich der neue Mitschüler einholen kann. An seiner Seite gehe ich dann noch ein wenig langsamer, denn er hinkt beträchtlich. Wir geben sicher ein wunderbares Bild ab! Natürlich reden wir dummes Zeug, die Tanzstunde lässt grüßen, und unter dem hohen Frühlingshimmel spüre ich förmlich die Anwesenheit meiner Stimmen, die mit den Flügeln schlagen und verzweifelt hin und her flattern. "Du Esel, Esel, Esel!" höre ich vom Himmel, aber es macht mir nichts aus. Warum darf ich nicht auch mal ein Esel sein, ihr Kreuzungen aus Tauben und Engeln? denke ich und setze den Fuß vorsichtig auf, um nicht über meine halb abgerissene Schuhsohle zu stolpern. Ich werde ein Los erstehen, falls ich Großvater dazu überreden kann, und dann kaufe ich mir etwas so Schönes, dass alle in Ohnmacht fallen! Was, das weiß ich selber nicht, es ist aber auch egal. Vor der Wohnungstür bleibe ich stehen. Ich bin nicht mehr ganz so aufgedreht, weil ich eine fast unlösbare Aufgabe vor mir habe: Großvater um ein paar Kronen anzupumpen. Startkapital für das Los. Ich muss ihm klarmachen, dass wir ganz bestimmt gewinnen werden. Meine Stimmen haben es mir doch fest versprochen. Und wenn wir nicht gewinnen sollten, so möchte ich wenigstens einmal im Leben eine Hoffnung gehabt haben, eine winzige, verdammte Hoffnung, und sei es auch nur für einen Monat. In der Wohnung ist es völlig still. Trotzdem schaue ich mich um, denn Großvater ist ein gnadenloses Genie im Ausdenken von Überraschungen. Und hab' ich's nicht gesagt? An unserem Fensterkreuz hängt er, den Hals in der Schlinge eines alten Bademantelgürtels, und rührt sich nicht mehr. "Tag, Opa", grüße ich artig. "Versteck dich schnell, Häschen", zischt Großvater, "ich erwarte den Postboten." Ich verkrieche mich hinter dem Schrank, und wir warten. Nach einem Weilchen hören wir die schlurfenden Schritte des Staatsbeamten. Der Postbote öffnet die Tür und schaut sich um. Als seine unsteten Äuglein den Erhängten erblicken, stößt er einen spitzen Schrei aus und legt eine erstklassige Ohnmacht hin. "Schnell, bring ihn wieder zu sich!" ruft Großvater. "Sonst denkt er noch, wir wollten ihn beklauen." Wir bespritzen den Postboten gründlich mit kaltem Wasser, und Großvater verpasst ihm ein paar kleine Ohrfeigen. Der Postbote öffnet die Augen, erblickt Großvater und fällt erneut in Ohnmacht. Wir begießen ihn noch reichlicher, doch erst als seine Uniform tropfnass ist, kommt er endgültig wieder zu sich. "Wasser", flüstert er. Ich reiche ihm eine Tasse mit einem abgestandenen Teerest. Der Postbote nimmt einen Schluck und spuckt ihn wieder aus. "Pfui Teufel", sagt er schon etwas fester. "Möchten Sie lieber einen Schnaps?" fragt Großvater freundlich. Der Postbote nickt. "Wenn Sie solche Ansprüche stellen, müssen sie woanders in Ohnmacht fallen", stellt Großvater fest, steht auf und reckt sich. Auch der Postbote erhebt sich und versucht sein Gesicht mit einem nassen Ärmel abzuwischen. Seufzend gibt er es auf und kramt in seinen Papieren. "Waisengeld, Rente, Stipendium. Unterschrift. Siebenhunderteinunddreißig Kronen." Großvater unterschreibt mit schwerer Hand. "Die Krone ist für Sie, Herr Verbindungsoffizier." Der Potbote sackt die Krone ein, ohne mit der Wimper zu zucken - dabei ist das ein Zehntel meines Loses! Dann schließt er seine große Tasche, versucht noch einmal, sein Gesicht zu trocknen, und verlässt die Wohnung. "Du machst wohl einen auf neureich, was?" sage ich verärgert zu Großvater. "Ich kann doch unsere Adelsehre nicht besudeln. Wir haben den reitenden Boten des Königs schon immer mit einem Goldtaler belohnt." Ich strecke mich auf meinem Bett aus und betrachte die Wäscheleinen, die kunstvoll unser Zimmer durchkreuzen. "Was quält dich, Prinzessin?" fragt Doktor Allwissend. "Alles", antworte ich wahrheitsgemäß. "Da bin ich aber beruhigt", freut sich Großvater, "ich dachte schon, es wäre