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Rüsselsheim:Jagdszenen am Untermain

Vor 60 Jahren entlud sich die Mordlust eines Mobs an amerikanischen Kriegsgefangenen - Rüsselsheim gedenkt nun der Opfer.

Die schmalen Gassen am Rande des alten Kerns der Opelstadt Rüsselsheim tragen Namen wie "Im Geiersbühl" und "Grabenstraße". Die verschachtelten und mit kleinen Höfen ummauerten Häuser lassen noch dörfliche Strukturen erkennen, die sich unter der Industrialisierung im 19. Jahrhundert aufgelöst hatten, während die Bewohner immer dichter aufeinander rückten. Was auf solchen Straßen passierte, blieb nie unbemerkt.

Der 79-jährige Sidney Brown kniet neben seinem Porträt, das ihn als Soldat im zweiten Weltkrieg zeigt.

(Foto: Foto: dpa)

Nicht weit vom alten Werkstor der Adam Opel AG endet die Grabenstraße vor den Gleisen einer der Hauptstrecken der Bahn. Gegenüber der Straßenmündung verlief bis zum Abriss im Jahr 1986 eine alte Ziegelmauer: Sie hütete die Erinnerung an eine grausame Tat, über der ein Mantel des Schweigens lag.

Vor sechzig Jahren, am 26. August 1944, war diese Mauer der Endpunkt einer Menschenjagd auf acht wehrlose Opfer, für die es keinen Ausweg und auch kein Erbarmen gab: An einer Gruppe amerikanischer Kriegsgefangener, die durch die Rüsselsheimer Innenstadt geführt wurde, entlud sich die Mordlust eines mehr als hundertköpfigen Mobs, der sich auf seiner Hetzjagd mit Steinen, Hämmern, Flaschen und Holzplanken bewaffnete.

Vermeintliche Rache

Es geschah aus vermeintlicher Rache für einen vorangegangenen britischen Bombenangriff auf die Stadt. Die acht amerikanischen Flieger, die tags zuvor ihren ersten Kriegseinsatz geflogen waren und über Norddeutschland abgeschossen wurden, hatten damit nichts zu tun.

Sechs von ihnen ließen unter den Hieben des Mobs ihr Leben, zwei konnten fliehen. Zusammen mit ihren leblosen Kameraden hatte man sie auf einen Karren geworfen, der von Hitler-Jungen zum Friedhof transportiert wurde.

Russische Zwangsarbeiter beerdigten die Toten, und Zwangsarbeiter waren es auch, die den im März 1945 in Rüsselsheim einrückenden Amerikanern von den Morden berichteten.

In einem der ersten Kriegsverbrecherprozesse wurden noch im selben Jahr mehrere Tatverdächtige zum Tode, andere zu Haftstrafen verurteilt.

Nicht mehr öffentlich darüber gesprochen

Danach wurde über das Verbrechen nicht mehr öffentlich gesprochen. Erst beim Abriss der Mauer am Tatort meldeten sich vereinzelte Stimmen zu Wort.

Seit Anfang der neunziger Jahre lag dem Magistrat der Stadt auch ein Buchmanuskript des Amerikaners August Nigro mit einer Rekonstruktion der Ereignisse vor, doch blieb es unter Verschluss.

Aufsehen erregte ein Bild, das bei dem Maler Hans Diebschlag für den Ratssaal der Stadt in Auftrag gegeben wurde: Das Gemälde "Wir lieben das Marschieren" sollte einen Karnevalsumzug darstellen, und Diebschlag hatte bereits eine surreale Phantasie im Sinn, als ihn eine ältere Frau, die ihm beim Malen zusah, von der Untat in der Grabenstraße berichtete, an der entlang er im Bild die Narren marschieren ließ.

Diebschlag ließ daraufhin Gardisten über die Schatten von Leichen schreiten, die sich auf dem Straßenpflaster abzeichneten. Als Stein des Anstoßes hing das Gemälde für ein paar Jahre am vorgesehenen Ort, bis es die CDU-Oberbürgermeisterin entfernen ließ. Aber der Stein war ins Rollen gekommen.

Schweigegebote in der Opelstadt

Die Soziologin Dagmar Eichhorn gründete eine Initiativgruppe "26. August 1944 Erinnerungen", die in mühevoller Überzeugungsarbeit einen stadtöffentlichen Dialog in Gang setzte.

Zu den Veranstaltungen kamen zunehmend ältere Menschen, darunter Zeugen der Untat und Nachkommen der Täter. Sie berichteten von den Tabus und Schweigegeboten, die ihnen von der vorangegangenen Generation auferlegt waren.

Zugleich suchte die Initiative den Kontakt zu den beiden Überlebenden und zu den Angehörigen der Ermordeten.

Nicht als Schlusspunkt einer öffentlichen Auseinandersetzung, sondern als Markstein ihres anhaltenden Prozesses erhebt sich an der Stelle des Massakers jetzt eine vier Meter lange und zwei Meter hohe Ziegelsteinmauer, auf deren Rückseite die überlebensgroßen Porträts der acht amerikanischen Flieger als Vectogramme einer Resopalplatte eingefräst sind.

Vier Ziegelsteine von der alten Mauer, die ein Bürger beim Abriss in Verwahrung genommen hatte, wurden in das neue Mauerstück eingefügt. Bei der feierlichen Einweihung des Mahnmals war auch Eugene Sidney Brown, der letzte Überlebende der Gruppe zugegen, und es war ein bewegender Moment, als er sich nach der Enthüllung neben sein eigenes Porträt als 19jähriger Soldat stellte und die Gesichter seiner damals gleichaltrigen Kameraden betrachtete.

Ihre größte Belastungsprobe hatte die Rüsselsheimer Initiative da gerade hinter sich. In den Wochen zuvor war eine heftige Kontroverse um die für die Stirnseiten des Mahnmals vorgesehenen Inschriften entbrannt: Den einen ging die zeitliche Verknüpfung der Lynchmorde mit den Ereignissen der vorangegangenen Bombennacht nicht weit genug.

Die anderen wollten aufgrund der Unvergleichbarkeit beider Geschehnisse gar keinen Zusammenhang hergestellt wissen, und eine dritte Position klammerte sich an das Wort vom "Bombenterror".

Der Streit wurde erst durch die Intervention des Theologen Paul Oestreicher aus Coventry geschlichtet, der sich schon um die Aussöhnung mit Dresden verdient gemacht hatte: "Hier wurden nach einem britischen Luftangriff auf Rüsselsheim acht amerikanische Flieger auf ihrem Weg in die Gefangenschaft von einer aufgebrachten Menge gejagt und gelyncht", lautet die von ihm verfasste Inschrift.

Der britische Bombenangriff, bei dem die Rüsselsheimer Innenstadt zu großen Teilen zerstört wurde und der 198 Menschen, darunter 177 Zwangsarbeiter, das Leben kostete, hatte die Rüstungsproduktion der Opelwerke zum strategischen Ziel.

Einziges Ziel: töten und morden

Die Meute, die am anderen Morgen acht Menschen jagte, hatte ein einziges Ziel: zu töten und zu morden. Die Reife einer Zivilgesellschaft wäre da weniger am Wunsch nach Versöhnung und auch nicht am Verlangen nach Erklärungen zu messen, als vielmehr an der Bereitschaft, das Unfassbare als Trauer um den Verlust der Menschlichkeit anzunehmen und solche Trauer unversöhnt auszuhalten.