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Ehrenbürger Hitler:Lästige Vergangenheitsbewältigung

Zu Lebzeiten hatte es Hitler in rund 4000 Städten zum Ehrenbürger gebracht. Einige zählen ihn noch immer zu diesem erlauchten Kreis. Zum Teil mit fadenscheinigen Erklärungen. Dabei ist es ganz einfach, dem toten Diktator die Auszeichnung zu entziehen.

Sarina Märschel

Er ist ein trauriges Kapitel nicht nur deutscher Geschichte, sondern auch deutscher Gegenwart: Der Ehrenbürger Adolf Hitler. Jüngster Fall: Die bayerische Gemeinde Nittendorf-Etterzhausen. Bürgermeister Max Knott (CSU) rechtfertigte sich damit, Hitler keinen Brief mehr schreiben zu können, mit dem er dem Diktator die Ehrenbürgerwürde aberkenne.

Rechtlich gesehen steht der Aberkennung der Ehrenbürgerwürde jedoch nichts entgegen. Die Gemeindeordnung regelt für die verschiedenen Bundesländer die Formalitäten. Die meisten der 4000 Städte und Gemeinden, die Hitler vor 1945 die Ehrenbürgerschaft verliehen hatten, haben das auch getan.

In Nordrhein-Westfalen bedarf es beispielsweise einer Zweidrittel-Mehrheit im Gemeinde- oder Stadtrat. Mehr als ein Ratsbeschluss ist zur Streichung gar nicht nötig, sagt Ulrich Battis, Verwaltungsrechtler an der Humboldt-Universität Berlin: "Fertig, weg ist sie."

Nach Ansicht von Martin Sabrow, Direktor des Zentrums für zeithistorische Forschung in Potsdam, gibt es neben der förmlichen Aberkennung aber noch einen zweiten, rechtsförmigen Weg.

"Oft wurde die Ehrenbürgerschaft Hitlers ohne einen förmlichen Akt der Aberkennung für erloschen erklärt, zum Beipiel in Potsdam", erklärt der Experte. Wenn Entscheidungen aus Zeiten des Dritten Reiches pauschal als nicht mehr gültig betrachtet würden, müsse nicht über jeden Fall einzeln entschieden werden. Seiner Ansicht nach ist dies eine legitime Möglichkeit, Hitler die Ehrenbürgerschaft zu entziehen.

Einige Kommunen - auch das bayerische Nittendorf-Etterzhausen - argumentieren, dass der Alliierte Kontrollrat 1946 in Deutschland den Verlust des Ehrenbürgerrechts verfügt hat. Verwaltungsrechtler Battis weist außerdem darauf hin, dass rein praktisch gesehen das Ehrenbürgerrecht mit dem Tod endet.

"Hitler ist eine Chiffre für Verbrechen gegen die Menschlichkeit"

Manche Städte und Gemeinden halten jedoch ganz bewusst an ihrem Ehrenbürger Hitler fest. Die Prager Zeitung zitiert zum Beispiel den Bürgermeister der tschechischen Kleinstadt Lanskroun mit den Worten: "Die Politik sollte nicht versuchen, die Geschichte umzuschreiben. Es spiegelt eben die damalige Zeit wieder."

Diese Argumentation lässt Martin Sabrow nicht gelten: "Man muss sich von dieser Vergangenheit distanzieren." Sein Münchner Kollege, der Zeithistoriker Hans Günter Hockerts, sieht das ähnlich: "Es gehört zur politischen Kultur, dass ein Trennstrich zu Hitler gezogen wird, dass er auch symbolisch ausgebürgert wird. Es gibt andere Formen der Erinnerung, die angemessener sind als eine Ehrenbürgerschaft. Die Aberkennung ist ein symbolisches Handeln, das zeigt, dass die Werte der Demokratie gegensätzlich zu den Werten des NS-Regimes stehen."

Anders läge der Fall zum Beispiel bei Personen wie dem ehemaligen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, der Hitler 1933 zum Reichskanzler ernannte. In Potsdam war im Jahr 2003 ein Streit darüber ausgebrochen, ob Hindenburg Ehrenbürger der Stadt bleiben dürfe. Der Ex-Präsident und hochdekorierte General wurde schließlich nicht von der Liste gestrichen. "Hitler ist eine Chiffre für Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Hindenburg nicht", begründet Zeithistoriker Hockerts den Unterschied.

"Öffentliche Distanzierung notwendig"

In einigen anderen Fällen kam es zu keiner Aberkennung, weil es ganz einfach niemandem auffiel, dass Hitler irgendwann einmal Ehrenbürger geworden war. Düsseldorf bemerkte es beispielsweise erst im Jahr 2000, woraufhin die Stadtratsfraktionen gemeinsam eine Aberkennung beschlossen.

Wo auffällt, dass Hitler heute noch aus Versehen als Ehrenbürger geführt wird, hält Sabrow zumindest eine öffentliche Distanzierung für absolut notwendig: "Auch wenn es peinlich ist, dass das 60 Jahre lang niemand bemerkt hat."

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