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Rimini:Die Lust aufs Mehr

Der Strand, an dem die Welt einst baden ging: Der Teutonengrill ist zum Freizeitpark mit Whirlpools, Internet-Cafés und Freilichtkinos geworden - und das Meer rückt in den Hintergrund.

Alessandro Gastone hat heute einen guten Tag. Der Himmel ist blau, und seine bunten Sonnenschirme blitzen, darunter aalen sich braun gebrannte Körper. Der Bademeister lehnt sich zufrieden gegen die weiß getünchte Bretterwand seines Aufseherhäuschens. An diesem Morgen hat er besonders viele Badehandtücher ausgegeben, sein kleiner Strandabschnitt ist gut gefüllt. "So könnte es immer sein", sagt Alessandro, und man kann ahnen, dass es auch schon schlechtere Tage hier am Strand von Rimini gegeben hat: "Bis Mitte Juli hatten wir dieses Jahr wechselhaftes Wetter, mal Sonne, aber auch viel Regen", erzählt Alessandro.

"Teutonengrill" wie man ihn kennt: Der Strand bei Rimini, fünf mal 2,60 Meter pro Familie. Doch dass Rimini nur Strandleben bedeutet soll nun Vergangeheit sein.

(Foto: Foto: dpa)

Schlechtes Wetter mag andernorts ungemütlich sein, in Rimini ist es eine Katastrophe. Denn hier leben die Menschen am Strand, rund um die Uhr. Morgens lassen sie sich auf den vielen hunderttausend Sonnenliegen rösten, die Alessandro und seine Bademeisterkollegen herausgestellt haben. Mittags sitzen sie bei Pasta oder Panino unterm Sonnenschirm, und abends geht es natürlich in die Strand-Disko. Da gehört schönes Wetter einfach unabdinglich zum Lebensgefühl.

Riesige Freizeitmaschinerie

Freilich sind Sonne, Sand und Meerwasser schon lange nicht mehr genug in Rimini. Um dessen 15 Kilometer langen Sandstrand rankt sich nicht nur der Mythos, das vielleicht meist besungene Stück Meeresufer der Welt zu sein. Die Sandflächen sind längst auch von einer riesigen Freizeitmaschinerie okkupiert - mancherorts kann man kaum mehr ein Sandkorn sehen unter der Vielzahl von Fitnessgeräten und Computer-Sitzplätzen, von Sofas, Sesseln und Massagebänken, die sich auf über den Sand gelegten Teppichen und Bretterböden ausgebreitet haben.

Der Strand von Rimini ist ein Wohnzimmer im Freien und zugleich viel mehr als das. Die Sandfläche ist Schaubühne und Kontakthof für junge Leute aus aller Welt, wo man nachts heiße Rhythmen hört und am Tag äußerst knappe Bikinis trägt. Aber der Strand ist auch ein Hort alter italienischer Traditionen, wo die klassische Familie sich noch um die Mamma schart und der Vater geistesabwesend die Fußballzeitung durchblättert, während die Kleinen an allen Ecken schreien.

Einige italienische Familien haben bei Alessandro ganze Reihen von Sonnenschirmen abonniert, für die komplette Saison. Doch es räkeln sich hier auch viele neureiche Russen neben deutschen Rentnern auf den Liegen; abends krakeelen schottische Saufkumpane über die Strandpromenade, während holländische Muttis kopfschüttelnd auf den Strandbänken sitzen. "Rimini ist ein Kuddelmuddel", hat der große Regisseur Federico Fellini mal über seine Heimatstadt geschrieben: "Konfus, beängstigend und zart - mit diesem großen Atem, der zum Meer offenen Leere." Eben dem Strand.

Fellini hatte recht früh, mit 18, seine Geburtsstadt verlassen. Später setzte er ihr mit dem Film "Amarcord" ein liebevolles Denkmal, wofür sich die Stadt Rimini nach seinem Tod bedankte, indem sie einen Kreisverkehr an der Strandpromenade nach dem weltberühmten Regisseur benannte. An dem "Parco Federico Fellini" genannten Rondell liegt das Grandhotel, Fellinis bevorzugte Absteige in Rimini.

Weiß strahlt die gewaltige Hauptfassade des im Zuckerbäckerstil errichteten Gebäudes, das vor Jahren zum nationalen Kulturdenkmal erklärt wurde, doch an den Seitenwänden blättert der Putz. Drinnen strahlen Kronleuchter, beflissene Kellner eilen wie in alten Zeiten durch die mit edlen Teppichen ausgelegten Räume, während auf der Terrasse ein Klavierkünstler am Flügel sitzt. Ausgebucht aber scheint das Haus nicht zu sein. Das Grandhotel stammt noch aus jener Gründerzeit, als gerade die ersten Badeanstalten errichtet waren und es die mondäne Welt nach Rimini zog.

Von den alten Römern war die Stadt 268 vor Christi Geburt einst als Arinium gegründet worden. Viele Jahrhunderte später soll sich Napoleons Bruder Lucien Bonaparte hier beim Bad in den Fluten erfrischt haben. Am 30. Juli 1843 wurde die erste fest installierte Badeanstalt am Strand von Rimini eröffnet, feierlich gesegnet durch den örtlichen Bischof. Sechs Umkleidekabinen gehörten dazu, die Strandfläche war strikt aufgeteilt, denn Damen und Herren hatten getrennt zu baden.