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Royals:Der Königsweg der Presse

Charles und Camilla liefern den boshaften Zeitungen in London eine süffige Schlagzeile nach der anderen. Und das "verdammte Pack" lässt sich nicht zweimal bitten.

Ist diese Hochzeit "verhext" (Sun)? Oder steht sie doch nur "unter einem schlechten Stern" (Daily Mail)? Die Fakten brachte zu Wochenbeginn das linke Boulevard-Blatt Daily Mirror auf einen unvergleichlich schönen Nenner: "Keine Hochzeit und ein Todesfall".

Devotionales für Patrioten.

(Foto: Foto: AP)

Die Anspielung auf den berühmten englischen Film war zwar nicht ganz korrekt, immerhin aber findet die Hochzeit zwischen dem britischen Thronfolger Charles und seiner langjährigen Begleiterin Camilla Parker Bowles ja doch statt, wenn auch mit 24 Stunden Verspätung erst am Samstag.

Dass die Beisetzung des Papstes nun auch noch den Termin der im Februar angekündigten Hochzeit durcheinander brachte, war die letzte Panne in einer Serie von Absagen, Beschwerden und Verirrungen - jede einzelne treu begleitet vom "verdammten Pack", wie der Bräutigam Journalisten zu nennen pflegt.

Das entfuhr ihm auf der Skipiste bei Klosters, wo sich Charles mit seinen Söhnen William und Harry erholen wollte. Weil Teenie-Schwarm William, 22, in Begleitung seiner Freundin die Pisten herunterwedelte, sah sich die Königstruppe von Paparazzi bedrängt.

Die britischen Zeitungen haben zwar einen unausgesprochenen Pakt mit Clarence House, dem Amtssitz von Charles, keine Privatbilder der beiden Söhne zu zeigen, aber wenn französische Fotografen hübsche Fotos anbieten, wer kann da schon widerstehen?

Charles hatte also Anlass zu Ärger. Wunderlich war nur, dass der Prinz ausgerechnet den BBC-Mann Nicholas Witchell als "schrecklichen Kerl" adelte: "Ich hasse ihn."

Witchell war bisher nur durch heroischen Einsatz aufgefallen, als vor 15 Jahren militante Lesben sein Studio besetzt hielten: Der damalige Nachrichtensprecher nahm kurzerhand auf einer der Damen Platz und verlas weiterhin Meldungen, als sei nichts gewesen.

Ein Mann also ganz nach dem Geschmack des "Gentleman-Gutsbesitzers", der Charles nach Auskunft seiner Palast-PR-Profis vor allem ist. Doch wer das Verhältnis zwischen der Königsfamilie und den Medien, früher "Fleet Street" genannt, beschreiben will, muss sich auf heftige Emotionen gefasst machen.

Ausländischen Beobachtern geht es so wie beim Besuch Nordirlands: Mitten im aufgeklärten Westeuropa stößt man auf ganz normale, recht gebildete Leute, die sich mit völlig unverständlicher Begeisterung gegenseitig hassen.

Die Nordiren behaupten, ihr Hass habe mit der Religion zu tun. Bei Presse und Königshaus sitzt die Abneigung mindestens ebenso tief und wird wahrscheinlich verstärkt durch die Tatsache, dass die eine Partei nicht ohne die andere leben könnte.

Insofern war die Reaktion der Londoner Boulevardpresse auf die königliche Verlobung mild. "Die Ehefrau, die er immer haben wollte", titelte Daily Mail, das Zentralorgan des konservativen Kleinbürgers. "Prinzessin Camilla" schlagzeilte der linke Daily Mirror.

Das dazugehörige Foto der grinsenden Frau Parker Bowles verstärkte den gewünschten Kontrast zu Charles' erster Frau, der verunglückten Prinzessin Diana. Im Inneren des Blattes verbreiteten sich dann so genannte Verfassungsexperten über die zukünftigen Titel der 57-Jährigen.

Dazu muss man wissen, dass es in Großbritannien so viele Verfassungsexperten gibt wie in Deutschland Bundestrainer, also zu viele und zu viele schlecht qualifizierte.

