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Serie: Ü90:Der Hundertjährige, der ins Becken stieg

Als er mit 67 Jahren zur Wasserwacht wollte, fanden sie ihn erst einmal zu alt. Von wegen. Eine Unterrichtsstunde mit Leo Kuchwalek, dem ältesten Schwimmlehrer Deutschlands.

Sachte schiebt er sich durchs Becken. Mit seinen Zehen drückt er sich vom Fliesenboden ab, mal hierhin, mal dorthin. Ein gutes Dutzend Kinder tummeln sich mit ihm im Wasser. Recken die Köpfe, strampeln mit den Beinen, platschen, jauchzen und schreien. Die Sonne scheint durch die hohen Fenster des Primavita Bads am südlichen Stadtrand von Berlin. Von Schwimmlehrer Leo Kuchwalek schauen nur der Kopf und die Schultern aus dem Wasser. Seine nassen Haare leuchten weiß, sein Körper sieht athletisch aus. Das Herz in diesem Körper schlägt schon seit mehr als 100 Jahren.

Leopold Kuchwalek, genannt Leo, ist der wohl älteste Schwimmlehrer Deutschlands. Vielleicht sogar der Welt. "So viele Verrückte gibt's ja nun auch nicht", sagt seine Tochter mit einem Augenzwinkern. Monika Gesirich, stets besorgt um das Wohlergehen ihres Vaters, hat ihn an diesem Nachmittag ausnahmsweise mal zum Schwimmunterricht fahren dürfen. Sonst kommt er mit dem Bus. Selbst ist der Mann. Auch der alte, so er denn kann.

Draußen ist es warm, Kuchwalek war gestern schon hier, ein bisschen müde wirkt er. Hitze und Zeit zerren selbst an seinen Kräften. Wenngleich auch vielleicht nicht so heftig wie bei anderen Menschen seines Alters.

Leopold Kuchwalek

Deutschlands ältester Schwimmlehrer: Leopold Kuchwalek.

(Foto: Jan Ehlers/Deutsche Fernsehlotterie)

Seit 33 Jahren ist Kuchwalek beim Deutschen Roten Kreuz, Kreisverband Steglitz-Zehlendorf, Abteilung Wasserwacht. Und er will die rote Badehose mit dem Retter-Emblem so bald nicht ablegen. Im April haben ihn seine Vereinskollegen zum rundesten Geburtstag hochleben lassen, den ein Mensch erreichen kann. Sie schätzen ihn, ihr berühmtestes Mitglied. "Unser Maskottchen", wie Dieter Stiller sagt, ebenfalls Schwimmlehrer, auch Rentner, aber deutlich jünger. Stiller hat immer ein Auge auf die Kinder und eines auf den Ehrenamtlichen Kuchwalek, man weiß ja nie, in dem Alter. Er habe ihn gerne dabei, sagt Stiller. Eine schier unendliche Geduld habe der Leo mit den Kindern. Die aber kam wohl erst mit den Jahren. Ein strenger Vater sei er gewesen, sagt seine Tochter. Zumindest damals, als er noch als Ingenieur gearbeitet habe.

Von draußen wirft die Sonne die Schatten der neugierigen Eltern herein. Manche von ihnen haben in dieser Halle einst selbst das Schwimmen gelernt. Die Schüler kamen und gingen, der Lehrer aber blieb. Bis heute. Kaum vorstellbar, dass die Wasserwacht den beliebten Schwimmlehrer damals, vor mehr als drei Jahrzehnten, erst gar nicht haben wollte. "Wie alt sind Sie? 67? Eigentlich zu alt für uns", soll die Frau mit dem Aufnahmeantrag für neue Mitglieder gesagt haben. Und wäre die Wasserwachtlerin hart geblieben - Kuchwaleks Karriere als Schwimmmeister wäre vorbei gewesen, bevor sie hätte beginnen können. Doch er hatte Glück. Tags darauf wachte jemand anderes über die Mitgliedsanträge, und schon durfte Leo Kuchwalek unterschreiben. Ins Schwimmbad sei er schon vor 90 Jahren gerne gegangen, erinnert er sich. Immer am Samstag. Damals hätten die Damen noch herrliche Badeanzüge getragen.

