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Missbrauch an Jesuitenschulen:"Wer hätte mir geglaubt?"

Er wurde missbraucht und verspürt doch keinen Hass auf den pädophilen Pater: Ein ehemaliger Schüler des Aloisius-Kollegs spricht über die sexuellen Übergriffe und das Schweigen danach.

Die Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg ziehen immer weitere Kreise. Nun wurden auch an öffentlichen Schulen in Berlin zehn Übergriffe bekannt. Ein Anwalt von Opfern am Canisius-Kolleg will eine Sammelklage gegen den Jesuitenorden in den USA prüfen, "sollte sich bestätigen, dass ehemalige Schüler die amerikanische Staatsbürgerschaft haben". Weitere Missbrauchsopfer meldeten sich aus Hamburg, Hannover, Göttingen, dem Schwarzwald, Hildesheim und aus dem Ausland, wo die beschuldigten Patres tätig waren. Nach dem Canisius-Kolleg und St. Blasien gab es offenbar auch am Aloisius-Kolleg in Bad Godesberg, der dritten deutschen Schule in Trägerschaft des Jesuitenordens, Übergriffe auf Schüler. Wilhelm Steiner (Name geändert) wurde in den sechziger Jahren von einem Pater sexuell missbraucht. Der heute 62-Jährige arbeitete lange in der Politik und möchte anonym bleiben. Aloisius-Rektor Pater Theo Schneider sicherte ehemaligen Schülern Diskretion zu, falls sie mit ihm sprechen wollten.

Missbrauch an Jesuitenschulen: Auch am Aloisius-Kolleg in Bad Godesberg gab es sexuelle Übergriffe, wie ein ehemaliger Schüler berichtet.

(Foto: Foto: dpa)

SZ: Wann geschahen die Missbrauchsfälle am Aloisiuskolleg?

Wilhelm Steiner: 1958 wurde ich am Gymnasium in Bad Godesberg eingeschult. In den Sommerferien fuhren wir von der Schule aus regelmäßig in die Eifel, zum Zeltlager der Jugendgruppe Bund Neudeutschland. In den Herbstferien oder über ein langes Wochenende waren wir in Cassel in einem Jugendheim. Dort wurde ich zum Objekt sexueller Gelüste eines Paters.

SZ: Was hat dieser Pater gemacht?

Steiner: Ich war allein mit ihm in einem Zimmer. Er befriedigte sich selbst und wollte, dass ich dabei an seinen Hoden rumfummele. Er hat mich auch angefasst. Er hat mich aber nie penetriert, nie körperlich geschädigt.

SZ: Hatten Sie keine Möglichkeit, sich zu wehren?

Steiner: Ich war damals zwölf, 13 Jahre alt und dachte: Das ist doch unser Pater, der darf das. Natürlich habe ich das komisch gefunden, aber ich wusste nicht, wie ich aus der Situation rauskomme. Außerdem habe ich den Pater gemocht.

SZ: Sie hatten Sympathien für den Mann, der Sie missbrauchte?

Steiner: Als Lehrer war er sehr offen, das hat uns Kindern gefallen. Sein Religionsunterricht war außerordentlich lebendig, wir hatten viele gute Diskussionen. So etwas gab es bei den anderen Lehrern nicht. Nach der Schule und auf den Jugendfreizeiten war er sehr locker. Wir durften ihn außerhalb des Unterrichts sogar duzen. Das war ungewöhnlich; kein anderer Pater oder Lehrer hatte das erlaubt. Seine Beliebtheit hat sicher eine Rolle dabei gespielt, dass ich anderes über mich habe ergehen lassen.

SZ: Haben Sie mit jemandem über den Missbrauch gesprochen?

Steiner: Erst viel später habe ich es meiner Mutter und meiner Frau erzählt. Da war ich bereits 30. Auch mit einem Schulfreund habe ich dann darüber gesprochen, er wusste von den Neigungen des Paters. Davor wusste ich nicht, wem ich es sagen konnte. Wahrscheinlich hätte ich die Schule verlassen müssen. Im Grunde habe ich es für mich behalten.

