Geschlechterrollen Spielgefährtin

Auch vor ihren Nacktbildern war Ines Rau keine Unbekannte. Sie modelt seit Jahren für große Marken, vor zwei Jahren etwa in New York.

(Foto: Mauritius)

Das französische Model Ines Rau ist im Körper eines Mannes geboren. Nun hat der Playboy sie zum Playmate des Monats gekürt. Über einen Auftritt irgendwo zwischen Provokation, sexueller Revolution und kaltem Kalkül.

Von Silke Wichert

Aus der Reihe "Dinge, die man nie für möglich gehalten hätte:" Der Playboy gibt sich als Organ zur Befreiung der Frau, womit ausnahmsweise nicht das Entkleiden gemeint ist, sondern tatsächlich der Einsatz für die Rechte und Akzeptanz derselben, jedenfalls die einer ganz bestimmten Frau. Gemeint ist Ines Rau, Playmate der aktuellen November-Dezember-Ausgabe. Für alle, die das Blatt länger nicht in der Hand hatten: Das sind nicht die normalen Nackten, sondern die mit den berühmten Hasenohren auf dem Kopf, zu finden in der Heftmitte, aufklappbar.

Gehört haben dürften die meisten bereits von der 26-jährigen Französin mit nordafrikanischen Wurzeln. Rau ist das erste Transgender-Playmate aller Zeiten. Heißt grob übersetzt, die "Spielgefährtin" wurde im Körper eines "Spielgefährten" geboren, was auf den ersten Blick nicht ganz der heteronormativen Blattlinie entspricht. Eigentlich sollte Rau, wie bei Playmates üblich, auch aufs Titelbild. Aber dann starb der legendäre Playboy-Gründer Hugh Hefner zwei Tage vor Redaktionsschluss mit 91 Jahren. Und ziert nun selbst das Cover, was dem Heft übrigens ein weiteres Novum beschert: In seiner 64-jährigen Geschichte war nicht nur "das Bunny" noch nie biologisch gesehen ehemals männlich, es gab auch noch nie einen Mann allein auf dem Cover.

Der alte "Hef" hätte das mit diesem Transmate "nie zugelassen", twitterten Leser

Der alte "Hef" hätte das mit diesem 'Transmate' "nie zugelassen!", twitterten sofort aufgebrachte Leser. Einer schrieb, er gratuliere dem Heft dazu, dass es sich offiziell zur politischen Korrektheit duckmäusere - fortführen werde er sein Abo dafür nicht. Hefners Sohn Cooper, 26 Jahre alt und mittlerweile Chief Creative Officer des Heftes, sagte dagegen, er habe Rau bereits zwei Monate zuvor ausgewählt, als sein Vater noch am Leben war. Weil sie "lovely" und eine "bemerkenswerte Persönlichkeit" sei. Ihre Verpflichtung entspreche, im Gegenteil, genau dem Erbe des Playboy, der "Gleichberechtigung und den offenen Diskurs über Sex" immer unterstützt habe. So kann man den hohen Frauenanteil im Heft und den inhaltlichen Schwerpunkt natürlich auch sehen. "Es ist unglaublich, wie wenig die Leute verstehen, was mein Vater versuchte zu erreichen", sagt Cooper.

Es ließe sich aber genauso gut argumentieren, dass der Playboy mit einem Transgender-Model im Grunde seiner Linie vollkommen treu bleibt. Denn wenn für gewisse Leser Ines Rau keine "echte" Frau ist, weil sie sich zwar schon immer so fühlt, aber erst mit 18 hat operieren lassen, kann man umgekehrt ja mal fragen, wie echt eigentlich die anderen Damen in der Geschichte des Heftes waren. Auch bei Pamela Anderson zum Beispiel, die sich achtmal dafür auszog, bedurfte es offiziell mehrerer Operationen, bis ihr Äußeres ihrem inneren Ideal entsprach. Oder bei La Toya Jackson, Ende der Achtziger auf dem Titel, war der ein oder andere Körperteil operativ bearbeitet. Und ganz generell gilt: Die Frauen im Heft mögen zwar häufig zu sehen sein "wie Gott sie schuf", ihr Abbild allerdings ist stets bis ins kleinste Detail inszeniert. Da fügt sich die Weiblichkeit der Französin Rau eigentlich konsequent ein. "Frau zu sein bedeutet einfach nur Frau zu sein", sagt sie selbst im Heft.

