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Reportage aus dem Epizentrum:Zwischen Lebenden und Toten

Verzweifelt, verletzt und wütend haben die Menschen drei Tage ausgeharrt - wie nun die ersten Helfer die am härtesten getroffene Region erreichen.

Der Weg ist diesmal nicht das Ziel. Aber der Weg ist wichtig. Wer ihn nicht kennt, diesen Weg ins Epizentrum des Erdbebens, diesen 60 Kilometer langen Fußmarsch ins Herz der Zerstörung, der kann leicht wütend werden.

China Erdbeben

Vor einer eingestürzten Schule in Wenchuan betet ein Frau für ihre toten Verwandten.

(Foto: Foto: Reuters)

Darüber, dass Kinder unter den Trümmern ihrer Grundschule auch am dritten Tag nach dem Beben in Sichuan in Chinas Südwesten noch weinen, ohne dass die Helfer ihnen näher gekommen sind. Oder darüber, dass manche Schwerverletzte seit drei Tagen auf ihren Transport warten, dort unten auf der Wiese am Flussufer, wo es zugeht wie im Feldlazarett.

Der Weg also. Er beginnt in Dujiangyan, Provinz Sichuan. Auch hier hat das Beben vom 12. Mai viele Häuser einstürzen lassen. Doch immerhin sind die Straßen noch offen, das Mobilfunknetz konnte schnell wieder repariert werden, Helfer waren relativ rasch da.

Kurz hinter Dujiangyan aber, auf der Bergstraße nach Yingxiu, beginnt die Reise aus der "Zivilisation in die Steinzeit", wie Xiao Wang sagt, der gerade die Straße entlangläuft. Ein Erdrutsch hat sie nach dem Beben blockiert, auf der Höhe des Zepingpu-Staudamms.

Xiao Wang, der "kleine Wang", hat Familie in Yingxiu, der letzten kleinen Stadt in unmittelbarer Nähe des Epizentrums, das noch 56 Kilometer weiter unter den Dörfern des Kreises Wenchuan gelegen haben soll. Und er hat seit Tagen nichts von ihr gehört. Es dringen kaum Nachrichten nach draußen. Die Straße ist unpassierbar. Das Telefonnetz komplett ausgefallen. Eben Steinzeit. Deshalb hat er sich mit seinem Cousin auf den langen Fußmarsch gemacht.

Erst geht es einen matschigen, steilen Bergpfad hinauf, zur Krone des Stau-dammes. Eine ganze Kolonne um ihre Angehörigen besorgter Menschen schiebt sich da gerade mühsam hinauf. Ausgerechnet in diesem Moment macht ein Gerücht die Runde, dass ein Nachbeben den Damm erschüttert hat und er jeden Moment zu bersten drohe. Oder war es eine Nachricht, die jemand im Radio gehört hat? Gerüchte, Wahrheiten und Halbwahrheiten wechseln sich in solchen Zeiten noch schneller ab, als ein Stein den Hang herunterrollen kann.

Eine Brücke ins Nichts

Oben angekommen, beginnt ein mehr als 50 Kilometer langer Treck über eine von breiten Rissen zerklüftete, hier und da ins Tal abgerutschte, und immer wieder von gewaltigen Felstrümmern versperrte Bergstraße. Schon nach drei Stunden Marsch zeigt sich ein Vorbote des Schreckens, der im Zentrum des Katastrophengebietes warten muss.

Ein Fels, groß wie ein Kleinwagen, ist auf einen weißen Kleinwagen gestürzt. Die Leiche des Fahrers hat noch niemand geborgen, von ihr sind der blutige Kopf zu sehen und eine, in einer letzten, verzweifelten Geste, aus der offenen Tür greifende Hand. Was mag in Xiao Wangs Kopf jetzt vorgehen?

Eine Kompanie von "Tiejun", Bahnsoldaten aus Luoyang, läuft im Eilmarschtempo in Richtung Yingxiu. Die blutjungen Soldaten bieten dem ausländischen Wanderer, dem einzigen an diesem Tag, aus einer Plastiktüte Wildkirschen an, ein Bauer am Wegrand hat sie ihnen verkauft.

"Wir hoffen, dass Sie uns nicht nur wieder schlechtmachen", sagt der Zhang Chengwei, der Kommandant der Kompanie. Alle ausländischen Reporter scheinen seit der Tibet-Krise und der damit verbundenen Regierungspropaganda unter diesem Generalverdacht zu stehen.

Aus der Gegenrichtung, aus Yingxiu, schleppt sich ein nicht abreißender Strom von Verletzten in Richtung Dujiangyan, in Richtung Krankenhaus also. Männer auf Krücken, mit offenkundig gebrochenen Beinen. Bauern mit selbstgebastelten Tragen aus armdicken Bambusrohren, auf denen Frauen mit blutverschmierten Kopfverbänden liegen. Söhne, die ihre verletzten alten Väter auf dem Rücken Meter um Meter voranschleppen. Kein Soldat kümmert sich um sie. In China ist man an viel Leid gewöhnt, und der Tagesbefehl der Soldaten lautet, ins Zentrum der Katastrophe vorzustoßen.

Rund drei Kilometer vor Yingxiu ist ein 100 Meter langer Teil einer Talbrücke einfach ins Nichts gestürzt. So muss die Menschenschlange aus Soldaten und verängstigten Anwohnern den Hang zum Fluss hinunterklettern. Von hier geht es über einen matschigen Pfad, den immer wieder Geröll versperrt. Besorgt blicken alle, die hier unterwegs sind, nach oben. Am gegenüberliegenden Flussufer donnert gerade wieder ein Steinschlag nieder. Es klingt, als sei das Ende der Welt nun doch gekommen, nach einer Vorankündigung und einer Galgenfrist.

Zwei Kilometer vor Yingxiu, neben einem verbogenen Brückenpfeiler, kniet eine junge Frau mit Pferdeschwanz und im roten Pullover im Lehm und verbrennt Banknoten mit dem Aufdruck "8 Millionen Yuan", ein Trauerritual. Cai Hongyans Eltern sind in dem Trümmerhaufen gestorben, der weiter oben langsam den Hang hinabrutscht und bis zum 12. Mai, 14. 28 Uhr ein bescheidenes Zuhause war.

Und dann, im letzten Tageslicht, taucht nach einer Wegbiegung Yingxiu auf. Der Ort sieht aus wie nach einem Luftangriff, und zwar einem besonders gründlichen. Zwei Drittel aller Häuser sind komplett zerschlagen. Alle übrigen sind beschädigt, scheinen sich mühsam mit Rissen in ihren Fassaden gegen die vielen Nachbeben zu wehren.

2700 von 5000 Einwohnern sind unter Trümmern begraben. Die meisten müssen zu diesem Zeitpunkt bereits als tot gelten, auch wenn bislang nur wenige Leichen geborgen sind und niemand Zeit hatte, sie zu zählen. Das Beben hat in wenigen Augenblicken wahrscheinlich mehr als die Hälfte der Menschen von Yingxiu ausgelöscht.

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China

Exklusive Bilder aus der Erdbebenregion