Resozialisierung:Gute Besserung

Auf einer norwegischen Insel lernen Straftäter, mit Freiheit und Vertrauen umzugehen. Dabei helfen: Tennisplatz und Strand.

Elmar Jung

Häftling Nummer 47 ist am Ende. Zwei Stunden hat er alles gegeben, ist von einer Ecke in die andere gehastet, und obwohl das jetzt schon eine Weile her ist, steht er immer noch da und schnappt nach Luft. Die Schweißperlen in seinem Gesicht glänzen in der Nachmittagssonne.

Langsam rollen sie über seine roten Backen, sammeln sich am Lippenpiercing und tropfen in kurzen Intervallen zu Boden. Lars - so soll der Mann mit dem fleckigen T-Shirt und dem kurz geschorenen Haar hier heißen - ist verärgert, was wahrscheinlich an der Niederlage liegt, die ihm sein Mitbewohner gerade auf dem Tennisplatz beigebracht hat.

Früher hat Lars, 26, Drogen verkauft und Leute verprügelt. Vor knapp zwei Jahren wurde er mit 360 Kilogramm Haschisch erwischt und dafür zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt. Zuerst saß er im Hochsicherheitstrakt des Osloer Gefängnisses, jetzt ist er auf dieser 2,6 Quadratkilometer großen Insel, die sich Bastøy nennt und mitten im Oslo-Fjord liegt. Keine Mauern, keine Zellen, keine Zäune, sondern eine malerische Siedlung mit einer Kirche aus Backstein, gelben und roten Holzhäusern und einem Supermarkt.

Freizeitprogramm wie für Pauschaltouristen

Gemeinsam mit 114 anderen Männern, 195 Hühnern, 8 Pferden, 38 Schweinen und 18 Kühen lebt Lars hier im offenen Vollzug. Über Wald und Wiesen und das Meer lässt er seinen Blick schweifen, dann sagt er: "Dieser Ort ist wirklich unglaublich."

Mit anderen offenen Gefängnissen, von denen es in Norwegen fünf gibt, hat Bastøy nicht viel mehr gemein, als dass es eben offen ist, also keine physischen Barrieren vorhanden sind, welche die Gefangenen an der Flucht hindern könnten. Der Rest geht weit über das hinaus, was man sich unter Strafvollzug vorstellt - auch unter offenem.

Denn nach getaner Arbeit, so gegen 14.30 Uhr, steht den Häftlingen ein Freizeitprogramm zur Verfügung, wie es Pauschaltouristen sonst nur von Club-Urlauben kennen. Im Winter Langlauf, Eishockey oder Ski-Springen auf der eigens dafür gebauten Schanze, im Sommer Fußball, Beachvolleyball oder Tennis. Oder aber sie machen es wie Lars, der sich inzwischen ein Handtuch umgebunden hat und auf dem Weg zum Strand ist. Die Gefängnisinsel Bastøy: ein Paradies?

"Leif wirkt apathisch"

Gefängnisdirektor Øyvind Alnæs spricht lieber von "Verantwortung", die man die Gefangenen lehre, indem man ihnen größtmögliche Freiheit lasse. Außerdem werde ja auch noch gearbeitet. Der 46 Jahre alte Mann mit Halbglatze, eisblauen Augen und kräftigem Händedruck sitzt in seinem Büro im 2. Stock des Verwaltungsgebäudes, ein Gutshaus aus dem 19. Jahrhundert.

In einem schmucklosen Regal findet sich neben Lehrbüchern über kognitive Psychologie auch Karl Marx. Schreibtisch, Computerbildschirm und -tastatur sind fast vollständig mit selbstklebenden Zetteln bedeckt. Auf einem steht: "Gespräch mit Daniel führen - Verdacht auf Drogenkonsum." Auf einem anderen: "Leif wirkt apathisch. Wir müssen ihn mehr aus der Reserve locken." Alnæs führt über jeden seiner Häftlinge akribisch Buch.

Im zweiten Teil lesen Sie, inwieweit das fast grenzenlose Vertrauen Früchte trägt.

Gute Besserung

"Wir versuchen, auf jeden individuell einzugehen, sein Vertrauen zu gewinnen und so eine Bindung aufzubauen", sagt er. Behandelt man die Gefangenen nur mit genügend Respekt und Achtung, so sein Kalkül, werden sie sich nach ihrer Entlassung dementsprechend ihren Mitmenschen gegenüber verhalten.

