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Dinner for One:Lachen bis zur Entbindung

Ein Stück deutscher TV-Geschichte.

Von Stefan Mayr

Die deutsche Fernseh-Geschichte muss umgeschrieben werden. Jahrzehntelang galt Peter Frankenfeld als Pate des "Dinner for One". Die Showmaster-Legende habe, so die landläufige Annahme, den Sketch 1963 im englischen Blackpool entdeckt - und von dort und da an hätten Butler James und Miss Sophie ihren Siegeszug in den deutschen Silvesterabend angetreten. Das aber stimmt definitiv nicht. Zu verdanken ist diese Erkenntnis Siegfried Welty aus Augsburg und seiner rührenden Geschichte.

Schenkelklopfer mit Nebenwirkungen

Es war am 9. Dezember 1961, ein Datum, das Welty nie vergessen wird. An diesem Samstagabend sitzen er und seine hochschwangere Frau Margarete vor dem Fernsehgerät. Seit 20.20 Uhr läuft im ersten Programm die Show mit dem poetischen Namen "Bitte lassen Sie sich unterhalten". Durch die Sendung führt Sängerin Evelyn Künneke, es musiziert das Johannes-Rediske-Quintett. Gäste sind Hans Rosenthal, die Herbert Dancers sowie die unbekannten englischen Komiker Freddie Frinton und May Warden mit ihrem unbekannten Sketch "Dinner for One".

Was die HörZu zuvor als "Aufzeichnung einer öffentlichen Abendunterhaltung" angekündigt hat, entpuppt sich als Schenkelklopfer mit Nebenwirkungen. Margarete Welty lacht und lacht und lacht - bis die Wehen einsetzen. Das junge Paar eilt zu seinem VW Käfer und fährt ins Krankenhaus Göggingen, wenige Stunden später ist der Sohn auf der Welt - zwei Wochen zu früh, aber gesund. Als der kleine Dieter größer ist, erzählen die Eltern ihrem meist gut gelaunten Buben die Geschichte seiner Geburtsnacht.

Jahre später ist das "Dinner for One" kein unbekannter Sketch mehr. Butler James stolpert Jahr für Jahr durch die Wohnzimmer der Republik, Zeitungsartikel und Bücher werden über das längste Abendessen der Welt geschrieben. Eines Tages liest Papa Welty die Geschichte von Peter Frankenfeld und der angeblicher Entdeckung des Sketches. Demnach habe der Altmeister der deutschen Fernsehunterhaltung in Nordengland nach Stoff für seine neue Show "Guten Abend, Peter Frankenfeld" gesucht. Als er Freddie Frinton und May Warden gesehen habe, sei er zusammen mit seinem Regisseur Heinz Dunkhase sogleich in die Garderobe geeilt und habe das Duo engagiert. Dies sei alles andere als einfach gewesen, weil Frinton alles Deutsche gehasst habe. Doch Frankenfeld mit seinem grenzüberschreitenden Charme habe die Komiker überredet, im deutschen Fernsehen aufzutreten.

Alles Legende

Eine schöne Geschichte, denkt sich Siegfried Welty. Nur weiß er eben ganz genau, dass er das "Dinner for One" bereits zwei Jahre zuvor, am 9. Dezember 1961, gesehen hatte - "und zwar präsentiert von Evelyn Künneke mit ihren Klunkern und nicht von Frankenfeld", so Welty. Weil freilich alle Medien Frankenfeld als Entdecker des Tigerkopfs huldigen, muss Sohnemann Dieter an seiner netten Geburtstagsgeschichte und an der Glaubwürdigkeit seines Vaters zweifeln. Grund genug für Papa Welty, der Sache auf den Grund zu gehen.

In der HörZu vom 3. Dezember 1961, Seite 88, wird er schließlich fündig: Es war tatsächlich Evelyn Künneke, die das "Dinner for One" erstmals im deutschen Fernsehen präsentierte, in einer anderen Fassung als der, die zwei Jahre später aufgezeichnet wurde und seitdem läuft und läuft und läuft. Von der tatsächlich ersten Sendung gibt es zwar keine Aufzeichnung, dennoch hat Künneke als Entdeckerin des Mega-Sketches zu gelten. Blackpool? Überredungskünste? Alles Legende. Frankenfeld hat 1963 nur ein zwei Jahre altes Dinner aufgewärmt.

© SZ vom 31.12.2003
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