Jessicas letzter Dreh:Die tödliche Szene

Lesezeit: 13 min

Sharon Starlett, Bild: Sabina McGrew

Das ehemalige Pornostarlett Sharon Mitchell in ihrer Klinik. Heute führt sie für alle Pornodarsteller die HIV-Tests durch.

(Foto: Foto: Sabina McGrew)

Als Kylie wenig später beginnt, der Französin einen zylinderförmigen Keil in den Po zu pressen, taucht Steve Holmes auf, der männliche Part für die anschließende Szene. Holmes kommt ganz ohne Requisiten, er trägt nur einen kleinen Waschbeutel unter dem Arm, wie ein Fußballer nach dem Training. Er schaut der Szene mit der Französin zu, und während er den Reißverschluss seiner Hose runterzieht, seinen Penis rausholt und anfängt, ihn mit Daumen und Zeigefinger zu massieren, erzählt er seine Geschichte.

"Es hat Spaß gemacht - sie war professionell"

Holmes, ein Deutscher, war Manager einer Softwarefirma, bis er 35 wurde, er fuhr einen Dienstwagen und wohnte in einem Haus in Münchens bester Gegend. Doch aus diesem Leben sind Holmes nur seine Frau und seine beiden Töchter geblieben, 14 und 16 Jahre alt. Die sieht er selten, weil er nur zwischen den drei Pornozentren der Welt - Budapest, Prag und dem Valley - hin- und herfliegt, doch bald will er mit Frau und Töchtern nach Barcelona ziehen.

Er ist 43 Jahre alt, seine Augen sind wach und grün, der Kinnbart gepflegt und auf seinen Porno-Werbefotos posiert er im Anzug. In guten Monaten verdient er circa 40000 Dollar - als Produzent seiner eigenen Filme, die er über PlatinumX vertreibt, und mit seinen Einnahmen als Darsteller. 700 Dollar nimmt er für eine Szene, oft schafft er zwei am Tag.

Auch Holmes hat gehört, dass Jessica Dee ihre Dreharbeiten einstellen musste. Er zuckt die Achseln. Der Beleuchter hat sie gerade als "collateral damage" bezeichnet. Wenn er das hört, wird Holmes sauer, obwohl er weiß, dass es zutrifft. Er sagt: "Ich habe ein paar Mal mit ihr gedreht. Es hat Spaß gemacht. Sie war professionell und hatte Lust auf Sex." Doch dass sie jetzt Regisseurin sei - ein Almosen, findet Holmes. Sie kann doch nichts, was andere nicht auch könnten. Und der Beleuchter sagt: "Die vier Filme, die es von ihr gibt, haben andere für sie gedreht. Jessica Dee ist Geschichte."

Bis zu 1800 Dollar pro Szene

Einige Zeit bevor Jessica sich mit HIV infizierte, war sie rausgezogen nach Long Beach, anderthalb Stunden Autofahrt entfernt vom Pornobusiness. Sie hatte immer öfter das Gefühl, nicht mehr ins Valley zu passen, sie nahm ja kein Kokain und auch die ewigen Partys hatte sie über. Sie mietete ein Haus, drei Blocks vom Strand, und kaufte sich einen schweren Jeep mit getönten Scheiben.

Sie hatte gut verdient in den letzten zwei Jahren, viele Hardcore-Szenen gedreht, Doppelpenetrationen für 1200 Dollar pro Szene, ein paar Mal auch Doppel-Analpenetrationen für 1800 Dollar, immer ohne Kondom. Filme, in denen Kondome benutzt werden, verkaufen sich nicht und Jessica selbst mochte die Dinger auch nicht. "Bei hartem Sex scheuern sie schnell", sagt sie.

Außerdem fuhr Jessica ja seit Jahren zu AIM, der Adult Industry Medical Health Care Foundation. Wie alle ihre Kollegen ließ sie sich dort jeden Monat auf HIV und andere durch Sexualverkehr übertragene Krankheiten testen und musste das Ergebnis bei jedem Dreh vorlegen. Jessicas Ergebnis war immer negativ und Sharon Mitchell, die Gründerin und Leiterin von AIM, hatte ihr gesagt, das Risiko, sich Aids bei Sex mit "Zivilisten" zu holen, sei höher, als sich in der Pornoindustrie zu infizieren.

Mitchell war selbst zwanzig Jahre lang Pornodarstellerin. Nach ihrer aktiven Zeit hat sie studiert, nennt sich nun Doctor Mitchell und in ihrem Büro hängt eingerahmt ein Zertifikat der American University of Sexologists. 1997 gründete Mitchell AIM und entdeckte sofort fünf HIV-Fälle. Seither tauchte nur ein einziger Fall auf.

"Eine Epedimie befürchtet"

Das System schien sicher seit Jahren. Aber im März des letzten Jahres infizierte sich ausgerechnet ein Veteran der Branche, Darren James. Er hatte in Brasilien gearbeitet und kurz danach mit Jessica eine doppelte Analpenetration gedreht. Sharon Mitchell erteilte James Drehverbot. Alle Darsteller, mit denen James Sexszenen gedreht hatte, mussten gefunden werden und innerhalb von zwölf Stunden war die Liste der HIV-verdächtigen Darsteller auf 74 angewachsen.

Die engen Behandlungszimmer in Mitchells Klinik quollen über. Mehrere hundert Sexszenen werden im Valley täglich gedreht. Ungefähr 1300 Darsteller waren in der fraglichen Zeit im Einsatz. "Kurzzeitig", sagt Mitchell, "habe ich eine Epidemie befürchtet." Fernsehstationen meldeten, der Pornoindustrie drohe eine Aids-Katastrophe.

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