In der Mode liegen Transgender sozusagen im Trend, wie alles "Vielfältige" in der Branche gefeiert wird. Der Anteil asiatischer und farbiger Mädchen war bei den letzten Laufstegschauen so hoch wie nie. Ältere Models, Plus-Size oder eben Transgender - alles geht, jedenfalls so lange die Damen gut genug aussehen. Die transsexuelle Brasilianerin Valentina Sampaio erschien im März dieses Jahres auf dem Cover der französischen Vogue, Caitlyn Jenner, früher Bruce Jenner, posierte vor zwei Jahren in Corsage für die amerikanische Vanity Fair. Jetzt legt der Playboy noch einmal nach, indem er Ines Rauso prominent freizügig wie nie präsentiert. Es liegt also nahe, dass das der eigentliche, etwas weniger revolutionäre Grund für ihre Verpflichtung ist. So viel PR hat das Heft jedenfalls nicht mehr generiert seit es im Oktober 2015 ausrief: "Keine Nackten mehr!", beziehungsweise ein Jahr später, als es entschied: "Okay, doch wieder Nackte." Zugleich könnte das erste Transgender-Playmate ironischerweise für in Männerkörpern geborene Frauen tatsächlich eine Art weiterer Befreiungsschlag sein. Auch sie "dürfen" sich endlich ausziehen. Der ultimative Ritterschlag der Weiblichkeit?

Sie sei in Freudentränen ausgebrochen, als das Playmate-Angebot kam, sagte Rau der New York Times. "Ich habe schon viele nette Komplimente bekommen, aber noch nie fühlte ich mich so besonders, schön und weiblich."

Ines Rau ist keineswegs eine Unbekannte in der Modebranche, sie modelte bereits für Marken wie Balmain und war in der italienischen und amerikanischen Vogue zu sehen. Trotzdem trat sie bislang längst nicht so prominent in Erscheinung wie die Transgender-Stars Andreja Péjic, Hari Nef oder Valentina Sampaio. Bekannt ist eigentlich nur, dass sie in Paris geboren wurde und dort "im Ghetto" aufwuchs, wie sie im Playboy-Interview erzählt. Mit 18 ging sie nach Ibiza, um für DJs wie David Guetta zu tanzen. Nach Hormontherapie und Geschlechtsangleichung habe sie erst einmal Zeit gebraucht, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Jetzt sei sie bereit, als "Aktivistin" aufzutreten. Gerade hat sie einen Buchvertrag unterschrieben und einen Film abgedreht. Gern wäre sie Schauspielerin, am liebsten "Action-Heldin", wie sie sagt. Spätestens mit dem Nackt-Auftritt als Playmate dürfte ihre Karriere jetzt noch einmal an Fahrt aufnehmen.

Dass sie in einem Männerkörper geboren worden war, machte sie erst vor drei Jahren offiziell - interessanterweise nachdem sie sich das erste Mal für den Playboy ausgezogen hatte. Damals nicht als prominentes Playmate, sondern für ein einzelnes Foto in einer Beilage. Streng genommen war sie nicht einmal damals die erste Transgender-Frau im Playboy. Bereits 1981 erschien die Engländerin Caroline "Tula" Cossey in einem Gruppenfoto zum Filmstart des James Bond Films "For your Eyes Only". Kurz darauf wurde sie von einer britischen Zeitung als transsexuell geoutet. Hefner habe sie daraufhin Jahre später wieder für den Playboy ablichten lassen, sagte Cossey der Huffington Post. Als ein Werbekunde mit dem Anzeigenboykott drohte, wurde die Strecke zunächst zurückgezogen. Jahre später habe Hefner die Fotos dann trotzdem veröffentlicht.

Insofern darf man durchaus glauben, dass Hefner auch Ines Rauseinen Segen gab. Eigentlich ist seine berühmte Wortmarke "Playmate" im Englischen ja sowieso geschlechtsneutral.