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Nach Amoklauf in Finnland:Schock im Vorzeigeland

Bereits mit 15 Jahren können Finnen einen Waffenschein beantragen. Nach dem Amoklauf an einer Schule in Tuusula steht nun das laxe finnische Waffengesetz in der Kritik.

Am Tag nach dem Amoklauf des 18-jährigen Pekka-Eric Auvinen an einer finnischen Schule steht das Land unter Schock. Szenen, wie sie sich am Mittwoch im Schulzentrum der Gemeinde Tuusula, etwa 60 Kilometer nördlich der Hauptstadt Helsinki, abgespielt haben, sind für Finnland mit seinem viel gerühmten Schulsystem ungewohnt.

Gegen zwölf Uhr betrat der Jugendliche das Schulgebäude und begann, wahllos um sich zu schießen. Acht Menschen kamen dabei ums Leben. Zwölf mussten mit Verletzungen ins Krankenhaus gebracht werden, nach Polizeiangaben konnten aber inzwischen alle die Klinik wieder verlassen und nach Hause zurückkehren. Am Ende des 20-minütigen Massakers schoss sich der Täter selbst in den Kopf, starb jedoch erst Stunden später im Krankenhaus.

Noch wehen die Flaggen an allen öffentlichen Gebäuden in Finnland auf halbmast. Die Regierung von Ministerpräsident Matti Vanhanen hatte die eintägige Staatstrauer am Mittwoch nach einer Krisensitzung seines Kabinetts angeordnet. Dem Regierungschef ist jedoch auch klar, dass der Trauer schon bald eine breite Diskussion über Finnlands laxen Umgang mit Handfeuerwaffen folgen wird. Vanhanen kündigte deshalb bereits eine Überprüfung der Waffengesetze an. Bislang hatte der Ministerpräsident schärfere Waffengesetze mit Verweis auf die niedrige Kriminalitätsrate in Finnland stets abgelehnt.

Waffenschein mit 15 Jahren

In Finnland kommen einer Analyse des Genfer Hochschulinstituts für internationale Studien zufolge auf 100 Einwohner 56 Schusswaffen. Damit liegt das Land hinter den USA (90) und dem Jemen (61) auf Platz drei. Auch der 18Jahre alte Schüler war im Besitz eines Waffenscheins, den er erst im vergangenen Monat von einem Schützenverein erhalten hatte. Einen solchen Schein kann man in Finnland schon im Alter von 15 Jahren beantragen.

Die hohe Affinität der Finnen zu Waffen speist sich vor allem aus einer langen Jagdtradition. 5,8 Millionen Euro jährlich kommen nach Angaben der Finnischen Zentralorganisation der Jäger alleine durch die Jagdscheingebühren zusammen, die Wildverwertung brachte Unternehmen im vergangenen Jahr 58 Millionen Euro Umsatz.

In ländlich geprägten Regionen wird schon Kindern und Jugendlichen der Umgang mit Waffen beigebracht. Es soll vor allem dem Schutz vor Wildtieren dienen, die in den ausgedehnten Seen- und Waldlandschaften Finnlands zahlreich sind. Auch deshalb stießen Vorschläge der Europäischen Union, die Altersgrenze für einen Waffenschein auf 18 Jahre anzuheben, stets auf den Protest der Regierung in Helsinki.

Während dort die politische Debatte erst allmählich Fahrt aufnimmt, laufen die Ermittlungen der Polizei auf dem Schulgelände weiter. Wie sich mittlerweile herausstellte, gehörte zu den Opfern des Amokläufers auch die schuleigene Krankenschwester, die wegen ihrer Statur anfangs noch für eine Schülerin gehalten worden war. Auch bestätigten die Ermittler, dass es sich bei dem Täter um den Schüler Pekka-Eric Auvinen handelte. Trotz der Identifizierung wolle man die Untersuchungen aber fortsetzen, sagte Kriminalhauptkommissar Tero Haapala der Zeitung Hufvudstadsbladet. Bis Freitagabend soll das Schulgelände abgesperrt bleiben.

Vorfall war zu erwarten

Im Land herrscht derweil Ratlosigkeit über die Ursachen, die zu so einer Tat führen konnten. Eine der ersten, die sich zu Wort meldete, war die Leiterin der finnischen Schulverwaltungsbehörde, Kirsi Lindroos. In einem Interview mit dem Radiosender Yle gab sie dem Mangel an psychologischer Betreuung von Schülern indirekt Mitschuld am Amoklauf.

Ein derartiger Vorfall sei seit längerem zu befürchten, ja zu erwarten gewesen. Als Gründe nannte sie die Musterwirkung von Amokläufen an Schulen beispielsweise in den USA. Gleichzeitig seien im finnischen Bildungswesen Strukturmängel vorhanden, die zu denken geben müssten. So gebe es zu wenig Personal, das sich um die Vorbeugung gegen Mobbing und Gewalt an Schulen kümmere.

Harte Worte für ein Land, das bisher für sein Schulsystem stets beste Noten bekommen hat und als europaweites Vorbild galt. Noch am Mittwoch konnte das finnische Unterrichtsministerium in seinem Jugend-Jahresbericht zufrieden vermelden, dass sich die meisten Jugendlichen laut einer Umfrage an ihrer Schule wohlfühlten und generell optimistisch in die Zukunft blickten. Bei dem 18-jährigen Amokläufer Pekka-Eric Auvinen stoßen solche Untersuchungen allerdings offenbar an ihre Grenzen.

Wie die Debatten in den kommenden Tagen und Wochen auch verlaufen mögen: Der Amoklauf hat das Land in seinem Glauben an die innere Sicherheit tief erschüttert. Vorfälle dieser Art spielten sich bislang auf der Ebene von Messerstechereien ab. Umso größere Aufmerksamkeit erregte ein Vorfall im Jahr 2002. Damals sprengte ein 18-jähriger Schüler ein Einkaufzentrum außerhalb Helsinkis in die Luft. Sieben Menschen kamen ums Leben.