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Ferris MC:Unkaputtbar

Vernünftig, reif, erwachsen, romantisch: Sascha Reimann alias Ferris MC hat sich vom Chaotentum verabschiedet.

(Foto: Warner Music)

In den Neunzigern war Ferris MC einer der ersten deutschen Hip-Hop-Stars - bis ihm der eigene Wahnsinn zu viel wurde. Die Geschichte einer erstaunlichen Karriere.

Wie ihr Protagonist hat auch die Geschichte selbst mehrere Namen. Heute mag sie blutleer "sozialer Aufstieg" heißen, aber als Sascha Reimann zur Welt kam, nannte man sie in hübschestem BRD-Deutsch noch: "Vom Tellerwäscher zum Millionär". Es ist dies eine oft erzählte Geschichte, vor allem in den raueren Regionen der Rap-Branche, die ja von solchen Emporkömmlingen lebt. Das Besondere an Reimanns Fall aber ist, dass der noch nicht mal das Zeug zum ordentlichen Tellerwäscher hatte, als er gleich zum Star wurde, und dass sein echter Aufstieg eigentlich erst begann, als er sich von seiner Karriere wieder verabschiedet hatte.

Heute jedenfalls ist Sascha Reimann - einst bekennendes Drogenopfer, später berühmt als Ferris MC - nicht nur bei der erfolgreichen Band Deichkind untergekommen; er reüssiert auch als Schauspieler, etwa im "Tatort" oder in der Verfilmung von Karen Duves Roman "Taxi". Zudem hat er eben erst bewiesen, wie nah sich seine neue Seriosität und der alte Affe Spießigkeit sind, als einer der deutschen Juroren beim Eurovision Song Contest nämlich. Es ist ein langer Weg von LSD zum ESC.

"Speed, Kokain, einmal auch Heroin geraucht. Und ganz viel LSD."

"Ab und zu bin ich sehr gerne spießig", sagt Reimann und zeigt seinen Ehering. "Jetzt mit 41, finde ich das Älterwerden richtig geil." Er sitzt in einem verrauchten Hinterzimmer des Münchner Zenith, gleich wird er mit Deichkind auftreten. Davor erzählt er seine Geschichte: Geboren 1973 in Neuwied verbringt er seine Kindheit nach diversen Umzügen hauptsächlich in Bremen. "In Tenever, dem Ghetto der Stadt. Ich war ein Scheidungskind, hatte mehrere Stiefväter, alles Alkoholiker. Meine Mutter hatte einen Hang zu kaputten Typen", sagt er mit heiserer Bitterkeit.

Die Jugendjahre: Kiffen in der Hauptschule, härtere Drogen während der Mechaniker-Lehre. "Speed, Kokain, einmal auch Heroin geraucht. Und ganz viel LSD." Mitte der Neunziger ersetzt er LSD durch Ecstasy, gleichzeitig macht er Karriere in der noch jungen Deutschrap-Szene. 1994 veröffentlicht er mit seiner Band das Album "Im Zeichen des Freaks". Das Freakige, das Asoziale, das Ekelhafte, der Punk, es sind seine Alleinstellungsmerkmale in der Branche, deren größte Stars die braven Fantastischen Vier sind. Die geben ihren Alben lustige Namen wie "Lauschgift"; Reimann, der mittlerweile als Ferris MC auftritt, nennt sein Album "Asimetrie".

Ende der Neunziger landet er im Gefängnis. Acht Tage lang sitzt er in Untersuchungshaft, weil er Haschisch gekauft hatte. Seine Mutter hatte sich nun um einen weiteren kaputten Typen zu sorgen.

