Pascal-Prozess:Und sie ließen es geschehen

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Der Tag, an dem Pascal verschwand, war der letzte Tag der Kirmes, des Saarbrücker "Oktoberfests". Ein Zeuge will den Jungen noch um 17 Uhr gesehen haben, wie er auf seinem Fahrrad in Richtung Festplatz fuhr. Eine Stunde später fand man Pascals Fahrradhelm im Hinterhof eines der Wohnblocks. Er selbst und sein Kinderfahrrad waren und blieben verschwunden.

Fast ein Jahr später erstattet eine Frau bei der Kriminalpolizei Saarbrücken Anzeige wegen des Verdachts des schweren sexuellen Missbrauchs ihres Pflegekindes Tobias, genannt Tobi (Name geändert).

Der Siebenjährige hatte früher zusammen mit seiner leiblichen Mutter Andrea M. im Haushalt der heute 52-jährigen Christa W., der Wirtin der Tosa-Klause, gewohnt. Im Januar 2001 hatte Christa W.'s Bruder dem Jugendamt mitgeteilt, das Kind werde bei seiner Schwester mit verdorbenen Nahrungsmitteln gefüttert, müsse in einem kalten Zimmer leben und werde als Drogenkurier missbraucht. Danach wurde das Kind aus dem Haushalt der Christa W. entfernt.

Seiner neuen Pflegemutter fällt Tobias bald durch für sein Alter ungewöhnliche sexuelle Verhaltensweisen auf. In den darauf folgenden Monaten berichtet der Junge zunächst zögernd, dann immer häufiger von sexuellen Übergriffen durch seine eigene Mutter, durch Christa W. und durch eine Reihe ihm unbekannter Männer.

Jetzt ergehen die ersten Haftbefehle. Andrea M., Tobis Mutter, macht schon bei ihrer ersten Vernehmung Angaben, die weit über das hinausgehen, was das Kind erzählt hatte.

Die Ermittlungen im Umfeld der Tosa-Klause ziehen immer weitere Kreise. Im Januar 2003 gesteht ein 49-jähriger Hilfsarbeiter, der gelegentlich in der Tosa-Klause verkehrte, im Hinterzimmer der Kneipe sowohl Tobias als auch Pascal sexuell missbraucht zu haben, und zwar zuletzt am 30.September 2001, dem Tag, an dem Pascal verschwand.

Kurz darauf wird eine 50-jährige Kassiererin vernommen, eigentlich nur als Zeugin zur Klärung eines Alibis. Während ihrer Aussage bricht sie zusammen und berichtet, dass Pascal Z. an diesem Tag im Laufe eines sexuellen Missbrauchs durch mehrere Männer zu Tode gekommen sei.

Eine Woche später bestätigt Andrea M. diese Angaben. Sie selbst, gesteht sie, sei es gewesen, die Pascal mit dem Kopf in ein Kissen gedrückt habe, um ihn ruhig zu stellen, während er von einem Kunden der Tosa-Klause vergewaltigt wurde.

Tobis Mutter

Andrea M. ist eine kleine, etwas korpulente Frau mit rundem Gesicht und kurzen, grauen, stark gelockten Haaren. Sie sieht deutlich älter aus als 40 Jahre. Ein Strickzeug würde ihr gut stehen. Ihr Intelligenzquotient liegt laut psychiatrischem Gutachten an der Grenze zum Schwachsinn. "Ich bin halt langsamer als die anderen", sagt sie.

Bis zu ihrem zwölften Lebensjahr habe sie bei ihrer Oma gelebt, sagt Andrea M., denn ihre Mutter, die vom Sozialamt und von der Prostitution lebte, habe sich nicht um sie gekümmert. Dann erkrankte die Oma an Krebs, und Andrea kam zu einer Pflegefamilie im Teutoburger Wald. "Das lief nicht gut", sagt sie. "Die hatten vier eigene und vier Pflegekinder. Die haben mich nur wegen dem Geld aufgenommen."

Sie haute ab, trampte nach Hamburg und nach Bremen, schlief für Geld mit jedem Mann, der ihr über den Weg lief, wurde von der Polizei aufgegriffen und zurückgebracht, haute wieder ab, diesmal Richtung Saarland, sie wollte "heim zu meiner richtigen Mutter".

Sie fand ihre Mutter zwar, aber das Zusammenleben klappte nicht. "Wir haben uns oft gestritten, wegen gar nichts", sagt sie. Nur dass sie ab und zu auf einem Bauernhof helfen durfte, das fand sie schön. "Ich interessier' mich sehr für Tiere. Hunde, Katzen, alles. Das hat mir Spaß gemacht."

