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Interview mit Marek Lieberberg:"Der einzige wirkliche Charakter bei den Stones ist Keith Richards"

Lieberberg: Und eben um Keith, der wirklich ein ganz großer Schlagzeuger war, geht es nun. Ich mietete die Band damals im Schlosshotel Wilkinghege ein, auch heute noch keine ganz schlechte Adresse.

SZaW: Oh weh, die Möblierung ...

Lieberberg: ... da kommt mir der Hotelmanager entgegen und sagt mit kühler Stimme: "Herr Lieberberg, Sie sind bereits ausgecheckt, Sie und Ihre Truppe aus England."

SZaW: Weshalb?

Lieberberg: Das habe ich den Mann auch gefragt. Da zeigt er hinter sich und sagt: "Deshalb."

SZaW: Und?

Lieberberg: Über ihm saß Keith Moon auf einem Kronleuchter! Der segelte in hohem Bogen quer durch die Empfangshalle! Ich werde das niemals vergessen. Das war so ein Leuchter, der aus Hirschgeweihen zusammengenagelt war. Hotelgäste kreischten. Keith brüllte: "Marek, it's fucking great in Germany, I love it!" Ich rief zurück: "Yes Keith, and we're already out."

SZaW: Und dann?

Lieberberg: Wir mussten noch in derselben Nacht nach Offenbach. Wir haben ja nirgendwo mehr ein Hotel bekommen in Nordrhein-Westfalen, die haben sich alle gegenseitig gewarnt: Achtung, da kommt ein junger Konzertfritze mit einer Truppe Irrer aus England. Also sind wir nach Offenbach, ich im VW-Käfer vorneweg, The Who und ihre Trucks hinterher ... Sagen Sie, reden hier zwei alte Männer vom Krieg?

SZaW: Aber was denn!

Lieberberg: Okay. Ich meine, es gibt ja auch heute noch Ereignisse, oder?

SZaW: Zum Beispiel?

Lieberberg: Zum Beispiel habe ich die Solotournee von Bruce Springsteen als Ereignis wahrgenommen, und wenn mich mein Eindruck nicht täuscht: seine Fans auch. Es gibt auch heute Künstler, die, sagen wir, ausbrechen aus so vorgestanzten Formen. Im Herbst kommt Bob Dylan wieder. Bei dem wissen Sie auch nicht, was Sie erwartet, das ist das reine Roulette.

SZaW: Zufällig zwei Ihrer Künstler!

Lieberberg: Nicht zufällig, nein, nein, ich veranstalte diese Konzerte nicht ohne Grund, okay?

SZaW: Aber sagen Sie nochmal: The Who in Münster oder in Offenbach - was waren das für seltsame Auftrittsorte? Für Bands, die schon damals Größe hatten?

Lieberberg: Bis auf die Westfalenhalle in Dortmund, die uns oft zu groß war, gab es ja in Deutschland noch nicht diese Mehrzweckhallenkultur wie heute. Nur: Ein Konzert ist ja kein Ereignis, nur weil es in der Schalke-Arena stattfindet, nicht wahr?

SZaW: Die Erotik der Mehrzweckhalle ...

Lieberberg: ... können Sie natürlich vergessen! Da müssen Sie ja gegen diese Hallen anspielen. In den frühen 70er hatten wir abenteuerliche Zustände in diesen verstaubten, mittelgroßen und alten Festhallen, die es damals noch gab. Die Huttensäle in Würzburg, unvergessen! Da steht heute ein Supermarkt. Da hatten wir Deep Purple drin. Pink Floyd spielten ihr "Meddle"-Album in Heidelberg und im Hamburger Audimax, die Düsseldorfer Philipshalle war gerade erst fertiggebaut, da spielten Pink Floyd auch, und die Leute draußen saßen bis zum nächsten S-Bahnhof auf der Straße, um nur ein paar Töne zu ergattern, in der Halle waren ein paar tausend Leute zuviel . . .

