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Die verschwundene Kennedy-Schwester:Das Refugium im Kloster

Des Nachts flüchtet Rosemary öfters aus dem Kloster in Washington, wo sie untergebracht ist. Dann hören die Eltern von einer neuartigen Gehirnoperation, die das Gemüt beruhigen soll. Rosemary wird 1941 von den Neurochirurgen Walter Freeman und James Watts einer Lobotomie unterzogen.

Jackie O.

Von der Pillbox zur Sonnenbrille

Es gibt kaum eine Operation, die einen stärkeren Effekt auf das Denken hat: Bei einer Lobotomie werden die Nervenbahnen, welche die Stirnlappen mit dem Rest des Gehirns verbinden, durchtrennt. In den vierziger Jahren gab es noch keine Anti-Depressiva oder Beruhigungsmittel, der Eingriff sollte Patienten mit Schizophrenie oder Psychosen Linderung verschaffen. Doch auch damals war klar, dass eine Lobotomie das Gefühlsempfinden massiv stört und abstraktes Denken praktisch vernichtet.

Bei Rosemary haben die Neurochirurgen wohl zu viel geschnitten, die lebhafte junge Frau fällt zurück in den geistigen Zustand eines Kleinkindes. Über Nacht verschwindet sie aus dem offiziellen Leben der Kennedys. Seitdem gibt es kein Foto mehr, das Rosemary zeigt, sie ist einfach verschwunden. Zunächst bleibt sie ein paar Jahre in einer Prominentenklinik im Norden von New York.

Die Kennedys bezahlen die Rechnungen pünktlich, wie sich der Sohn des Klinikarztes erinnert, doch sie sind nie gekommen, um ihre Tochter zu besuchen. Eines Tages ruft ein Vertreter der Familie an, Rosemary solle woanders hinziehen. Binnen weniger Stunden werden ihre Sachen gepackt, mit einem Privatzug wird sie nach Wisconsin gebracht. Im Kloster St. Coletta wird sie - in einem eigens für sie gebauten Bungalow - 57 Jahre leben. Mehrere Krankenschwestern kümmern sich um sie. Über ihre Patientin haben sie nie öffentlich gesprochen, nur so viel, dass Rosemary immer glücklich gewesen sei.

Während des Krieges bemerkt niemand das Verschwinden der Kennedy-Tochter. Doch spätestens als die politische Karriere von JFK einen fulminanten Start nimmt, gerät auch die Familie in das Scheinwerferlicht. Man will wissen, wo die Schwester des politischen Hoffnungsträgers lebt, der 1947 mit nur 29 Jahren Abgeordneter wird, und die Fragen dürften zu der plötzlichen Umsiedlung von Rosemary geführt haben.

Zunächst lässt die Familie verlauten, sie sei Lehrerin, später heißt es, sie kümmere sich um behinderte Kinder in der katholischen Privatschule St. Coletta. Während seiner Kandidatur entschließt sich JFK zu der Version, Rosemary sei als Kind an einer Gehirnhautentzündung erkrankt und lebe seitdem in einer Klinik in Wisconsin. Bis heute hat die Familie die Lobotomie nicht offiziell zugegeben.

Kurz mal im Kino

Wie konnte Rosemarys Schicksal einer ganzen Nation verborgen bleiben? Das bleibt rätselhaft. Nicht einmal das FBI, das 1956 auf Wunsch des Weißen Hauses Nachforschungen über Joe Kennedy und dessen Geschäfte anstellt, wusste, wo die junge Frau sich befindet. Eine Notiz in den Archiven der Bundespolizei erwähnte, dass sie geistig behindert, ihr Aufenthaltsort jedoch geheim sei.

Nach all dem, was Pratabuy zusammengetragen hat, scheint nur Vater Joe gewusst zu haben, wo Rosemary war. Selbst Mutter Rose erfuhr wohl erst 1960 vom Refugium im Kloster. Erst als ein Gehirnschlag den Patriarchen 1961 in den Rollstuhl zwingt, entkommt Rosemary ihrer Isolation. Sie verbringt regelmäßig Weihnachten im Familiendomizil von Hyannis Port, geht ab und zu sonntags in die Kirche mit Schwester Eunice.

Fünf Stunden Freiheit hatte Rosemary sich damals in Chicago gestohlen. Sie war durch den Hintereingang in ein Kino gegangen. Und weil sie, wie die Platzanweiserin später erzählen wird, ein wenig orientierungslos aussah und der Saal mittags ziemlich leer war, ließ man sie gewähren. Rosemary, die nichts von der Welt kannte, schaute Filme.

Robert Kennedy

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