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Süddeutsche Zeitung Junge Bibliothek:Band 15: Eine Hand voller Sterne von Rafik Schami

12.1 "Schade, dass ich nicht schreiben kann. Ich habe viel erlebt und es war wichtig. Heute weiß ich nicht mehr, was mich vor Jahren nächtelang nicht schlafen ließ." "Du weißt doch eine Menge, Onkel", tröstete ich Onkel Salim.

"Nein, mein Freund", sagte er. "Von der Landschaft bleiben nur die Berge und später nur noch die Gipfel sichtbar und das Ganze taucht im Nebel unter. Hätte ich schreiben gelernt, könnte ich nicht nur die Berge, Felder und Täler sehen, sondern jeden Stachel einer Rose wieder erkennen. Was für großartige Menschen sind doch diese Chinesen!" Ich wunderte mich, dass Onkel Salim auf einmal bei den Chinesen gelandet war. Als ich ihn deswegen fragte, erklärte er mir: "Die Chinesen haben es mit der Erfindung des Papiers möglich gemacht, dass die Kunst des Lesens und Schreibens für jedermann zugänglich wurde. Sie brachten die Schrift von den Tempeln der Gelehrten und den Palästen der Könige auf die Straße. Sie sind großartig." Also beschloss ich nach dem Tee bei Onkel Salim, ein Tagebuch zu führen. Ich vergesse viel. Ich weiß nicht einmal mehr den Namen der Mutter meiner ersten Freundin Samira. Mein Kopf ist wie ein Sieb. Jeden Tag will ich schreiben!

21.1. Heute habe ich meinem Vater in der Bäckerei geholfen. Zwei Arbeiter fehlten. So musste er allein den Teig kneten und formen und dann noch hinter dem Ofen stehen. Ich machte die Kasse. Die Kunden bringen in der Regel ihre Einkaufstaschen mit. Wer sie vergisst, bekommt das Brot in eine Zeitung ein gewickelt. Am frühen Nachmittag hatte ich Ruhe. Ich nahm eine Zeitung und las etwas, obwohl mein Vater immer wieder herumnörgelte, dass ich lieber die Brote ordnen solle. Aber ich bin an sein Gejammer gewöhnt und weiß inzwischen, wann es eine ernst zu nehmende Aufforderung oder nur so ein Jammeranfall ist. Ich las weiter und da sah ich den kleinen Artikel über das Tagebuchschreiben. "Ein Tagebuch ist ein Rückspiegel." Dieser Satz hat mich lange beschäftigt. Irgendwie stimmt er mit dem überein, was Onkel Salim gesagt hat. Zu meiner Schande stelle ich fest, dass ich außer einer Seite am Anfang nichts geschrieben habe, bloß Sprüche geklopft. In dem Artikel, der sehr lustig gehalten war, stand auch, dass nur wenige Menschen ein ehrliches Tagebuch schreiben. Die anderen lügen, aber auch der schlimmste Lügner unter ihnen hat später einen Spiegel. Es ist dann ein verzerrender Spiegel wie auf dem Jahrmarkt und man kann darüber lachen. Ich lüge nie ohne Grund. Meistens nur, weil die Erwachsenen mich nicht verstehen. Ich bin vierzehn Jahre alt und schwöre, dass ich immer wieder schreiben will. Ein sicheres Versteck für das Tagebuch habe ich gefunden. Kein Teufel kommt darauf. Deshalb kann ich mich freischreiben.

25.1. Ich will kurz festhalten, wie unser Viertel hier aussieht. Dreimal sind meine Eltern seit meiner Geburt in Damaskus umgezogen, und ich weiß nicht mehr genau, wie die früheren Häuser aussahen. Unsere Straße ist ziemlich schmal. Sie liegt im Ostteil der Stadt Damaskus. In der Nähe meines Hauses ist die Paulus-Kirche. Viele Touristen besuchen die Stelle, von wo aus Paulus abgehauen und nach Europa gegangen ist. Die Häuser sind aus Lehm gebaut. In jedem leben mehrere Familien, und jedes Haus hat einen Innenhof, der allen Nachbarn gehört, sie zusammenbringt und streiten lässt. Das Leben der Erwachsenen findet in den Innenhöfen statt. Die Straße gehört uns Kindern, den Bettlern und fliegenden Händlern. Die Dächer sind flach und fast gleich hoch (alle Häuser haben zwei Stockwerke), so kann man ohne Mühe von einem Dach zum anderen wandern. Ich erinnere mich noch, wie wir eines Tages beim Frühstück auf der Terrasse saßen, als plötzlich ein junger Mann vom Dach herunterschaute. Er wollte wissen, wo die Haustür sei. Meine Mutter zeigte sie ihm. Er sprang auf die Terrasse, von da aus rannte er zur Treppe und auf die Gasse hinaus. Meine Mutter holte gerade die Teekanne aus der Küche, als plötzlich zwei Polizisten auftauchten. "Hast du einen jungen Palästinenser gesehen?", fragte der eine. "Einen Palästinenser? Nein! Schämt ihr euch nicht, einfach in die Häuser einzudringen! Hier sind Frauen und Kinder!", rief sie wütend. Der Polizist entschuldigte sich und beide machten kehrt. Ich staunte über meine Mutter, die weiter frühstückte, als sei nichts passiert. Am Nachmittag konnte ich meine Frage nicht mehr unterdrücken. "Warum hast du gelogen?" "Der junge Mann sah sehr ängstlich aus. Er hat eine Mutter, und sie wird euch auch nicht anzeigen, wenn ihr vor der Polizei wegrennt!", sagte sie. "Und woher willst du das wissen? Bist du sicher?" "Ja, ich bin sicher. Ich bin eine Mutter." Sie lächelte und küsste mich auf die Stirn.