SZaW: ... wie konnte man das stattfinden lassen, unter dem Sicherheitsstandpunkt?

Lieberberg: Wie denn nicht? Beim Pink-Floyd-Konzert im Hamburger Audimax haben Fans die Türen mit einem Baumstamm aufgerammt! Das müssen Sie sich vorstellen! Wie die Wikinger! Wenn so ein Konzert ausfällt, liegt alles in Schutt und Asche.

SZaW: Und es gab keine Sicherheitsleute, die ...

Lieberberg: In den Huttensälen in Würzburg sagte mir 1972 der Hausmeister vorm Deep-Purple-Konzert: "Machen Sie sich keine Sorgen, Herr Lieberberg, wir haben das hier in Würzburg mit der Sicherheit rigide im Griff!" Ein paar Rocker testeten dann mal, wie schnell man einen so strengen Hausmeister in einer Drehtür beschleunigen kann. Der ist da durchgeschossen wie in einer Slapstick-Komödie. Zu Konzertbeginn lag er schon im Krankenhaus.

SZaW: Wieso erlaubten sich die Leute, Konzerthallen zu stürmen?

Lieberberg: Da gab es - wie für jeden Quatsch damals - einen weltanschaulichen Überbau.

SZaW: Sogar das?

Lieberberg: Sogar das! Nämlich: Die Musik ist frei! Niemand hat das Recht, für etwas so Schönes wie Musik Eintritt zu verlangen.

SZaW: Toll! Die Welt ist eine Performance - und weil wir Pink Floyd lieb haben, muss Pink Floyd uns auch lieb haben?

Lieberberg: So ungefähr, ja ...

SZaW: Und die Kosten?

Lieberberg: Weiß nicht, sollte der Staat bezahlen oder der Veranstalter. Jedenfalls, das war der systemkritische Überbau der Hallenstürmerbewegung: Die Musik ist frei!

SZaW: Dann waren Sie natürlich nach damaligen Kriterien der üble Kapitalist.

Lieberberg: Oh, das bin ich immer noch. Als Veranstalter bin ich auch immer Schuld: an den Preisen fürs Ticket, an der schlechten Luft in der Halle, am miesen Sound, an allem. Nur der Künstler ist nie Schuld. Aber das ist okay. Ich kann damit leben.

SZaW: Herr Lieberberg, wird das "Live 8"-Spektakel am Samstag ein, nun ja, Ereignis?

Lieberberg: Ich hoffe es, und ich glaube es auch.

SZaW: Was soll uns da überraschen? Alles ist perfekt durchorganisiert.

Lieberberg: Wie wollen Sie das perfekt durchorganisieren? Wie wollen Sie vorhersehen, was aus dem Kurzauftritt von Pink Floyd in London wird? Roger Waters und David Gilmour haben annähernd 25 Jahre nicht miteinander geredet. Waters hat die anderen drei Bandmitglieder jahrzehntelang mit Prozessen überzogen. Holy Moses!

SZaW: Sie haben die Pink-Floyd-Tourneen von 1970 an in Deutschland organisiert.

Lieberberg: Und ich bin, weil ich die Band sehr gut kenne, und weil ich sie über alle Maßen schätze, wegen dieses Londoner Kurzauftritts überraschend nervös.

SZaW: Es werden ja nur ein paar Lieder sein ...

Lieberberg: Hören Sie: Nichts ist bei dieser Band in irgendeiner Weise lapidar. Und seien Sie sicher, die arbeiten hart daran, dass diese paar Lieder bei "Live 8" so klingen, dass sie erhobenen Hauptes wieder aus dem Hyde Park abreisen können. Das sind Pedanten. Und doch können Sie bei zwei Menschen wie Roger Waters und David Gilmour nicht wissen, wie das ausgeht ...

SZaW: Werden die nochmal auf Tour gehen?

Lieberberg: Ich glaube nicht.

SZaW: Wieso nicht?