Ü 90

In der vierteiligen Serie stellt die SZ bemerkenswerte Menschen im hohen Alter vor

Folge 3: Der Wassermann

Heute schwärmen in Deutschland 25 Millionen Menschen im Sommer in die Freibäder, an die Seen und Küsten. Doch wie die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft gerade erst wieder verkündete, können sechs von zehn Kindern im Alter von zehn Jahren nicht richtig schwimmen. Auch Erwachsene schnitten im Test nicht gerade gut ab. Als sicherer Schwimmer gilt, wer die Disziplinen für das Jugendschwimmabzeichen in Bronze erfüllt, auch "Freischwimmer" genannt. Dafür müssen Kinder in 15 Minuten mindestens 200 Meter weit schwimmen. Die Kinder, die Kuchwalek an jenem sonnigen Nachmittag trainiert, werden zwar voraussichtlich einmal nicht zu den schlechten Schwimmern zählen, aber für den Freischwimmer reicht es auch noch nicht. Zu oft sacken die Beine nach unten weg. Kuchwalek geht dann in die Knie und fischt die strampelnden Füße wieder herauf. Beinarbeit ist wichtig. Er bedeutet einem Jungen, sich waagrecht ins Wasser zu legen. Der Bub klammert sich an sein rotes Schwimmbrett. In der heutigen Schwimmstunde geht es nur um die Beine. "Anziehen, auseinander und ausstrecken." Immer wieder wiederholt Kuchwalek diese Worte, "und ausstrecken", bis es klappt, dann lässt er ihn davonpaddeln.

Kuchwalek, dessen Kinder schon 67 und 70 Jahre alt sind und der selber keine Enkel hat, wird nun anderswo gebraucht. Auf den Stufen am Beckenrand sitzt ein Mädchen. Es weint. Kuchwalek fragt, ob es sich gestoßen habe. Oder Wasser geschluckt? Das Kind will nicht herausrücken mit der Sprache. Nur so viel: "Mami". Kuchwalek deutet dem Mädchen den Weg zur Mutter. Dann wischt er sich mit beiden Handflächen übers Gesicht und hievt sich aus dem Wasser. Zeit für eine Pause. "Wissen Sie", sagt Kuchwalek, "das Wasser ist ganz warm, aber mir wird trotzdem schnell kalt." Jetzt aber wärmt ihn die schwüle Hallenluft. Der 100-Jährige, bei dem man auch das "Seepferdchen" machen kann, hört auf seinen Körper, er weiß, was er ihm noch zumuten kann. Einen Köpper vom Beckenrand? Der geht noch, aber sicher. Einkaufen? "Ne, meine Kinder holen ein", sagt er in der ganz eigenen, altertümlichen Sprache, die auch noch Wörter wie Omnibus oder Trottoir kennt.

Leopold Kuchwalek

Generationen von Kindern kamen und gingen bei der Wasserwacht Berlin Steglitz-Zehlendorf, Schwimmlehrer Leopold Kuchwalek aber blieb.

(Foto: Jan Ehlers/Deutsche Fernsehlotterie)

Schwimmen hat Leo Kuchwalek übrigens im Berliner Hohenzollernkanal gelernt, der Schifffahrtsstraße, welche die Spree und die Havel miteinander verbindet. Zu einer Zeit, als Charlie Chaplin noch ein Weltstar war. Und heute? Heute nehme er sechs halbe Tabletten am Tag, erzählt Kuchwalek. Er wisse nicht genau, wofür. Doch er fühle sich wunderbar.

Leo Kuchwalek ist seit 83 Jahren Mitglied im Paddelclub Wiking an der Havel. 45 Mal hat er das Deutsche Sportabzeichen gemacht. Er hätte es auf mindestens 46 gebracht, hätte nicht 2003 sein Herz vorübergehend schlapp gemacht. Infarkt. Er hat das nur überlebt, weil er so fit war. Davon ist Tochter Monika überzeugt. Und tatsächlich rappelte er sich wieder auf und sportelte gemäßigt weiter. Seine Frau, sie starb erst vor zwei Jahren. 73 Jahre waren die beiden miteinander verheiratet. Und oft sind sie miteinander schwimmen gegangen.

Wer Leo Kuchwalek so sieht, nach der Schwimmstunde, wie er in der Umkleide auf einem Bein steht, storchengleich, sich den wollenen Socken an den Fuß fummelt und einfach nicht das Gleichgewicht verlieren will, dann könnte man meinen, er macht ewig so weiter.