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Geheimsprache:Uesdä Iegäuimissnä uenvä Uemmersfräuechbä...

...heißt: Das Geheimnis von Frammersbach - warum der kleine Ort im Landkreis Main-Spessart für Sprachforscher so interessant ist.

Manche sagen, Welschen sei ganz simpel. Einfach die Konsonanten am Wortanfang weglassen, ans Ende setzen und - wie es gelegentlich Edmund Stoiber macht - mit einem "ä" verzieren. Die Vokale, je nachdem ob sie dumpf oder hell sind, zu "ue" oder "ie" umformen.

Aus Blume wird so Uemeblä. Aus Tisch wird Ieschtä, aus Bach Uechbä. - "Um Gottes Willen", sagt jetzt Sylvia Ludwig, begeisterte Welschen-Sprecherin aus Markt Frammersbach im Landkreis Main-Spessart. "Verraten Sie bloß nicht unsere Geheimsprache. Sonst ist sie ja keine mehr." Äh.

"Hoborst Köböhleber"

Mindestens 36 Frammersbacher, die meisten so zwischen 60 und 80 Jahre alt, sprechen heute noch Welschen. Einige behaupten, sie hätten die Sprache in der Schule selbst erfunden. Andere wissen es besser und erinnern sich, dass sich die Eltern immer dann auf Welschen unterhielten, wenn die Kinder nichts erfahren sollten.

Woanders bemühen Eltern heute noch die B-Sprache (aus Bundespräsident Horst Köhler wird Bubundebespräbäsibidebent Hoborst Köböhleber) oder sprechen vor ihren Kindern Englisch. Wer einmal das System verstanden hat, der lernt ganz schnell. Je besser jemand Welschen kann, umso schneller spricht er es.

Allen anderen bleibt es - ganz ähnlich wie bei Dialekten - ohne eine gewisse Praxis unmöglich, das Kauder-Welsch der Mitmenschen zu verstehen. Früher bezeichneten die Germanier die für sie unverständliche Sprache der Romanier als "Welsch" - daher der Name.

Nicht nur Händler, auch Klein- und Großkriminelle entwickeln seit jeher Sprachen, die Dritte von ihrem Wissen ausschließen. Auch heute noch wird wild verschlüsselt und getarnt. Jugendliche gehen in die Zappelbude, Taxifahrer funken "Zipp - vierdreißig Rothschild - in Ordnung" und wissen, was gemeint ist.

Im knapp 5000 Einwohner großen Frammersbach, vor allem im Zentrum, auf der Skihütte und im Ortsteil Herbertshain, unterhält man sich eben gelegentlich auf Welschen. "Uitehä euthä ishä iendä uenzengä uegtä geirgneträ", heißt hier: "Heute hat es den ganzen Tag geregnet."

Zipp und Zappelbude

Vor ein paar Monaten erschien in der örtlichen Zeitung ein Aufruf: "Mit einer Befragung in Frammersbach will das Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft der Technischen Universität Darmstadt der Frammersbacher Geheimsprache Welschen auf die Spur kommen.

Bisher wurden zehn Sprecherinnen und Sprecher gefunden, die über das Welschen Auskunft geben können. Weitere werden gesucht." Der Darmstädter Sprachwissenschaftler Florian Ziem reiste im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft nach Frammersbach und interviewte zum Beispiel Alois Weigand und Irmgard Ludwig, die Mutter von Syliva Ludwig.

Gemeinsam mit den Frammersbachern untersuchte Ziem erstmals diese Sondersprache. "Womöglich schon vor Jahrhunderten setzten in Frammersbach Geschäftsleute das Welschen ein, um ihre Geheimnisse vor Fremden nicht preiszugeben", sagt Ziem. So konnten sie miteinander reden, ohne dass die Konkurrenz sie verstand.

Die Konkurrenz ausgestochen

"In Frammersbach gab es schon im 15. Jahrhundert Fuhrleute und Händler. Wenn sie ihre Fahrrouten oder ihre Preise absprachen, konnte eine Geheimsprache nur hilfreich sein." Ganz ohne Wörter- oder Grammatikbücher wird der Code bis heute von Generation zu Generation vererbt.