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Journalismus:Grubenhund mit Sex-Gen

Er beißt nicht, er bellt nicht, aber a Hund is er scho, ein verreckter: Wie das Sinnbild für gezielte Falschmeldungen im Gewande einer Gentechnik-Meldung fröhliche Urständ feiert.

Von Helmut Martin-Jung

Noch denkt niemand an die Katastrophe im Bergwerk. Nur der Grubenhund, der im Laboratorium schläft, wird plötzlich unruhig, aber das tragische Unglück ist nicht zu verhindern. Eine wunderbare, eine rührselige Geschichte, eine wie man sie gerne liest.

Nein, der ist es auch nicht: Antike Darstellung des Höllenhundes Kerberos.

Vielleicht war das der Grund, warum die Redaktion einer Wiener Tageszeitung nicht widerstehen konnte, als sie im Jahre 1911 den Leserbrief eines angeblichen Dr. Erich Ritter von Winkler erhielt, der, nebst einer Reihe ebenso hochtechnischer wie haarsträubend unsinniger Details, eben auch jene Episode vom Grubenhund erzählte.

Ein Fake nach dem anderen

Ihr Urheber: der k.u.k. Ingenieur Arthur Schütz. So verärgert war Schütz über die Servilität der Presse, jede Meldung zu bringen, Hauptsache, sie handelte von einer Autoritätsperson, dass er die Zeitungen mit einem Fake nach dem anderen bombardierte - und bis heute in keinem Journalismus-Seminar fehlt.

Wo man dann lernt, dass der Grubenhund kein Vierbeiner ist, sondern in der Sprache der Kumpel die handgezogene Lore meint.

Und hat's was genützt? Dieser Frage wollte Andreas Stumpf, Journalistik-Student an der katholischen Universität Eichstätt, einmal empirisch nachgehen. Sozusagen mit Ansage. Er verfasste im Rahmen seiner Diplomarbeit eine Pressemitteilung eines "Arthur-Schütz-Institutes" für Genforschung, die mindestens ebenso haarsträubend wie weiland Schütz Klischees bis zum Erbrechen strapaziert, Lockstoff in Überdosis: Das Sex-Gen sei entdeckt worden.

Schlüssel zum Recherche-Erfolg

Die Vorliebe von Menschen für bestimmte Sexualpartner sei determiniert, durch Manipulation des so genannten ISA-Gens ließen sich erektile Dysfunktionen beheben, verkündet ein angeblicher Professor Georg Stopcyk in einem verquasten, pseudowissenschaftlichen Stil.

An etwa tausend einzelne Redaktionen, darunter 200 Tageszeitungen und noch einmal so viele Online-Angebote, hat Stumpf vergangene Woche seine Pressemeldung per E-Mail geschickt, in der auch auf die Website des Arthur-Schütz-Institutes verwiesen wird. Durchaus nicht unprofessionell gemacht, ist sie doch der Schlüssel zum Recherche-Erfolg.

Denn die Seite www.asi-forschung.de ist bei der zentralen Registrierungsstelle für alle Internetangebote mit der Endung .de, der "denic", eben jenem Andreas Stumpf und dem Studiengang Journalistik in Eichstätt zugeordnet.

Copy & paste

Andere haben weniger genau hingeguckt. Das ist etwa der Redakteur einer nicht unbedeutenden Regionalzeitung, der per Mail noch um ein Foto von Professor Stopcyk bittet und die Geschichte dann, obwohl er keine Anwort bekommt, doch im Internet veröffentlicht - mit copy&paste, nur um einen Absatz gekürzt, wie Stumpf erzählt.

Der gehörnte Kollege war freilich nur einer von 550 Besuchern auf der Fake-Website, mindestens die Hälfte davon kann Stumpf anhand von hinterlassenen Adressen als Journalisten identifizieren.

Eigentlich hatte er ja erwartet, dass angesichts des herrschenden Kostendrucks in den Medienhäusern weniger geprüft und die Story öfter veröffentlicht werde, aber: "War die Satire vielleicht doch zu viel?", fragt Stumpf sich nun. Er hat übrigens darauf verzichtet E-Mail-Anfragen zu beantworten, "schließlich will man ja niemanden arglistig täuschen".

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