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Lemminge:Todessturz einer Legende

Lemminge als Massenselbstmörder, die sich von Klippen ins Meer stürzen? Ein populärer Irrtum, wie Biologen schon lange wissen. Nun haben Freiburger Wissenschaftler herausgefunden, warum Lemming-Populationen tatsächlich manchmal radikal schrumpfen.

Legenden über Lemminge gibt es etliche. Kriege sollten sie ankündigen, und in Massen nach Westen marschieren, auf der Suche nach Atlantis. Und während ihrer Wanderung, so glauben heute noch viele Menschen, stürzen sie sich in Massen von Klippen ins Wasser - in selbstmörderischer Absicht.

Lemming
(Foto: Foto: dpa)

Tatsächlich schwankt die Zahl der Tiere von Jahr zu Jahr erheblich, doch die Populationen schrumpfen nicht aufgrund von Migrationsbewegungen so stark, sondern werden von Raubtieren dezimiert.

Das berichten Biologen der Universitäten Helsinki und Freiburg nach jahrelangen Lemming-Beobachtungen im US-Fachjournal Science.

Die Zahl der Lemminge steigt innerhalb von vier Jahren regelmäßig um das Hundert- bis Tausendfache an, um dann plötzlich radikal zu schrumpfen.

Die Forschergruppe um Olivier Gilg beobachtet seit 15 Jahren jeweils im Sommer die im Nordosten Grönlands lebenden Halsbandlemminge (Dicrostonyx groenlandicus), eine Untergruppe der Wühlmäuse. Lemminge sind in dem äußerst kargen polaren Ökosystem, das neun Monate pro Jahr von Schnee bedeckt ist, die einzige Nahrung für vier dort heimische Raubtiere.

Hauptfeind Hermelin

Die Forscher beobachteten das Hermelin, den Polarfuchs, die Schnee-Eule und die Falken-Raubmöwe. Unter den vier Jägern falle dem Hermelin die "Schlüsselrolle" zu. Während die drei anderen Räuber die Lemminge nur im Sommer jagen, sind die Hermeline auf die Jagd von Lemmingen spezialisiert und auch im Winter auf sie angewiesen.

Da die Raubtiere aber auf Schwankungen der Lemming-Population erst mit erheblicher Verzögerung reagierten, könnten sich die Lemminge zunächst für eine bestimmte Zeit explosiv vermehren. Genau so drastisch falle dann die Entwicklung in die andere Richtung aus, wenn sich schließlich Hermeline ganzjährig und die anderen Raubtiere im Sommer bei ihrer Futterquelle "bedienten".

Disney-Film als Ursprung der Legende

Die Ergebnisse würden zweifellos in künftige Biologiebücher eingehen, heißt es in Science. Mit ihrer Feldforschung widerspricht die Forschungsgruppe auch der landläufigen Auffassung, dass eigener Nahrungsmangel das dramatische Massensterben von Lemmingen verursache.

Zu den angeblichen Massenwanderungen norwegischer Berglemminge mit dem abschließenden Todessturz von Felsen meinte Gilgs Kollege Benoît Sittler: "Das ist nichts als eine Legende, die zum Beispiel grönländische Eskimos überhaupt nicht kennen." Noch nicht mal Massenwanderungen würden die kleinen Nager veranstalten: "Es ist extrem schwer, drei Lemminge auf einmal auf ein Bild zu bekommen."

Als zentral für die Verbreitung der Lemming-Legenden machte Sittler einen Disney-Tierfilm aus den sechziger Jahren aus, bei dem Bilder von angeblichen Massenwanderungen eindeutig gestellt worden seien.

© sueddeutsche.de/dpa/AFP
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