Im März 1984, da war Andrea 19 Jahre alt, wurde die Mutter ermordet. "Mein damaliger Freund hat sie umgebracht", sagt Andrea M., aber warum, das wisse sie nicht. Drei Monate später wird sie wegen ihrer Intelligenzschwäche unter Pflegschaft gestellt; die folgenden Jahre verbringt sie in Frauenhäusern, sozialpsychiatrischen Anstalten, Behindertenwerkstätten, aber zwischendurch auch immer wieder im Obdachlosenmilieu und auf dem Straßenstrich.

In sieben Jahren bringt sie vier Kinder zur Welt. Sie gibt sie alle zur Adoption frei. "Ich konnte mich nicht um sie kümmern", sagt sie. "Ich hab' nicht gewusst, wer die Väter sind."

Eines Tages, als sie da im Regen auf der Straße steht, wird sie, wie sie dem Gericht erzählt, von einem Mann aufgelesen, der sie mit zu sich nimmt. Er behält sie eine Zeitlang bei sich, aber als sie nicht mehr mit ihm schlafen will, bringt er sie zu seiner Schwester und holt sie nicht mehr ab. Die Schwester ist Christa W., die spätere Wirtin der Tosa-Klause.

Die Mutsch

Christa W. äußert sich nicht, weder zur Person noch zur Sache. Aus den Akten weiß man, dass sie während ihrer Schulzeit 13 Hüftoperationen über sich ergehen lassen musste, sie ist stark gehbehindert.

Hauptschulabschluss mit 16, ein Stenotypistinnenkurs an der Abendschule, Anstellungen beim Diakonischen Werk, einer Bank, einer Boutique, Nachtschichten als Taxifahrerin.

Seit 1990 ist sie Gastwirtin. Zu der Zeit, als Andrea M. zu ihr kommt, hat sie die "Großwaldpilsstube", danach die "Bülowschenke", dann, von 1999 an, die Tosa-Klause. Sie war viermal verheiratet, zuletzt lebte sie mit einem 47-jährigen Mann zusammen, dem einzigen unter den 13 Angeklagten, der eine weiterführende Schule besucht hat.

In ihrer Wohnung in Riegelsberg beherbergt Christa W. außer ihrem Lebensgefährten und Andrea M. noch drei andere Männer im Alter von 36 bis 50 Jahren. Sie gibt ihnen Kost und Logis und kassiert dafür deren Sozialhilfe oder Arbeitslosengeld. Die Mitglieder der Wohngemeinschaft sagen "Mutsch" zu ihr.

Im September 1993 wird Christa W. als amtliche Betreuerin für Andrea M. bestellt. "Ich hab mich ganz gut mit ihr verstanden", sagt Andrea M.. "Sie hat mir ein Zimmer vermietet. Sie hat mich aufs Sozialamt geschickt. Sie war halt Tag und Nacht für mich da. Ich konnt' mit ihr schwätzen."

Aber Christa W. schickt ihren Schützling nicht nur aufs Sozialamt, sondern auch auf den Strich, und kassiert das Geld dafür. Die Freier, sagt Andrea, habe sie zuerst mit zu sich aufs Zimmer genommen, später, in der Bülowschenke, "hatt' ich eine Matratze im Schankraum", und in der Tosa-Klause seien die Geschäfte dann im "Kämmerchen" abgewickelt worden, "auf der Pritsch'".

Christa W. fordert von Andrea M. 500 Mark Miete und 400 Mark Kostgeld monatlich, das ist praktisch die ganze Sozialhilfe. Den Prostitutionslohn kassiert Christa W. direkt von den Freiern.

Was Andrea M. trinkt, das wird auf einem Bierdeckel notiert und später vom Taschengeld abgezogen. "Ist ja ein schlechtes Geschäft", konstatiert der Vorsitzende Richter. "Ich weiß", antwortet Andrea M.

"Stimmt es, dass Sie es vor allem mit älteren Männern machen mussten?" "Ja." "Und dass Frau W. dafür abends extra noch Gäste einbestellte?" "Ja." "War das denn freiwillig?" "Ja", sagt Andrea M. zuerst, aber dann, auf Nachfrage, ändert sie ihre Aussage: "Ich hab's nur gemacht, weil ich nicht mehr auf die Straß' wollt'."

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