10.2. Drei Freunde habe ich: Onkel Salim ist fünfundsiebzig Jahre alt, Mahmud ist fünfzehn, und Josef ist genauso alt wie ich. Onkel Salim ist lange Zeit seines Lebens Kutscher gewesen und erzählt die besten Geschichten von Räubern, Königen und Feen. Er hat viel gesehen und mehrere berühmte Räuber und Könige, ja, vielleicht auch Feen überlebt. Onkel Salim, Mahmud und ich wohnen im selben Haus. Josefs Haus liegt genau gegenüber. Mahmud und Josef waren nie im Ausland. Ich wohl. Zwei Jahre habe ich in einem Kloster im Libanon verbracht. Mein Vater wollte aus mir einen Pfarrer machen. Jede arme Familie versucht so ihr Glück mit einem Sohn, denn ein Pfarrer ist sehr angesehen und verhilft der Familie zu einem besseren Ruf. Nach zwei Jahren habe ich es aufgegeben. Die Schüler kamen aus verschiedenen arabischen Ländern, und wir wurden gezwungen, Französisch zu sprechen. Jeder Neuling musste einen Schnellkurs machen und dann durfte er nach zwei Monaten kein arabisches Wort mehr reden. Wenn er es aber tat, bekam er ein rundes Holzstückchen mit dem Buchstaben "S" darauf (für Signal). Er musste es heimlich in die Tasche stecken und auf ein anderes Opfer lauern, dem er es unterschieben konnte. Wenn er sich verriet, wussten die anderen, dass er das Signal hatte, und mieden ihn wie ein Stinktier. Nein, leise musste er es nehmen und herumschleichen, bis irgendjemand ahnungslos in seiner Anwesenheit Arabisch sprach. So wurden wir alle zu kleinen Spionen ausgebildet. Wer zuletzt die Holzscheibe besaß, musste sein Abendbrot kniend einnehmen. Ein merkwürdiges Gefühl war es, das Signal zu haben. Ich werde es nie vergessen. Es fühlte sich in der Tasche sehr warm an und gab seinem Träger Macht über die anderen. Vor allem, wenn man es früh genug am Tag bekam, hatte man einen großen Spielraum. Ich ließ Gnade walten, wenn jemand mir sympathisch war, und drückte es genussvoll in die Hand eines Arschkriechers. Nach einer Weile bildeten sich geheime Banden. Ich gehörte zu einer aus fünf Schülern, und wir schworen hoch und heilig, uns gegenseitig zu helfen. Es war verboten, einem aus der Bande das Holz zuzustecken, und so sonnten sich die anderen vier in Sicherheit und nützten es weidlich aus, Arabisch zu sprechen. Ein Pfarrer hatte von dem System gehört und hielt eine Rede gegen das Signal, das die Schüler gegeneinander aufhetzt, aber er wurde vom Lehrerkollegium ausgelacht, und der Krieg der Banden ging weiter. Es bildeten sich sogar Kommandos aus mutigen Schülern, die das Signal auf eigenes Risiko nahmen, wenn es in die Hand eines ängstlichen Mitglieds der Bande fiel. Sie machten sich dann auf die Suche nach einem Opfer. Das Abendessen war um sechs, und es galt als Heldentat, eine Stunde vorher das Ding zu nehmen. Einer dieser Kamikaze hatte es einem Lehrer in die Hand gedrückt, als dieser Viertel vor sechs auf Arabisch sagte, er habe einen Mordshunger. Die Lehrer schauten ganz dumm drein. Sie sagten aber, sie seien nicht im Wettbewerb eingeschlossen. An diesem Abend musste also der kleine Ägypter kniend essen. Es war das erste Mal, dass die Schüler einem Knienden Respekt zollten. Wir drückten im Vorbeigehen seine Schulter.

26.2 Onkel Salim erzählt oft Geschichten von Feen. Er sagte heute, dass sie seit langem in Syrien leben. Er habe schon oft mit ihnen gesprochen. Sie hielten sich unter der Erde, in Wasserquellen und Berghöhlen auf und seien nur dann sichtbar, wenn sie sprechen. "Und warum habe ich dann noch keine Fee gesehen?", unterbrach ihn unsere Nachbarin Afifa, die immer alles besser weiß. Weil du niemanden zu Wort kommen lässt, hätte ich beinahe gesagt, aber Onkel Salim war nicht einmal sauer. Er schaute Afifa nachdenklich an. "Du hast Recht. Ich habe seit vierzig Jahren auch keine mehr gesehen. Die Letzte sagte mir, dass sie die Autos nicht ertragen können, denn Feen sprechen sehr leise." Die Behauptungen von Onkel Salim sind merkwürdig. Er sagt, die Feen haben nicht nur die Pyramiden, sondern alle Schluchten in die Felsen hineingezaubert. Auch die warmen Wasserquellen im Süden baut Onkel Salim in seine Geschichten ein. Sie seien die Bäder der Feen unter der Erde.

10.3. Heute haben wir einen Autofahrer bestraft, der nicht verstehen wollte, dass wir es nicht mögen, wenn ein Auto durch unsere enge Gasse rast. Josef lauerte ihm auf seinem Dach auf, und als der Angeber am Ende der Gasse umdrehte und hupend zurückbrauste, schleuderte Josef einen Stein hinunter und traf das Autodach. Der Autofahrer stieg wütend aus, aber die Straße war wie leer gefegt. Er fluchte, als er die Beule sah, und fuhr ganz langsam aus der Gasse.

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