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Reportage:Gebrandmarkt auf ewig

Es gibt ein schönes Bild von Else mit ihren beiden Schwestern aus dieser Zeit. Sie war ein wunderschönes Mädchen. Blonde lange Haare, zum Zopf gebunden, ein bezauberndes Gesicht. Als sie zwölf Monate alt war, das war im Jahr 1936, hatten Auguste und Emil Matulat zusätzlich zu ihren zwei leiblichen Töchtern Else adoptiert.

Ein patriotischer Akt, der Politik der Nazis folgend, die Waisenhäuser zu leeren. Was die Matulats bis zu jenem Morgen, als die Kriminalbeamten kamen, jedoch nicht wussten: Das Mädchen war mütterlicherseits von der Abstammung her eine Sinti.

Die Geschichte von Else Baker, die in Auschwitz und in Ravensbrück war, ist auch die Geschichte von Emil Matulat. Er war ein Mann von einfachem Stande und einiger Beredsamkeit. Else Baker hat ein Foto von ihm im Schuhkarton ihrer Erinnerungen.

Man sieht darauf einen gutaussehenden hageren Mann mit einem kleinen Oberlippenbart, der damals sehr in Mode war. Und mit einem klaren, entschlossenen Blick. Emil Matulat hat seine Töchter nie mit Liebe überschüttet.

Küsse oder Umarmungen gab es nicht, das sei damals noch nicht so gewesen wie heute, sagt Frau Baker. Aber als sie seine Else abgeholt hatten, da begann Emil Matulat zu kämpfen.

Emil Matulats Waffe in diesem Kampf war das Wort. Er habe sich sehr gut ausdrücken können, erzählt Else Baker, auch wenn er mit 13 die Schule verlassen musste, um im Hafen zu arbeiten. Unzählige Briefe schrieb der Hafenarbeiter Emil Matulat in den Monaten des Sommers 44, an immer höhere Nazi-Chargen.

Er solle aufpassen, sagte einmal ein Oberkommissar zu ihm, der es gut meinte, seine Aktivitäten könnten auch für ihn gefährlich werden. Emil Matulat machte weiter, trat sogar 1944 in die NSDAP ein, obwohl er immer gesagt hatte, die seien alle größenwahnsinnig.

Er schrieb an Himmler, an Göring, an Hitler, ja, auch an Adolf Hitler. Vielleicht war das der entscheidende Brief. Denn der Gnadenbrief für Else Schmidt ist von Martin Bormann, Hitlers rechter Hand, unterzeichnet.

Im September 1944 konnte Emil Matulat seine Tochter Else in Ravensbrück abholen. Bevor sie ihn sah, musste Else sich die Haare waschen. Ihre Zöpfe waren in den Monaten kein einziges Mal aufgemacht worden. Vater und Tochter fuhren nach Hause.

Sie durfte niemandem sagen, wo sie gewesen war. Angeblich war sie über den Sommer zum Schutz vor Luftangriffen im Harz. Einmal drangsalierte ein Lehrer sie, indem er von ihr verlangte, vor der Klasse zu sagen, was die Nummer auf ihrem linken Unterarm bedeutete. Else sagte nichts. Sie durfte doch nichts sagen.

"Mein Vater hat sein Leben riskiert, um meines zu retten", sagt Else Baker. Was sie geredet haben, als er sie in dem Lager abholte, weiß sie nur bruchstückhaft. Was da passiert sei, habe er gefragt. "Papa, da sind Leute verbrannt worden", hat sie geantwortet, wie eine unbeteiligte Zeugin. Mehr konnte sie nicht sagen, sie war doch noch so klein, und ein Kind kann so etwas nicht begreifen.

Heute begreift sie es. "I can detach things", sagt sie. Heute kann sie die Dinge voneinander lösen. Über den Brief von Bormann, der ihr das Leben gerettet hat, hat sie viel nachgedacht. Es müsse einen "Rest an Menschlichkeit und Realitätssinn" in diesem Mann gegeben haben, sagt sie, wenn ein Mann wie Bormann 1944, die Niederlage vor Augen, den Wahnsinn erkennt, ein kleines Mädchen umzubringen.

Drei Tage nach ihrer Befreiung aus Ravensbrück, wohin man sie nach der Auflösung des Lagers Auschwitz transportiert hatte, war Else wieder in der Schule. Sie hat irgendwie versucht, wieder so unbefangen zu sein wie ihre Klassenkameraden, doch die schrecklichen Erlebnisse waren in ihrem Kopf eingegraben.

Der Krieg ging zu Ende. Es folgte der Winter 46/47, der sehr hart gewesen ist. Und es ging schon wieder ums Überleben. Viele Jahre später, im Jahr 1972, ist ihr Vater dann gestorben. Nein, sagt Else Baker, sie habe nie Danke zu ihm sagen können. Die Gelegenheit ergab sich nicht.

Ihr Vater sei auch keiner gewesen, der es mit dem Psychologisieren gehabt hätte. "Minderwertigkeitskomplex" war das psychologischste Wort, das er kannte.

Else Bakers Leben ging einfach weiter nach diesem Sommer 1944, und ihr Leben ist ein Beleg dafür, dass die Erfahrung eines unermesslichen Leids kein Garant dafür ist, in einer Art höherer Gerechtigkeit fortan von allem Schlimmen verschont zu werden.

Else heiratete mit 21 das erste Mal. In Hamburg wurde ihr dreijähriger Sohn wenige Jahre später vor ihren Augen von einem Lkw erfasst und getötet. Die Bremsen hatten versagt. Handbremse und Fußbremse. "Another unusual thing in my life", sagt sie, noch so eine außergewöhnliche Sache. Sie macht eine Pause, holt tief Luft und sagt: "Nevermind."