Resozialisierung:Gute Besserung

Lesezeit: 4 min

Auf einer norwegischen Insel lernen Straftäter, mit Freiheit und Vertrauen umzugehen. Dabei helfen: Tennisplatz und Strand.

Elmar Jung

Häftling Nummer 47 ist am Ende. Zwei Stunden hat er alles gegeben, ist von einer Ecke in die andere gehastet, und obwohl das jetzt schon eine Weile her ist, steht er immer noch da und schnappt nach Luft. Die Schweißperlen in seinem Gesicht glänzen in der Nachmittagssonne.

Langsam rollen sie über seine roten Backen, sammeln sich am Lippenpiercing und tropfen in kurzen Intervallen zu Boden. Lars - so soll der Mann mit dem fleckigen T-Shirt und dem kurz geschorenen Haar hier heißen - ist verärgert, was wahrscheinlich an der Niederlage liegt, die ihm sein Mitbewohner gerade auf dem Tennisplatz beigebracht hat.

Früher hat Lars, 26, Drogen verkauft und Leute verprügelt. Vor knapp zwei Jahren wurde er mit 360 Kilogramm Haschisch erwischt und dafür zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt. Zuerst saß er im Hochsicherheitstrakt des Osloer Gefängnisses, jetzt ist er auf dieser 2,6 Quadratkilometer großen Insel, die sich Bastøy nennt und mitten im Oslo-Fjord liegt. Keine Mauern, keine Zellen, keine Zäune, sondern eine malerische Siedlung mit einer Kirche aus Backstein, gelben und roten Holzhäusern und einem Supermarkt.

Freizeitprogramm wie für Pauschaltouristen

Gemeinsam mit 114 anderen Männern, 195 Hühnern, 8 Pferden, 38 Schweinen und 18 Kühen lebt Lars hier im offenen Vollzug. Über Wald und Wiesen und das Meer lässt er seinen Blick schweifen, dann sagt er: "Dieser Ort ist wirklich unglaublich."

Mit anderen offenen Gefängnissen, von denen es in Norwegen fünf gibt, hat Bastøy nicht viel mehr gemein, als dass es eben offen ist, also keine physischen Barrieren vorhanden sind, welche die Gefangenen an der Flucht hindern könnten. Der Rest geht weit über das hinaus, was man sich unter Strafvollzug vorstellt - auch unter offenem.

Denn nach getaner Arbeit, so gegen 14.30 Uhr, steht den Häftlingen ein Freizeitprogramm zur Verfügung, wie es Pauschaltouristen sonst nur von Club-Urlauben kennen. Im Winter Langlauf, Eishockey oder Ski-Springen auf der eigens dafür gebauten Schanze, im Sommer Fußball, Beachvolleyball oder Tennis. Oder aber sie machen es wie Lars, der sich inzwischen ein Handtuch umgebunden hat und auf dem Weg zum Strand ist. Die Gefängnisinsel Bastøy: ein Paradies?

"Leif wirkt apathisch"

Gefängnisdirektor Øyvind Alnæs spricht lieber von "Verantwortung", die man die Gefangenen lehre, indem man ihnen größtmögliche Freiheit lasse. Außerdem werde ja auch noch gearbeitet. Der 46 Jahre alte Mann mit Halbglatze, eisblauen Augen und kräftigem Händedruck sitzt in seinem Büro im 2. Stock des Verwaltungsgebäudes, ein Gutshaus aus dem 19. Jahrhundert.

In einem schmucklosen Regal findet sich neben Lehrbüchern über kognitive Psychologie auch Karl Marx. Schreibtisch, Computerbildschirm und -tastatur sind fast vollständig mit selbstklebenden Zetteln bedeckt. Auf einem steht: "Gespräch mit Daniel führen - Verdacht auf Drogenkonsum." Auf einem anderen: "Leif wirkt apathisch. Wir müssen ihn mehr aus der Reserve locken." Alnæs führt über jeden seiner Häftlinge akribisch Buch.

Im zweiten Teil lesen Sie, inwieweit das fast grenzenlose Vertrauen Früchte trägt.

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