Die Familie des Nazi-Verbrechers Ludin:Selbstmord auf Raten

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Hanns Ludin war einer von Hitlers willigen Vollstreckern - mit Folgen für seine Nachkommen. Einige Kinder halten den Nazi nach wie vor für einen ehrenwerten Mann - Tochter Erika trieb die Vergangenheit in den Tod.

Eva Menasse

"Mein Vater war ein Nazi" - dieser Satz hat für die erste Nachkriegsgeneration der Deutschen eine immense Rolle gespielt. Durfte, konnte man diesen Satz sagen, sogar, wenn man musste? Anfangs war diese Auseinandersetzung wohl überhaupt nur mit einem lebenden Gegenüber möglich.

Als Niklas Frank seinen in Nürnberg gehängten Vater Hans Frank, den "Schlächter von Polen", 1987, also 41 Jahre nach dessen Tod, sachlich richtig in aller Öffentlichkeit einen "Nazimörder" schimpfte, klang sein Ton schockierend, denn mit denen, die "mit dem Leben gebüßt hatten", hatte noch kein Kind öffentlich gehadert. Das schien erledigt, dabei war es das Gegenteil, eine jahrzehntelang unversorgte Wunde.

"Mein Vater war ein Nazischwein", diesen Satz konnte Erika Senfft, geborene Ludin, nur spät und ganz selten sagen, und nur, wenn sie schwer betrunken war. Denn mit Niklas Frank hatte Erika Senfft gemeinsam, dass ihr geliebter Vater hingerichtet wurde, lange bevor sie in einem Alter war, wo sie seine Taten auch nur ansatzweise hätte begreifen können. Für ein Kind ist das eine fatale Ausgangslage.

Hanns E. Ludin war von Januar 1941 an Hitlers Gesandter in der Slowakei. Während er Deportationsbefehle für die slowakischen Juden unterzeichnete, verbrachten Erika und ihre fünf jüngeren Geschwister goldene Kindheitsjahre in einer Villa in Bratislava - ein Foto von den sechs lachenden Blondschöpfen im Gras erinnert fatal an die Goebbels-Kinder. An kaum einem Ort in Europa war der Krieg so wenig zu spüren wie in Hitlers friedlichem Satellitenstaat. Vielleicht kam für diese Kinder das Ende daher besonders unerwartet.

Plötzlich findet sich Ludins Frau Erla mit ihren sechs Kindern auf einem Bauernhof in Süddeutschland wieder, die Älteste, Erika, noch keine zwölf, in der typischen Rolle als Stütze und Partnerersatz. Der Vater ist verschwunden, erst auf der Flucht, dann stellt er sich den Alliierten.

Ein fast dreijähriges Hoffen, Bangen und Briefeschreiben beginnt, auch hier ist Erika als ältestes Kind am meisten involviert. Ludin wird nach Bratislava ausgeliefert. Als er im Dezember 1947 hingerichtet wird, ist die vierzehnjährige Erika bereits im Internat in Salem. Sie muss mit dem Unbegreiflichen allein zurechtkommen, während die Klassenkameraden hinter ihrem Rücken tuscheln.

Für den Film den Tod der Mutter abgewartet

Im Jahr 2005 hat Ludins jüngster Sohn Malte, beim Tod des Vaters erst fünf Jahre alt, in seinem großartigen Dokumentarfilm "2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß" gezeigt, was diese Vater-Leerstelle in seiner Familie auf Jahrzehnte angerichtet hat. Hier konnte man das ganze deutsche Drama als beklemmendes familiäres Kammerspiel besichtigen.

Da war die majestätische Witwe Erla, die nach dem sogenannten Röhm-Putsch ihren Mann mit dem Satz "Wo gehobelt wird, da fallen Späne" getröstet hatte und die später das Andenken des Kriegsverbrechers so eisern hochhielt, dass manche ihrer Enkel eine Weile lang sogar glaubten, der Großvater sei als Widerstandskämpfer hingerichtet worden. "Solange sie lebte, hätte ich mich an diesen Film nicht gewagt", sagt Malte Ludin zu Beginn des Films, "und sie lebte lange".