etwas Ernstes." Ich versuche, seine Hände zu hypnotisieren, die neben dem Geld liegen. Ein Los, rede ich mir Mut zu, ein Los, das bedeutet Schuhe, Kleider, Röcke, Strumpfhosen, Maniküre, Pediküre, Schmuck, Champagner, Käsebrote ... Letzteres gibt den Ausschlag. "Gib mir zehn Kronen", stoße ich hervor, "ich will uns ein Los kaufen." Großvater zuckt mit keiner Wimper. Der Mann hat sich unter Kontrolle. "Das hat uns gerade gefehlt! Erst kaufst du ein Los, und zu allem Überfluss gewinnen wir dann auch noch", sagt er nach einer Weile. "Ich möchte aber gewinnen, verstehst du?" Ich bekomme eine Mordswut auf Großvater und seinen senilen Gleichmut. "Warum sollten wir gewinnen? Das haben wir doch nicht nötig." Ich versuche gar nicht erst, auf so etwas zu antworten. Wir haben es nicht nötig! Ausgerechnet wir, die wir nichts haben! "Gerade weil wir nichts haben", antwortet Doktor Allwissend. "Was würdest du denn mit dem Geld anfangen? Sagen wir, mit fünfzigtausend?" Da kann ich nur lächeln. Wenn ich sagen würde, dass ich das Geld in unsere Wohnung stecke, würde er antworten, dass es uns die Mäuse wegfressen - was noch dazu stimmt. "Ich bringe das Geld auf die Bank, lieber Opa. Schon mal was von Sparbüchern gehört?" Großvater macht es sich auf seinem Bett bequem. Dies ist der Auftakt zu einem ordentlichen Kampf. "Das ist genau das, wovor ich mich mein ganzes Leben gefürchtet habe. Ein Sparbuch! Das weckt doch nur primitive Bedürfnisse und oberflächliche Wünsche! Wenn du Geld hast, kaufst du dir fettes Essen und verblödest durch Arteriosklerose. Du kaufst dir neue Schuhe und deformierst dir den großen Zeh. Du kaufst dir Spitzenschlüpfer aus Nylon und bekommst Krebs. Und eines Tages ist das ganze Geld weg, und du stellst fest, dass du noch lange nicht das hast, was du brauchst. Und dann stehst du da, verblödet, humpelnd und krank und obendrein mit dem Gefühl, betrogen worden zu sein. Geld, heilige Johanna, macht den Menschen zum Sklaven!" "Und du machst aus der Not eine Tugend!" Ich könnte heulen, denn mir ist jetzt klar, dass Großvater nichts her ausrücken wird. Ich drehe mich auf die Seite und starre die Wand an. Plötzlich spüre ich etwas in meiner Hand. Ein Zehner! Ein funkelnagelneuer Zehner, direkt von der Staatsbank! Gleichzeitig breitet sich ein irrsinniger Gestank im Raum aus: Großvater brät die Zwiebelschnitzel. "Weißt du, warum ich dir das Geld trotzdem gebe?" sagt er. "Weil das bestimmt eine der genialen Ideen deiner Stimmen war, und die Katastrophe will ich mir nicht entgehen lassen." "Nein", sage ich, immer noch wütend. "Du hast mir das Geld gegeben, weil auch du ganz genau weißt, dass wir gewinnen werden." Großvater serviert die Zwiebelschnitzel mit Kartoffeln. Bei uns sieht es aus wie bei einer Feuerwehrübung, durch den Qualm können wir uns gegenseitig kaum erkennen. "Na klar, ich gehe auch davon aus, dass wir gewinnen. Ich hoffe nur auf eine angemessene Summe, die sich bequem versaufen lässt." Ich stecke den Zehner in die Brusttasche und denke dabei, dass Großvater keine hehren Ziele kennt. "Sag bloß nicht, dass dich das groß erstaunt", sagt Doktor Allwissend. Dann widmen wir uns den Zwiebelschnitzeln, und ich muss zugeben, dass sie vortrefflich schmecken. Nachdem ich meinen Teller leer gegessen habe und eine wohlige Wärme meinen Bauch durchzieht, steigt meine Wut von neuem hoch. Ja, denke ich, das sähe dir ähnlich - das einzige Geld, das wir haben, zu versaufen. Am besten wasche ich ihm gleich mal ordentlich den Kopf. "Mein lieber Opa!" fange ich an und zittere dabei vor Aufregung. "Wenn wir das große Geld gewinnen, kannst du sicher sein, dass wir es nicht sinnlos verprassen. Ich nehme das nämlich dann in die Hand. Zuerst bringen wir unsere Behausung in Ordnung. Wir kaufen uns ein paar Regale, sonst kannst du deine wertvollen Erstausgaben wieder ins Altpapier schmeißen, und wir