Lieberberg: Die Herren sind über 60 Jahre alt. Sie schauen - bei allem Krach, den sie hatten, und der auch mich einige Nerven gekostet hat - auf eine unglaubliche Geschichte zurück. Wieso sollen die das jetzt nochmal aufs Spiel setzen? Ich meine, diese "Wall"-Konzerte 1981 in Dortmund, das war für uns alle lebensverändernd, auch für viele Fans war das lebensverändernd. Das war ein Ereignis! Wie von Peter Brook inszeniert - und noch so viel mehr.

SZaW: Wissen Sie, welche Lieder die am Samstag im Hyde Park spielen werden?

Lieberberg: Nein, das ist sehr streng geheim. Es wird ja spekuliert wie irre . . .

SZaW: Sie werden mit "Comfortably Numb" aufhören, da bin ich sicher.

Lieberberg: Das sagen Sie! Das Lied ist nicht das prominenteste. Oh je, war das eine Zeit ...

SZaW: Sie meinen: Pink Floyd waren auch hinter der Bühne ein Ereignis?

Lieberberg: Gewissermaßen. Der herrische, übellaunige, ungerechte, wenn auch geniale Roger Waters. Sowie der stets britisch lächelnde David Gilmour, der jenen Roger Waters ein ums andere Mal hübsch auflaufen ließ. Man war wirklich froh, wenn man ihnen nicht gleichzeitig begegnete.

SZaW: Wie ging das damals in Dortmund?

Lieberberg: Nun, die Band wohnte die ganze Woche über in Düsseldorf im "Breidenbacher Hof". Wenn ich mit David essen ging, so war Roger besser nicht dabei. Es dauerte sonst nur Minuten, und sie hatten sich in den Haaren: Roger kalt zischend, David warm lächelnd. Es war furchtbar.

SZaW: Wie die Kinder, oder?

Lieberberg: Natürlich. Um was ging es denn? Inhaltlich würde Ihnen keiner der beiden heute ernsthaft sagen können, um was es ging, die haben keinen argumentativ hochwertigen Streit ausgefochten, verstehen Sie? Das macht mir ja nun solche Angst.

SZaW: Wieso das?

Lieberberg: Naja, dass sie sich jetzt so altersmilde anschauen da in London, und diese Nummer hier aufführen: Mensch, komm, setzen wir doch den großen Dinosaurier nochmal auf die Straße. Ich halte von sowas nichts: An den Rolling Stones oder U2 sehen Sie, wie trostlos das ausgehen kann.

SZaW: Beide Bands sollten Ihrer Meinung nach besser nicht mehr touren?

Lieberberg: Natürlich nicht! Sie sind ein Abbild ihres eigenen Glanzes. Das ist zynisch. Bei U2 steht ein Mann von über 50 Lebensjahren in schwarzer Lederhose und mit Sonnenbrille auf der Bühne und gibt den Herrn vom Underground! Hinter ihm steht ein Gitarrist mit einer Strickmütze! Und all' das soll uns weismachen, diese Band sei noch ein Ereignis? Ich bitte Sie! Diese ganze Propagandamaschine namens U2 hat einen wahren und schönen Kern, und dieser Kern liegt im Ursprung dieser Band, als sie Kraft und Spiritualität hatte. Nun zieht die Karawane weiter, wenn auch aus wirtschaftlichen Zwängen.

SZaW: Sie wollen mir weismachen, U2 oder die Rolling Stones touren aus wirtschaftlichen Zwängen? Die sind reich!

Lieberberg: Täuschen Sie sich mal nicht über deren Verpflichtungen. Wenn Sie Apparate am Hals haben wie Bono oder Scheidungsfälle wie Mick Jagger, dann sind Sie über alle weiteren Einnahmen sehr froh.

SZaW: Ich dachte, wenn man so alt und reich ist wie zum Beispiel die Rolling Stones, tourt man nur noch aus Spaß.

Lieberberg: Das sagen die natürlich, aber glauben Sie das nicht! Spaß ist nicht der Grund der "Rolling-Stones-Tournee 2006."