Schweden:Das geographische Erbe der Nazis

Schweden war im Zweiten Weltkrieg neutral, aber das Land pflegte enge wirtschaftliche Beziehungen mit dem Dritten Reich und ließ es zu, dass mehr als zwei Millionen deutsche Soldaten durch Schweden an die Kriegsfronten in Finnland und Norwegen transportiert wurden.

Propagandaminister Joseph Goebbels notierte 1942 in sein Tagebuch: "Schweden hat mehr für die deutsche Kriegsführung getan, als man gewöhnlich annimmt. ... Sie betonen ihre Neutralität, aber auf eine Weise, die zu unserem Vorteil ist."

Manche Historiker nennen das Realpolitik - die Schweden hätten so eine Okkupation durch die Wehrmacht verhindert. Andere sagen, die schwedische Regierung sei feige gewesen.

Nur wenige schwedische Politiker waren überzeugte Nationalsozialisten, aber es gab Menschen, die die Nazis bewunderten, vor allem in Schonen, das am nächsten an Deutschland liegt. Es handelte sich dabei insbesondere um Bauern, Soldaten, Leute aus der Oberschicht und Akademiker. In der Ausstellung heißt es, dass es "an der Uni in Lund viele respektierte Akademiker gab, die deutschfreundlich und antisemitisch waren." Bei den Bauern und Soldaten ging es vor allem um persönliche Vorteile.

Während in Schweden Regimenter aufgelöst und die Wehrpflicht verkürzt wurde, wurde im Dritten Reich die Aufrüstung rasant vorangetrieben. Und während in Schweden die Bauern in der Krise waren, galten sie im Dritten Reich als Rückgrat der Gesellschaft. So wurden die Nazis zum Vorbild. In manchen Familien Schonens hat sich diese nazifreundliche Einstellung bis heute gehalten, Museumschef Kenneth Johansson spricht von einem "geographischen Erbe".

Hinzu kommen die Unzufriedenheit über die liberale Regierung im fernen Stockholm und Gründe, die auch in Deutschland den Rechten Zulauf verschaffen: Arbeitslosigkeit etwa, oder die Suche nach Gemeinschaft. Bei den Wahlen 2002 erhielt die Partei Schweden-Demokraten, der politische Arm der Rechtsextremen, landesweit 50 kommunale Mandate - 30 davon in Schonen.

Neben den Schweden-Demokraten gibt es die - noch radikaleren - Nationaldemokraten und eine lange Reihe von rechtsextremen Organisationen, zum Beispiel die Nationalsozialistische Front, die knapp 1000 Mitglieder haben soll - die meisten davon leben in Schonen. Die gesamte Nazi-Bewegung nennt sich "Vit Makt" ("Weiße Macht") und ist vereint in ihrem Hass auf Homosexuelle, Ausländer, Linke und die so genannte "jüdische Weltverschwörung". Sie nutzen das Internet und die Musik, um Anhänger zu gewinnen. Und sie sind sehr gewalttätig.

Die Ausstellung in Malmö zeigt Bilder vom Mord an dem Gewerkschafter Björn Söderberg, das kaputte, blutverschmierte T-Shirt des schwulen Kent, dem Neonazis tödliche Stiche in den Rücken versetzten, und das verquollene, schrecklich rot und blau geschlagene Gesicht des 16-jährigen John Hron, der von den Rechtsradikalen zu Tode geprügelt worden ist.

Bilder wie diese, aber auch jene vom Leichen-Abtransport aus dem deutschen Konzentrationslager Bergen-Belsen 1945, haben die Veranstalter veranlasst, Kinder unter zwölf Jahren nicht in die Ausstellung zu lassen; Zwölf- bis 16-Jährige sollen sie nur in Begleitung eines Erwachsenen besuchen. Die Schweden sind da sehr sensibel, in Deutschland sieht man solche und schlimmere Bilder in vielen frei zugänglichen Ausstellungen - und fast täglich im Fernsehen.

© SZ vom 8.12.2004
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