Fünf unbewaffnete Wachen

Tatsächlich gibt es schon bei der Ankunft nichts, was Alnæs über die Häftlinge nicht weiß. Kindheit, Schuhgröße, Allergien: "Die Neuen kommen praktisch mit heruntergelassenen Hosen nach Bastøy", sagt er. Einer von ihnen verlässt gerade die Fähre, die zweimal am Tag anlandet. Der Gefängnisdirektor begrüßt ihn, wie jeden anderen Neuankömmling auch, persönlich und mit Handschlag. "Hallo, ich bin Øyvind", sagt er und lächelt, "herzlich willkommen auf Bastøy." Der junge Mann mit dem Milchgesicht schaut etwas verdutzt, fügt sich der Freundlichkeit dann aber.

Auf ihn wartet eine zweimonatige Probezeit. Nicht jeder weiß auf Anhieb, mit dem nahezu grenzenlosen Vertrauen umzugehen, das ihm hier entgegengebracht wird. "Für die meisten sind die ersten beiden Monate eine harte Zeit", sagt Christel Cindahl, seit zwei Jahren für die Sicherheit verantwortlich und eine von lediglich fünf unbewaffneten Wachen, die auch nachts auf der Insel bleiben.

Vor allem die, die bereits viele Jahre im konventionellen Knast verbracht haben, sind Isolation und Teilnahmslosigkeit gewohnt. Manche haben die Einsamkeit im Gefängnis auch schätzen gelernt. Doch wer nach Bastøy kommt, um die Zeit einfach abzusitzen, wird schnell wieder fortgeschickt. Nur wer am sozialen Leben teilnimmt und den Kontakt zu Angestellten und Mithäftlingen sucht, darf bleiben. Es ist ein anderer, ein subtilerer Druck, der hier aufgebaut wird. Physische Barrieren werden durch psychische ersetzt.

Rückfallquote unter 40 Prozent

Und die mag kaum jemand überwinden. Nur einen einzigen Fluchtversuch hat der Direktor in seinen bisher zwölf Jahren hier erlebt. Mit einem Ruderboot, das vertäut am Steg lag, schaffte es einer bis zum Festland, hielt es aber nur eine Woche aus. Dann ruderte er wieder zurück. Ob ein Aufenthalt auf Bastøy die Häftlinge nach ihrer Entlassung auch langfristig davor schützt, erneut in die Kriminalität zu rutschen, weiß niemand so genau. Detaillierte Statistiken gibt es nicht. Erst vor einigen Wochen hat die nahe gelegene Hochschule in Østfold mit einer Untersuchung darüber begonnen.

Alnæs glaubt aber, dass die Rückfallquote unter 40 Prozent liegt - verglichen mit etwa 65 Prozent bei konventionellen Strafvollzugsanstalten. "Und das wäre eigentlich noch zu hoch", meint der Direktor. Auf Bastøy sind auch ganz schwere Jungs untergebracht: Mörder, Pädophile, Vergewaltiger. Zu fünfeinhalb Jahren im Durchschnitt wurden die Insassen auf Bastøy verurteilt. In einem Land, das weder die Todes- noch die lebenslange Haftstrafe kennt, muss man dafür schon eine Menge angestellt haben.

"Jedes Mal geweint"

So wie der 51-Jährige, der hier Elias genannt werden soll. Seine Akte ist die eines Schwerverbrechers. Immer wieder schlug er Menschen krankenhausreif. Prügelte noch auf sie ein, als diese schon regungslos am Boden lagen, ohne Mitleid scheinbar. 2001 dann hat er einen Menschen umgebracht. Warum, darüber redet er nicht.

Seit August vergangenen Jahres ist er auf der Insel. Dort trägt er gemeinsam mit einem missmutig dreinblickenden Asiaten die Verantwortung für 26 Schafe. Immer wieder streichelt der stämmige Mann mit seinen Händen so groß wie Schaufeln die Tiere. Acht Geburten habe er schon miterlebt, sagt er, "und jedes Mal geweint". An Flucht habe er noch nie gedacht. Er sei immer noch damit beschäftigt zu begreifen, wie groß das Vertrauen ist, das er hier erfährt.

Es ist ein Teil der Strategie von Gefängnisdirektor Øyvind Alnæs, die Häftlinge seiner Insel schier fassungslos zu machen mit dem unerschütterlichen Glauben an das Gute im Menschen. "Jeder kann sich ändern", sagt er. Einmal war unter den Neuankömmlingen jemand, der hatte mit einer Kettensäge zwei Menschen zerlegt und die Einzelteile dann tiefgefroren. Alnæs schaute sich den jungen Mann kurz an und schickte ihn dann zum Arbeiten in den Wald - mit einer Kettensäge.

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