Aber diesmal waren sie auf einen wichtigen Punkt gestoßen: Erst berichteten die Blätter getreu, was Clarence House den Reportern in die Blöcke diktiert hatte: Camilla, im lieblosen Palast-Jargon "CPB" genannt, lege auf die Titel keinen Wert. Sie werde zwar Königliche Hoheit sein, aber weder Prinzessin von Wales noch - nach Charles' Thronbesteigung - Königin.

Stattdessen wolle sie den Titel einer "Herzogin von Cornwall" tragen. Nach dem Tod der Queen dürften ihre Untertanen sie dann als Königsgemahlin ansprechen.

Dieses gequälte Arrangement erweckte Misstrauen. "Königin bis auf den Namen" lästerte der Mirror und zitierte einen der wenigen echten Experten, Lord St. John of Fawsley: "Ich glaube, dass Camilla der Verfassung zufolge nach dem Tod der Queen automatisch Königin ist."

Ein Labour-Hinterbänkler richtete eine parlamentarische Anfrage ans Justizministerium: Ob Camilla die Titel "Prinzessin von Wales" und "Königin" zustünden?

Die Regierungsantwort ("Yes") nahmen die Zeitungen zum Anlass, das "königliche Fiasko" (Mail) in Tausenden von Silben auszubreiten. "Wenn das Parlament nicht das Gesetz ändert", so The Times, werde Camilla doch Königin.

Die Kollegen der Mail machten mit der wütenden Frage auf: "Also, wird Camilla nun Königin oder nicht?" Im Blatt durfte ein angeblich glühender Royalist seine Empörung ausdrücken. "Wenn Camilla Königin wird, werde ich Republikaner", wütete Michael Thornton, ein angeblich "berühmter Biograf der Königsfamilie".

Wenn alles stimmt, was es über die bevorstehende Hochzeit zu lesen gab, dürfte Queen Elizabeth II. mit Thornton übereinstimmen: Die 78-Jährige durchkreuzte Charles' Plan, seine standesamtliche Ehe auf Schloss Windsor einzugehen und ließ nach der Verlegung ins Rathaus von Windsor mitteilen, sie bleibe außen vor.

Hatte sich die eifrige Boulevard-Zeitungsleserin von den Beschreibungen des Rathauses, seiner "düsteren Atmosphäre" (Mirror) und dem "verschlissenen Mobiliar" (Mail) abschrecken lassen?

Keineswegs: "Die Queen glaubt, Charles habe sein Vergnügen über die Pflicht gestellt", teilte der Sunday Telegraph bereits im Februar autoritativ mit. Diese Woche meldete Sun, natürlich exklusiv, die Queen habe wegen der Papst-Beerdigung auf "Verschiebung um sechs Monate" gedrungen. Charles habe abgelehnt. Wer mag es ihm verdenken - was alles in sechs Monaten schiefgehen könnte!

Als extrem hartnäckig im Ausgraben von Königsgeschichten erwies sich "die beste Zeitung der Welt", wie sich Daily Express mit Understatement nennt.

"Dianas Wagen wurde vor dem Unfall ausgetauscht", enthüllte das Organ - zu Recht darauf vertrauend, dass die Uralt-Kamelle bei der überalterten Leserschaft in Vergessenheit geraten sein könnte.

Kurz darauf hatte das Weltblatt die nächste "Exklusiv"-Story: "Camilla erhält heldenhaften Bodyguard." Doch halt, sollte da etwas dazwischen kommen? "Charles soll sich entschuldigen", meldete Express eines Montags nicht ganz so exklusiv. Tags zuvor hatte der Bischof von Salisbury dem Sunday Telegraph geflüstert, der Prinz und seine Verlobte müssten für ihren Ehebruch bei Andrew Parker Bowles Buße tun - auch Kirchenmännern ist kein Anlass zu unwürdig, um in die Presse zu kommen.

Vielleicht gewinnt ja doch der Daily Star den Wettbewerb um die schönste Schlagzeile. Am Tag nach der Verlobung druckte das Krawallblatt auf Seite Eins das übliche Nacktfoto einer üppigen Blondine, begleitet von einer saftigen Sex-Geschichte. Darüber, in kleinerem Schriftgrad, thronte die Schlagzeile: "Zwei alte Langweiler wollen heiraten."

© SZ vom 7.4.2005
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