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Ungewöhnlicher Roadtrip:"Eine Freundschaft wie unsere kommt selten vor"

Mehrgenerationenreise

Karl-Heinz Schulz, 93 Jahre alt, hat keine Kinder und lebt seit dem Tod seiner Frau alleine. Torben Kroker ist 20 und sein Nachbar. Seit vier Jahren sind sie befreundet.

(Foto: privat)

Quer durch Europa: Warum ein 20-Jähriger mit seinem 93-jährigen Nachbarn aus Emmerich am Rhein auf große Reise gegangen ist.

Von Lina Wölfel

Bis vor Kurzem mähte Torben Kroker, 20, manchmal den Rasen seines allein lebenden Nachbarn Karl-Heinz Schulz, 93, in Emmerich am Niederrhein und hörte ansonsten dessen Geschichten an. Dann beschlossen sie, durch Europa zu reisen. Karl-Heinz Schulz, genannt Carlos, wollte seinem jungen Nachbarn all die Orte zeigen, in denen er die Nachkriegszeit verbracht hat. Nun, nach drei Wochen und 5000 Kilometern, sind die beiden zurück.

SZ: Herr Kroker, Herr Schulz, Ihre Reise berührt, viel ist darüber berichtet worden. Was finden viele so besonders daran, dass ein Jüngerer mit einem deutlich Älteren in den Urlaub fährt?

Torben Kroker: Tja, an sich sollte das nichts Besonderes sein. In unserer Gesellschaft werden ältere Menschen aber viel zu oft zur Seite geschoben, eine Freundschaft wie unsere kommt selten vor. Da ist es einfach interessant, ein Gegenbeispiel zu haben, das Hoffnung gibt, auch im Alter noch was zu erleben. Außerdem sehnen sich wahrscheinlich viele während der Pandemie nach schönen Nachrichten.

Wie unterscheidet sich Ihre Freundschaft denn von anderen?

Karl-Heinz Schulz: Da gibt's keinen Unterschied.

Kroker: Es ist schon einmalig, weil man andere Sachen macht, über anderes redet als mit den Kumpels. Inzwischen schau ich beispielsweise jeden Tag nach dem Rechten, fahre mit ihm zusammen einkaufen. Carlos ist mein Ruhepol. Den kann nichts aus der Ruhe bringen.

Warum haben Sie diese weite Reise auf sich genommen?

Schulz: Ach, ich wollte mal wieder was Neues erleben. Beziehungsweise in meinem Fall ja was Altes noch mal erleben.

Sie sind ja ganz schön herumgekommen bei dem Trip.

Kroker: Wir sind von Emmerich am Niederrhein losgefahren durch die Niederlande und Belgien bis nach Versailles. Von da aus an den Atlantik. Dann fünf Tage im Baskenland. Von dort weiter über Frankreich ans Mittelmeer und über Marseilles nach Monaco. Von Monaco ging es dann nach Mailand und weiter nach Bregenz am Bodensee. Schließlich über Stuttgart, Göttingen, Hamburg, Bremerhaven, Köln wieder zurück.

Herr Schulz, was verbinden Sie mit diesen Orten?

Schulz: Da war ich im und nach dem Krieg. Ich wollte gerne sehen, wie es dort jetzt aussieht. Kurz nach dem Krieg sah es nämlich nicht so schön da aus. In Frankreich war ich nach dem Zweiten Weltkrieg in Kriegsgefangenschaft. Ich war bei einem Weinbauern, die brauchten uns junge Männer für die Lese. Später wurde ich dann für ein Minensuch-Kommando nach Südfrankreich versetzt und bin von dort aus über die Pyrenäen ins Baskenland geflohen. Und in Bregenz, da lag ich am Ende des Krieges im Lazarett. Ich hatte mehrere Phosphorverbrennungen an Händen und Füßen und einen Streifschuss an der Halsschlagader.

Das klingt nach weniger schönen Erinnerungen. Wie war es, nun an diese Orte zurückzukehren?

Schulz: Vor allem schön. Wir sind überall gut aufgenommen worden. Die wollten uns teils gar nicht wieder gehen lassen. Ich finde es schlimmer, jetzt wieder hier zu sein. Ich könnte sofort wieder los.

5000 Kilometer in drei Wochen sind ganz schön sportlich.

Kroker: Wir sind tagsüber meistens Auto gefahren und haben eigentlich nur zum Essen angehalten. Wenn wir abends im Hotel angekommen sind, haben wir uns, wenn es für Carlos noch ging, die Stadt angeschaut oder haben irgendwo gesessen und uns mit Leuten unterhalten.

Was dachten die Leute, die Sie getroffen haben, über Sie als Reisepartner?

Schulz: Dass ich sein Opa bin!

Kroker: Viele haben verdutzt geschaut. Dann wurde schnell gefragt, ob es nicht mit Corona zu gefährlich wäre.

Berechtigter Punkt.

Schulz: Gefährlich war das nicht. Ich meine, ich sterbe eh früher oder später.

Kroker: Wir haben das nicht auf die leichte Schulter genommen. Die ortsspezifischen Sicherheitsmaßnahmen, Masken und Hände desinfizieren, haben wir natürlich eingehalten. Aber wer weiß, ob Carlos im nächsten Sommer noch so fit gewesen wäre. Es war einfach wichtig, diese Reise rechtzeitig zu machen.

© SZ/marli/moge
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