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Streit über Ausflaggung des "Traumschiffs":Eklat um die MS Malta

Ob von Bord gejagt oder im Zorn selbst gegangen: Peter Jungblut, Kapitän der "MS Deutschland", hat in London für einen Eklat gesorgt. Er wehrt sich dagegen, dass das "Traumschiff" bald unter maltesischer Flagge fahren soll - und damit auch sein Job in Gefahr sein könnte.

Sie ist der Sehnsuchtsort Tausender ZDF-Zuschauer: die MS Deutschland. Seit 13 Jahren fährt sie als Traumschiff über die Weltmeere, war Schauplatz unzähliger Dramen und von bislang exakt 67 Happyends. Auf der Brücke steht Kapitän Jakob Paulsen, Chefhostess Beatrice von Ledebur kümmert sich um das leibliche und seelische Wohl der Passagiere. Zum Schluss gibt es immer Eisbombe mit Wunderkerzen für alle.

Olympia 2012: Impressionen

Versteckt zwischen den Hochhäusern der britischen Hauptstadt liegt die MS Deutschland derzeit in London vor Anker. Nach den Olympischen Spielen soll sie unter maltesischer Flagge fahren.

(Foto: dapd)

Ein Kapitän, der die Gäste plötzlich auf russisch oder griechisch an Bord willkommen heißt? Undenkbar. Doch abseits der TV-Kameras könnte das bald Realität werden. Die Reederei Peter Deilmann, zu deren Flotte die MS Deutschland, ebenso wie schon das Traumschiff vor ihr, die MS Berlin, gehört, will das Kreuzfahrtschiff ausflaggen - es soll demnächst unter maltesischer Flagge fahren.

Peter Jungblut, der Kapitän Paulsen der Wirklichkeit, will das nicht hinnehmen. Der Streit zwischen ihm und seinem Arbeitgeber eskaliert und hat es sogar auf die Titelseite der Bild-Zeitung geschafft.

Dass deutsche Reedereien ihre Schiffe unter ausländischer, oft maltesischer oder karibischer Flagge über die Weltmeere schicken, hat vor allem Kostengründe. Schiffe, die im deutschen Flaggenregister eingetragen sind, haben zwar anderen Anspruch auf hoheitlichen Schutz, etwa in gefährlichen Gegenden der Weltmeere. Doch für sie gelten die deutschen Schiffsbesatzungsvorgaben. Und die regeln zum einen, dass ein bestimmter Anteil der Crew aus EU-Bürgern bestehen soll - und zum anderen, dass an Bord grundsätzlich das deutsche Arbeitsrecht gilt.

So mag es auch die Sorge um den eigenen Job gewesen sein, die Peter Jungblut, seit vielen Jahren Kapitän des exklusiven Kreuzfahrschiffes, aus dem Urlaub nach London getrieben hat. "Ich bin kein Francesco Schettino. Ich lasse meine Crew im Sturm nicht alleine. Ich lasse mich nicht unterkriegen, auch wenn es unbequem wird", sagte der Kapitän der Bild.

Eigene TV-Serie als Werbefilm

Für die Eigner ist es oft wesentlich günstiger, auszuflaggen. Die MS Deutschland ist das einzige deutsche Schiff, das überhaupt noch unter der schwarz-rot-goldenen Flagge fährt. Seit Sommer 2010 ist die 1972 im schleswig-holsteinischen Neustadt gegründete Reederei Deilmann im Besitz des Münchner Finanzinvestors Aurelius. Gleich auf der Startseite seines Internetauftritts wirbt der Konzern mit der MS Deutschland und der vertrauten Melodie aus der Traumschiff-Reihe. Eine eigene TV-Reihe als Werbefilm - ein unbezahlbarer Vorteil für das Image, ließe sich argumentieren.

Ende Mai klärte die Reederei ihre Kunden erstmals in einem Infoschreiben über den geplanten Wechsel auf. Diese "für alle Beteiligten sinnvollste Lösung" und "Konzentration auf erstklassige Leistungen an Bord" sei auch ganz im Sinne des Reedereigründers Peter Deilmann, heißt es in dem Informationsblatt. Die Ankündigung rief den Parlamentarischen Staatssekretär Hans-Joachim Otto auf den Plan. Der FDP-Politiker ist der Ansprechpartner der Bundesregierung für die maritime Wirtschaft in Deutschland. Er nehme die Pläne der Reederei "mit Besorgnis zur Kenntnis", teilte Otto mit. "Insbesondere für die Besatzung der MS Deutschland wäre dieser Flaggenwechsel mit erheblichen Änderungen rechtlicher und finanzieller Art verbunden." Auf seinem Facebook-Profil kommentierte der Liberale die aktuellen Entwicklungen. Der Reederei scheine "jegliches Fingerspitzengefühl zu fehlen".

Als "Deutsches Schiff London 2012" liegt die MS Deutschland, die 500 zahlungskräftigen Passagieren Platz bietet, derzeit in der britischen Hauptstadt vor Anker. Auch auf dem Informationsschreiben vom Mai prangt das entsprechende Logo. Eigentlich hätte der Flaggenwechsel schon längst vollzogen werden sollen, doch dann entschloss sich die Reederei, damit bis nach den Olympischen Spielen zu warten. Reedereisprecherin Kornelia Kneissl spricht von einer "Geste". Als neuer Termin für die Ausflaggung sei der 16. August geplant.

"Traumschiff" holt Athleten nach Hause

Die MS Deutschland soll am 13. August die Olympioniken der Bundesrepublik nach Hause bringen. Am Samstagvormittag trifft Bundespräsident Joachim Gauck an Bord des Kreuzfahrtschiffes die deutschen Sportler und schon am gestrigen Donnerstagabend lud dort der deutsche Botschafter in London zu einem Empfang. Veranstaltungen, die nur schwer vorstellbar wären, führe das Schiff unter maltesischer Flagge, heißt es aus dem Bundeswirtschaftsministerium. Denn dann wäre das Schiff im Grunde maltesisches Hoheitsgebiet.

Jungbluts Aufenthalt in London endete in einem Eklat. Wütend verließ der Kapitän das Schiff - ob freiwillig oder nicht. Die Bild-Zeitung titelte: "Kapitän vom 'Traumschiff' gejagt" - eine Version, die die Reederei allerdings so nicht stehenlassen will. Jungblut habe die Frage, warum er nicht seinen Urlaub genieße, als "unfreundlichen Rauswurf aufgefasst", sagt Sprecherin Kneissl zu Süddeutsche.de. Man wundere sich, dass Jungblut den Konflikt so "nachhaltig und kompromisslos" über die Medien austrage und wünsche sich "dass man wieder auf einer anderen, sachlich konstruktiven Ebene miteinander argumentieren könne."

Letzteres scheint nach dem dramatischen Abgang des Kapitäns allerdings eher unwahrscheinlich. Auch der Erfinder der Traumschiff-Serie hat sich laut Bild auf die Seite von Jungblut und seiner Crew geschlagen. Der Gegenwind aus Richtung der Bundesregierung bläst unvermindert weiter. Das Traumschiff ganz ohne Happyend? Der Appetit auf Eisbombe jedenfalls dürfte den Eignern nach dem öffentlichen Zoff gründlich vergangen sein.