In München zündet sich Reimann eine Zigarette an. "Kette und Kaffee" seien heute seine einzigen Laster, sagt er. "Damals habe ich Drogen genommen, weil ich meine verkorkste Kindheit nicht verarbeiten wollte." Tatsächlich, Herr Reimann? "Gut, ich hatte auch Bock drauf, mich abzuschießen. Jung, wild, voll druff, das passte zu meinem Image. Ich wollte im Vollrausch sterben, am besten mit 27, als Legende." Wieso hat er die Drogen doch noch aufgegeben? Reimann hält als Antwort ein allgemeingültiges Kurzreferat zum Thema "Wenn Partygänger erwachsen werden": "Früher habe ich drei Tage gefeiert und war am nächsten Tag trotzdem fit. Irgendwann dauerte die Regenrationsphase länger und länger. Das macht keinen Spaß mehr, wenn du denkst: Okay, jetzt biste acht Stunden druff und musst dafür aber zwei Wochen in Kauf nehmen, um wieder klar zu werden. Außerdem hatte ich immer Paranoia, ich hab' mich sogar beim Doktor durchchecken lassen, Schilddrüse und dies und das. War alles okay. Da habe ich gemerkt, dass die Angst vom Kiffen kam. Ich dachte: Kacke, du musst aufhören."

Reimann stirbt also nicht, aber 2006 begräbt er Ferris MC, den Rapper. Er tritt zurück, weil er nicht mehr gehört wird. "Für die Kids war ich nicht mehr krass genug, die Älteren haben mich nicht mehr ernst genommen." Um Geld zu verdienen tritt er als DJ auf. Und er erinnert sich an seinen Kindheitstraum, die Schauspielerei.

Als er im "Tatort" auftaucht, erinnern sich seine Fans wieder an den selbsternannten Freak

Für das Publikum aber ist der Rapper erstmal weg vom Fenster. Die Jugend hört bald Gangsta-Musik von Rappern, die gerne so tun, als hätten sie so viel Dreckiges erlebt wie Reimann. "Der deutsche Hip Hop ist ein einziger Fake", sagt der. Seine eigenen früheren Fans sitzen derweil altgeworden auf der Couch vorm "Tatort". Die Folge "Hochzeitsnacht" sehen 2012 immerhin 8,95 Millionen Zuschauer, und manche von ihnen wundern sich über ein bekanntes Gesicht. Danach googelnd erfahren sie nicht nur, dass ihr alter Held nun Schauspieler ist, sondern dass er als Ferris Hilton schon seit 2008 bei einer Band singt, die mit Vorliebe maskiert auftritt: "Manche haben bis heute nicht geschnallt, dass der Ferris von damals der Ferris von Deichkind ist", sagt Reimann. Hatten die anderen Musiker keine Angst, einen berüchtigten Chaoten zu engagieren? "Die kannten mich schon länger und wussten, dass ich auch ganz umgänglich sein kann. Nett, freundlich, zuvorkommend." Er lächelt nicht mal, als er sich so beschreibt.

Seit Reimann in der Band ist, sind Deichkind die witzigsten und cleversten Chronisten der Gegenwart, egal, ob es um Karrieredruck ("Bück dich hoch") oder Internetwahnsinn ("Like mich am Arsch") geht. Das aktuelle Album "Niveau weshalb warum" stieg im Januar auf den ersten Platz der deutschen Charts ein.

Am Freitag nun folgt Ferris MCs Soloalbum, die Comeback-Platte heißt "Glück ohne Scherben". Früher sei jedes Album aus einer Katastrophe heraus entstanden, erklärt Reimann den Titel, heute liebe er das Leben. "Ich bin seit drei Jahren verheiratet, das ist eine Seelenverwandtschaft seit Tag eins." Vernünftig, reif, erwachsen, romantisch - was hätte bloß der frühere Ferris MC über den heutigen gesagt? "Gar nichts. Der hätte sich nur gedacht: Wie lange dauert der Kater noch, ich will endlich wieder loslegen. Heute bin ich einfach nur froh, dass ich hier und jetzt sitzen und mich artikulieren kann", sagt Reimann und entschuldigt sich höflich. Das Konzert beginnt gleich, 6000 Zuschauer warten. Er verschwindet in der Maske, im Rauch seiner tausendsten Zigarette, unkaputtbar.