Nach Erlas Tod haben ihre Töchter Barbel, Ellen und Andrea bereitwillig die tragenden Rollen der Verdrängung übernommen, indem sie ihren Vater bis heute mit erheblicher psychischer Kraftanstrengung für einen ehrenwerten Mann halten wollen. "Er hat ja nicht mit der Pistole irgendwo gestanden oder den Schlüssel zur Gaskammer gehabt!", ruft eine im Film einmal wütend.

Ihre kindlichen Erinnerungen verklärend, emotional beschädigt vom unverständlichen Verlust, halten sie ihre Scheuklappen so grotesk und unbelehrbar fest, dass dieser Film zu einem Meilenstein der Erkenntnis wurde: Was Ludin hier zeigte, war dieser unerschütterliche, aggressive deutsche Selbstbetrug allen Fakten zum Trotz, der, als die Judenvernichtung in vollem Gange war, ganz genauso funktioniert haben muss.

Erika, die älteste Tochter, die als süßes Mädchen im weißen Kleid Hitler die Hand geben durfte, fehlte in diesem Film bereits. Sie war nicht lange nach dem Tod ihrer Mutter einem Unfall erlegen, Folge ihres jahrzehntelangen Alkoholismus. Über sie hat nun ihre Tochter Alexandra Senfft das Buch "Schweigen tut weh" geschrieben. Es ist der anrührende Versuch einer Ehrenrettung.

Denn Erika war das schwarze Schaf der Familie. Aufbrausend, fordernd, autoritär, selbstmitleidig, dabei unersättlich nach Liebe und Zuwendung, hat diese Älteste es Mutter und Geschwistern sehr schwer gemacht, ganz zu schweigen von dem, was sie mit ihrer Trunksucht später ihren Kindern angetan hat.

Indirekt auch die Tochter auf dem Gewissen

Als Ursprung dieses Wütens gegen sich selbst, als Grund des "Selbstmords auf Raten" ihrer Mutter identifiziert Alexandra Senfft den Schock über die Hinrichtung ihre Vaters und den verlogenen Umgang der Familie: "Mein Großvater hat indirekt auch meine Mutter auf dem Gewissen, denn sie hat seine Schuld unbewusst übernommen, ja fast internalisiert und damit nicht leben können... meine Großmutter hat ihre älteste Tochter einem Mythos geopfert, dem Mythos des schuldfreien, wahrhaftigen und stets anständigen Ehemanns".

Während es Erikas Schwestern offenbar leichter fiel, die Fabel vom guten Nazi auch mit ihren Ehepartnern weiterzuspinnen, heiratete Erika den Juristen Heinrich Senfft und bekam Zutritt zur linksliberalen Hamburger Gesellschaft - man verkehrte mit Willy und Rut Brandt, mit den Augsteins und anderen. So muss Erika Senfft zwar irgendwann geschwant haben, was für ein Mann ihr Vater wirklich war - doch für historische Recherche, gar für die Konfrontation mit ihrer Mutter war sie zu schwach.

Sie hätte eine Therapie gebraucht, mutmaßt ihre Tochter, wenn es den richtigen Therapeuten damals überhaupt gegeben hätte. Recherche und offene Konfrontation: Das gelang ja selbst Malte, der sich an den Vater kaum erinnert, erst nach dem Tod der Mutter Erla, das gelingt Erikas Tochter, der Enkelin des Hanns Ludin, nachdem der Onkel mit seinem Film den Weg bereitet hat.

"Schweigen tut weh" ist trotz einiger Längen ein kluges und sensibles Buch, das seiner Autorin einiges abverlangt haben muss. Seine ganze Wirkung aber erreicht es wohl nur in Verbindung mit Malte Ludins Film. Der Name Ludin jedenfalls, so scheint es, wird langsam, wegen oder gerade aufgrund der ungeheuren destruktiven Verdrängungsleistung einiger Familienmitglieder, zur deutschen Chiffre für späte Aufarbeitung, die die weitreichenden Schäden der Verleugnung nur umso klarer ans Licht bringt.

ALEXANDRA SENFFT: Schweigen tut weh. Eine deutsche Familiengeschichte. Claassen Verlag, Berlin 2007. 320 Seiten, 19,95 Euro.

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