kaufen uns auch einen Schrank. Du brauchst mich gar nicht so anzustarren - Hypnose zieht bei mir nicht. Jawohl, und ich kaufe mir ein paar Kleider und Schuhe. Mein Gott, Opa, es ist doch keine sündhafte Besitzgier, sich Kleider zu wünschen, das ist doch wohl stinknormal! Und ich möchte endlich einmal von einem richtig echten Friseur die Haare geschnitten bekommen, du machst das jetzt seit sechzehn Jahren und hast den Bogen immer noch nicht raus. Ach Opa, spiel hier nicht den Marsmenschen. Ich will einfach normal leben, mit Möbeln und Kleidern und Brot und, was weiß ich, Kaviar von mir aus. Wieso sollten diese meine Persönlichkeit irgend-wie verändern, was haben sie mit meinen Hirnwindungen zu tun? Ich kann sowieso nur bleiben, wie ich bin, hässlich, dünn, mit struppigem Haar, Mitessern und ausgelatschten Schuhen. Was soll ich an mir schon groß ändern?" Dieser Monolog hat mich so erschöpft, dass ich mich wieder aufs Bett fallen lasse. Bei uns hat bisher nur Großvater die großen Reden geschwungen, ich war die ewige Zuhörerin. Aber jetzt sehe ich, dass ich ins Schwarze getroffen habe, denn Großvater muss sich seinerseits hinsetzen. "Du wirst den Hals nie voll kriegen, das wird sich an dir ändern! Und nun hör mir mal genau zu: Ein Mensch braucht zum Leben nur ganz wenig. Sobald er sich einbildet, dass er mehr haben muss, ist es aus. In der Siedlung, wo ich Altmetall sammle, haben die Leute hübsche Häuser. Und weißt du, worüber die sich aufregen? Über den Schlamm auf der Straße vor ihren Palästen. Du hast richtig gehört - über den Schlamm!" Großvater verdreht seine Augen pathetisch zur Decke und fährt mit seiner Lieblingsbeschäftigung fort - aus Dreck Gold und aus Gold Dreck zu machen. "Was ist denn Schlamm? Er ist ein Teil unseres Sonnensystems, ein Stückchen von der Unendlichkeit des Alls, voll kleiner Steine in vielerlei verschiedenen Formen, sanft glänzend vom Tau und durchsetzt mit winzigen Pflanzenwurzeln. Hat uns beiden Schlamm je etwas ausgemacht? Nein. Und weißt du, warum? Weil wir keinen Teppichboden in der Wohnung haben. Jedes Ding, heiliges Häschen, zieht neue Dinge nach sich. Das ist ein physikalisches Gesetz, dem du dich nur entziehen kannst, indem du einfach nichts besitzt!" Ich bin plötzlich so traurig, als wäre ein großer, grauer Fluss über die Ufer getreten und hätte alles weggeschwemmt, worauf ich mich so sehr gefreut habe. Großvater hat Recht. Er hat bestimmt nicht die ganze Wahrheit gepachtet und auch nicht auf unbefristete Zeit, aber für den Augenblick hat er Recht. Man benötigt in der Tat gerade so viel, dass man darüber hinaus nicht zwingend etwas Zusätzliches haben muss. Aber wenn wir es nüchtern betrachten, werden wir es damit zu nichts bringen. Und ich will doch studieren! Das ist aber finanziell nicht drin. Früher habe ich über meine Zukunft nicht nachgedacht, Großvaters Worte waren mir Gesetz, wir konnten danach leben. Inzwischen beunruhigt es mich allmählich, dass er morgens so lange hustet und dass er geschwollene Beine hat. Du lüsterne Enkelin, würde Großvater sagen, was schaust du mir auch auf die Beine. Ich lege den hart umkämpften Zehner auf den Tisch. "Bist du bereit, mir für diesen Obolus die Haare zu schneiden?" frage ich, setze mich auf einen Stuhl und schließe die Augen. Mein Gott, ich werde mal wieder aussehen! Dabei habe ich die erste Verabredung meines Lebens. Und wahrscheinlich auch gleich die letzte. "Schneide mir die Haare extra kurz", befehle ich plötzlich in masochistischer Laune und voll Hass auf die übrige Welt, auf dass ich fürchterlich aussehe! Möge ich - wie die Leute bei jenem Vesuvausbruch traurigen Angedenkens - in einem Lavastrom erstarren und künftigen Generationen als Denkmal unsterblicher Blödheit dienen, die einen überkommt, wenn man von einem Mitschüler beäugt wird. Auf diese Weise zumindest werde ich zeitlose Größe erreichen.