SZ: Aus Scham?

Steiner: Natürlich habe ich mich geschämt. Ich hatte Hemmungen, das rumzuerzählen. Ich wusste ja nicht, ob ich der Einzige bin. Hätte ich es dann erzählt, hätte der Pater womöglich gesagt: Der Junge spinnt! Wer hätte mir denn dann geglaubt? Ich wäre völlig blamiert gewesen. Und ich hatte Angst, dass sich die Leute über mich lustig machen.

SZ: Am Canisius-Kolleg melden sich immer mehr Schüler, die Missbrauchsopfer wurden oder etwas von den Vorgängen ahnten. Gab es am Aloisiuskolleg nie Gerüchte wie in Berlin?

Steiner: Falls es Schüler gab, die sich über ihre Erlebnisse austauschten, gehörte ich nicht dazu. Es gab Andeutungen, aber mehr wusste ich nicht. Im Nachhinein vermute ich, dass es viele gewusst haben, auch in der Schulleitung. Auch an anderen Knaben hat er sich vergangen.

SZ: Wie lange hielt der Missbrauch in Ihrem Fall an?

Steiner: Ungefähr zwei Jahre. Ich war 14 oder 15 Jahre alt, als der Pater das Kolleg verließ. Angeblich sei er aus Gesundheitsgründen gegangen, hieß es. Ich glaube aber, dass es für die Schulleitung eine Möglichkeit gab, ihn loszuwerden. Er wurde in eine Gemeinde nach Tirol versetzt. Ich habe ihn dort später einmal besucht, da war ich gerade volljährig.

SZ: Sie haben keinen Hass verspürt?

Steiner: Wie gesagt: Ich habe den Pater trotz allem geschätzt, ich mochte ihn als Menschen, selbst wenn die Erlebnisse damals nicht schön waren. Ich fühlte mich durch ihn in der Schule bestätigt. Ich gehörte damals zu den wenigen Schülern, deren Väter keinen Universitätsabschluss besaßen. Die Lehrer ließen mich das spüren. Bei dem Pater war ich hingegen gleichberechtigt mit meinen Klassenkameraden. Als Pädophilen habe ich ihn natürlich nicht gemocht, aber als Person habe ich ihn auch nicht verteufelt.

SZ: Haben Sie mit ihm über das Geschehene gesprochen?

Steiner: Nein. Wir haben über anderes geredet, und ich war mit ihm im Gottesdienst. Aber wir haben die Erlebnisse nie zusammen verarbeitet.

SZ: Haben Sie später unter den Vorfällen gelitten?

Steiner: Ich glaube nicht, dass es irgendwelche psychischen Auswirkungen auf mich hatte. Ich fühle mich nicht geschädigt. Mit Interesse habe ich in den vergangenen Jahren vergleichbare Missbrauchsfälle in den USA und Irland verfolgt. Und immer habe ich mir dabei gedacht: Das ist doch alles nicht neu. Vielleicht haben mich die Ereignisse auch darin bestärkt, aus der Kirche auszutreten. Dazu habe ich mich kurz nach meinem Abitur entschieden.

SZ: Was empfinden Sie jetzt, nachdem die sexuellen Übergriffe von Jesuitenpatres in Berlin und an anderen Orten öffentlich sind?

Steiner: Genugtuung. Ich finde es sehr gut, dass es endlich rauskommt. Jetzt wird die Verlogenheit der katholischen Kirche endlich aufgedeckt.

SZ: Der Pater, der sie belästigte, ist bereits gestorben. Andere Beschuldigte leben noch, aber die Taten sind wahrscheinlich verjährt. Sollte man sie trotzdem zur Rechenschaft ziehen?

Steiner: Ja, sie sollten vor Zeugen aussagen müssen. Auch die Schulleitungen sollten gefälligst sagen, seit wann sie etwas von diesen Vorfällen gewusst haben. Die Kirche darf nicht so tun, als sei das nicht passiert.