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Korrespondentenbericht zu Madrid:"Das Land steht unter Schock"

Es ist die größte Flugkatastrophe, die Spanien im letzten Vierteljahrhundert erlebt hat. SZ-Korrespondent Javier Cáceres berichtet vor Ort über das Entsetzen in Madrid. Nach SZ-Informationen stammt die deutsche Familie auf dem Unglücksflug aus Pullach.

sueddeutsche.de: Herr Cáceres, am Flughafen Barajas in Madrid wurde der Flugverkehr nach der Flugkatastrophe schnell wieder aufgenommen. Aber es wurde eine Leichenhalle eingerichtet. Waren Sie dort?

Eine verzweifelte Angehörige telefoniert. Die Flugzeugkatastrophe von Madrid schockiert ganz Spanien.

(Foto: Foto: Reuters)

Javier Cáceres: Ja. Für die Presse ist der Zugang allerdings gesperrt. Nur Familienangehörige, Polizei und Psychologen können hinein. Die provisorische Leichenhalle wurde auf dem IFEMA Messegelände eingerichtet, keine zehn Autominuten vom Flughafen entfernt an einer Zufahrtsautobahn. Der Ort war auch nach den Anschlägen vom 11. März 2004 eine provisorische Leichenhalle. Das sind die Bilder, die viele Madrilenen jetzt auch im Kopf haben.

sueddeutsche.de: Wie reagieren die Menschen auf das Unglück?

Cáceres: Das ganze Land steht unter Schock. Die Zeitungen schreiben von einem "Inferno". Gestern Nacht war die Rede von 19 Menschen, die zunächst überlebt hatten. Doch es muss befürchtet werden, dass die Zahl der Todesopfer weiter steigt. In Spanien hat es seit 25 Jahren keine vergleichbare Flugtragödie gegeben. Dass jetzt Ferienzeit ist, macht den Eindruck noch schlimmer.

sueddeutsche.de: Gibt es neue Erkenntnisse zu den deutschen Opfern?

Cáceres: Nach unseren Informationen muss davon ausgegangen werden, dass eine vierköpfige Familie aus Bayern unter den Passagieren war. Ob sie unter den Toten sind, ist allerdings nicht offiziell bestätigt. Die Identifizierung der Leichen dauert an und gestaltet sich ungemein schwierig. Viele Opfer sind bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Die Fluggesellschaft Spanair hat gestern Nacht eine Passagierliste veröffentlicht, auf der auch deutsch klingende Namen enthalten waren. Die Lufthansa hatte zuvor bekanntgegeben, dass vier deutsche Staatsangehörige unter den Passagieren waren, die über Lufthansa eingecheckt haben.

sueddeutsche.de: Wie steht es um die Ermittlung der Unglücksursache, was passiert mit den Flugschreibern?

Cáceres: Die Auswertung wird noch einige Zeit andauern. Erfahrungsgemäß kann sich so etwas über Monate, sogar über Jahre hinziehen. Sicher ist nur: Es gab einen abgebrochenen Abflugsversuch wegen technischer Probleme, ungefähr eineinhalb Stunden vor dem Unglück. Welcher Natur diese Probleme waren, darüber wird spekuliert. Unklar ist, ob diese ursächlich waren für den Absturz. Nach Augenzeugenberichten ist die linke Turbine regelrecht weggeflogen. Spekuliert wird, dass dadurch auch andere Flugzeugteile getroffen wurden, was den Crash auslöste. Aber: Zur Zeit sind das nur Vermutungen.

sueddeutsche.de: Was bedeutet das Unglück für Fluglinie Spanair?

Cáceres: Das ist ein großes Drama in wirtschaftlich sehr schwierigen Zeiten. Der Sektor ist ingesamt unter Druck, die Firma wollte mehr als 1000 Stellen abbauen. Im Laufe des Tages will sich Spanair weiter dazu äußern.

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