Sensationsflug im Kalten Krieg Die Wahrheit liegt neben dem Platz

Vor 20 Jahren trickste der Hobbyflieger Mathias Rust die sowjetische Luftabwehr und landete im Zentrum Moskaus. Dort wollte er "für den Weltfrieden" werben. Der Legende nach setzte seine Cessna auf dem Roten Platz auf - in Wahrheit landete er auf einer nahe gelegenen Brücke.

Von Thomas Urban

Vor genau 20 Jahren landete der damals erst 19 Jahre alte deutsche Hobbyflieger Mathias Rust auf dem Roten Platz in Moskau. Er trickste nicht nur die sowjetische Luftabwehr aus, sondern demütigte auch die Supermacht an ihrer empfindlichsten Stelle. So zumindest lauteten die Schlagzeilen und Kommentare von damals.

Mathias Rust landet in Moskau

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Nur: Rust ist nie auf dem Roten Platz gelandet. Es handelt sich schlicht um eine Legende, die allerdings so gut klingt, dass sie nicht nur von der Presse bis heute gern wiederholt wird, sondern auch Eingang in die seriöse zeitgeschichtliche Literatur gefunden hat. In Frankreich erschien unter dem Titel "Salut Mathias!" sogar ein Thriller, dessen Autor den Flug in eine gigantische Kremlintrige hineinphantasierte.

In Wirklichkeit ist die Cessna, die Rust in Hamburg zu einer Rundtour über die Nordsee gemietet hatte, etwa 100 Meter unterhalb des Roten Platzes zum Stehen gekommen. Dort wurde Rust zunächst von freundlichen Moskauern umringt, bis düster blickende Agenten mit Ledermänteln und schwarzen Hüten ihn in ein schwarzes Auto bugsierten und mit ihm fortfuhren.

Die Szene hat ein westlicher Tourist mit einer kleinen Handkamera festgehalten. Zuvor hatte er gefilmt, wie die Cessna in geringer Höhe - sie ging bis auf drei Meter hinunter - den Roten Platz überflog, vorbei am Lenin-Mausoleum. Doch gelandet ist sie nicht, es waren zu viele Menschen unterwegs.

Verfolgt vom Abfangjäger

Also zog Rust die Maschine hoch, flog an der Basilius-Kathedrale vorbei nach Süden. Dort wendete er und landete auf der Moskwa-Flussbrücke. Er manövrierte dabei sein Flugzeug an den Stromleitungen vorbei.

Wie durch ein Wunder kam es nicht zu einer Kollision, als er die Gegenfahrbahn kreuzte, um Richtig Basilius-Kathedrale auszurollen. Unterhalb der berühmten Kirche mit ihren bunten Zwiebeltürmen kam die Maschine auf dem Wassilij-Abhang (Wassilewskij Spusk), der damals vor allem Parkplatz für Reisebusse war, zum Stehen. Rust hatte sein Ziel um fast 100 Meter verfehlt.

Der Flug nach Moskau war einfacher gewesen, als er es selbst erwartet hatte. Er war, wie mit seinen Eltern besprochen, zuerst nach Island geflogen, dann nach Norwegen und Finnland. Von Helsinki war es nur ein Katzensprung nach Leningrad, von dort orientierte er sich an der Bahnlinie nach Moskau und ließ sich auch von einem sowjetischen Abfangjäger, der ihn zeitweise begleitete, nicht aus der Ruhe bringen.

Die weitere Geschichte ist bekannt: Prozess in Moskau wegen Gefährdung des Flugverkehrs und Einreise ohne Visum. Rust erklärte, er habe in Moskau für den Weltfrieden werben wollen. Genützt hat es nichts. Er wurde zu vier Jahren Arbeitslager verurteilt, wurde aber nach vierzehn Monaten im Moskauer Lefortowo-Gefängnis begnadigt.

Rusts Probleme im Alltag

Kremlchef Michail Gorbatschow hatte Grund, Rust dankbar zu sein. Sein Flug hatte nämlich die Schwächen der sowjetischen Luftabwehr offenbart. Gorbatschow nutzte den Fall, um den Verteidigungsminister Sergej Sokolow sowie eine Gruppe störrischer Generäle zu feuern.

Rust aber hatte nach seiner Rückkehr nach Deutschland Probleme, in den Alltag zurückzufinden. Während seines Zivildienstes stach er mit einem Messer auf eine Krankenschwester ein, die sich seiner Zudringlichkeiten erwehren wollte.

Dafür wurde er zu zweieinhalb Jahren Gefängnis wegen Totschlagversuchs verurteilt. Später wurde ihm wegen des Diebstahls eines Kaschmir-Pullovers eine Strafe in Höhe von 10.000 Mark auferlegt. Vor zwei Jahren kam eine Strafe wegen Betrugs in Höhe von 1500 Euro dazu. Derzeit versucht er sich als professioneller Pokerspieler.