Süddeutsche Zeitung Junge Bibliothek:Band 16: David und der Weihnachtskarpfen von Jan Procházka

Lesezeit: 7 min

Wir merken es am Ausdruck seiner Augen, dass der Vater kommt. Vor ihm versteckt sich der Knirps. Doch der Vater tut, als ob er nichts gesehen hätte. Er geht nicht zu den Bottichen, sondern zu dem weihnachtlich geschmückten Schaufenster gegenüber. Zwischen dem Vater und dem Jungen strömt eine Menschenmenge. David ist unruhig geworden, er möchte wissen, was der Vater dort vorhat. Vorsichtig stellt er sich auf die Kiste und späht umher. Wohin er auch schaut, den Vater sieht er nicht. Auch der Vater kümmert sich nicht um die vielen Menschen. Er ist auf den Mauersockel unter dem Schaufenster gestiegen und will wissen, was der Junge dort drüben treibt. Er sieht ihn aufgeregt hinter dem Bottich hervorgucken. Jetzt duckt sich der Vater schnell, weil der Junge zu ihm hinüberschaut. Und den Vater beobachtet wieder misstrauisch die Frau, die dem Jungen die Kiste getragen hat. Der Vater steigt verlegen vom Sockel, senkt die Augen und macht ein Gesicht, als ob er sich entschuldigen möchte, sagt aber nichts und taucht in der Menge unter. Er macht einen großen Bogen um die Bottiche. Es kommt ihm recht gelegen, dass am Rand des Gehsteigs ein Lastwagen steht. Hinter ihm schleicht er sich an David heran, der eben in die entgegengesetzte Richtung guckt. Der Knirps hält den Mund halb offen, sein Atem dampft in der kalten Luft. "Mach den Mund zu, atme durch die Nase. Sonst kriegst du Halsschmerzen und ein paar auf den Hintern!", ruft der Vater unversehens. Beide haben die gleichen Pelzkappen auf dem Kopf, beide tragen die gleichen Pullover. David wäre beinahe umgefallen, er rutscht auf der Kiste aus, stolpert, steht nun aber wieder fest auf seinen Beinen. Die bloße Hand verschwindet sofort in der Tasche. Aber in der steckt ja der nasse Handschuh. Also verbirgt er die Hand hinterm Rücken. "Wo hast du deinen Handschuh?", fragt der Vater streng. "In der Tasche", antwortet der Knirps. "Anziehen!", befiehlt der Vater. David gehorcht, ohne die Miene zu verziehen. Doch der Vater berührt den nassen Handschuh und sofort zieht er ihn dem Jungen aus. Er weiß nicht, wohin damit, also steckt er ihn in sein Einkaufsnetz. Nun reicht er dem Sohn seinen eigenen Handschuh, einen Fäustling, in den der Knirps den ganzen Arm stecken kann. "Also, welchen hast du dir jetzt ausgesucht?", fragt der Vater und beobachtet dabei die Umrisse der Fischkörper im Bottich. "Soll's dieser Kerl sein?", fragt der Fischhändler die beiden, die bereits in der langen Schlange stehen. Hinter ihnen drängeln sich die Leute. Der Mann mit der blutbespritzten Schürze zeigt dem Knirps einen Karpfen und grinst. David schüttelt den Kopf. Nein, den nicht. "Nein?", fragt der Fischhändler. Schon ist ihm der Humor vergangen. Er fischt einen anderen Karpfen heraus. "Wenn nicht den Peter, dann den Paul. Guck mal, was der für Augen hat!" Der Junge schüttelt wieder den Kopf und zeigt auf den Bottich, in dem ,sein' Karpfen schwimmt. "Papi, den will ich!", sagt er. "Der ist der größte." "Die Bottiche werden der Reihe nach geleert", sagt der Fischhändler zum Vater. "Geh mir nicht auf die Nerven!", sagt der Vater zu David. David macht ein Gesicht, als ob er Tränen hinunterschlucken würde. Er schaut den Vater mit einem Blick an, der wahrscheinlich an ein Versprechen erinnern soll. Die Leute in der Schlange murren. "Wollen Sie hier etwa bis zum Dreikönigstag aussuchen?" "Nehmen Sie nun einen oder nicht?", fragt der Fischhändler den Vater. Der Junge schweigt. "Wir warten", sagt der Vater wütend. "Wir warten, bis der Bottich dort an der Reihe ist."

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