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Contergan-Opfer:Das letzte Mittel

"Es ist die Zeit des Handelns": Drei Contergan-Opfer sind in den Hungerstreik getreten, um eine höhere Entschädigung zu erzwingen.

Der Gottesdienst ist aufgeladen mit großen Worten. Es geht um Schuld und Würde, Schicksal und Moral. In der evangelischen Andreaskirche in Bergisch Gladbach steht an diesem Sonntagabend Pfarrer Christoph Nötzel und erinnert an die Bergpredigt aus dem Matthäus-Evangelium. Das Anliegen der Opfer, sagt Nötzel, habe in der Kirche "seinen legitimen Ort". Ihnen gelte "die Zusage Jesu: ,Selig, die da hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.'"

Im Streik: Contergan-Opfer Stephan Nuding, Gihan Higasi und Norbert Schweyen (v.l.) und die Angehörige Helga Nuding (2.v.l.) vor der Andreaskirche.

(Foto: Foto: ddp)

Er blickt in die erste Reihe. Dort auf der hölzernen Kirchenbank sitzen die vier Menschen, denen der Gottesdienst gewidmet ist; jene Vier, die am Donnerstag in Hungerstreik getreten sind. Es sind drei Contergan-Opfer sowie die Mutter eines Geschädigten, die nun mit ihrem Leben für eine höhere Entschädigung kämpfen.

Zwischen 1957 und November 1961 hatte das Unternehmen Grünenthal aus Stolberg bei Aachen das Mittel Contergan mit dem Wirkstoff Thalidomid vertrieben. Rezeptfrei. Ein Beruhigungsmittel, das auch Schwangerschaftsbeschwerden zu lindern versprach.

Etwa 5000 werdende Mütter gebaren nach der Einnahme von Contergan missgebildete Kinder, Menschen mit deformierten Gliedmaßen, viele entstellt. Es folgte ein langwieriger Prozess, der 1970 mit einem Vergleich endete und die Schadenersatzansprüche abschließend regeln sollte. Grünenthal zahlte 114 Millionen Mark in eine Stiftung ein, die Bundesregierung verpflichtete sich, fortan die Ansprüche zu entgelten.

Etwa 2800 Contergan-Geschädigte gibt es noch in Deutschland, nur etwa 400 von ihnen sind nach Aussage der Aktivisten in der Lage, selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Für die Firma Grünenthal ist Contergan eine "Tragödie", die Menschen in der Andreaskirche nennen es einen "Skandal".

Mit dem Fernsehfilm "Eine einzige Tablette" ist Contergan wieder zum Thema geworden. Für die Öffentlichkeit, aber eben auch für die Opfer. Der Film von Michael Souvignier habe alles ausgelöst, sagt der 47-jährige Stephan Nuding. "Da ist vieles wieder hochgekommen, was man die ganze Zeit verdrängt hatte." Leidensgenosse Norbert Schweyen erzählt von "Ausgrenzung, sozialer Isolation und den Demütigungen." All' das lasse sich gar nicht bezahlen, nicht wieder gutmachen, aber zumindest müsse es den Opfern ermöglicht werden, "ein menschenwürdiges und selbstbestimmtes Leben zu führen".

Die Gruppe, unterstützt von der Internationalen Contergan Thalidomid Allianz (ICTA), hat einen Forderungskatalog aufgestellt: Dazu gehört die Verdreifachung der monatlichen Entschädigung durch die Bundesregierung auf maximal 3270 Euro sowie ein Schmerzensgeld, bezahlt von der Firma Grünenthal, von durchschnittlich einer Million Euro für jedes Opfer.

Dafür hungern sie, trinken nur Wasser oder Tee. Das Quartett hat sich im Gemeindezentrum der Andreaskirche eingerichtet, unten im Keller ist ein einfaches Bettenlager errichtet worden, im Notfall stünden Ärzte und Pflegekräfte bereit. "Für uns gibt es keinen anderen Weg mehr, um Gerechtigkeit zu erfahren", sagt Stephan Nuding.

Seine Mutter geht diesen Weg mit. Sie ist 79. Helga Nuding erzählt von ihren Schuldgefühlen, als der Sohn mit missgebildeten Händen zur Welt kam, vom Rat eines Arztes, dem Baby sogleich die Hand zu amputieren, um ihn früh an das Leben mit einer Prothese zu gewöhnen, von der Odyssee zu Ärzten, die nicht helfen konnten. Es hat 47 Jahre gedauert, bis sie ihren letzten Weg gewählt hat. "Wir wissen nicht, wie dieser Weg endet", sagt Helga Nuding. Sie sei bereit, "ihn bis zum bitteren Ende zu gehen", aber sie hoffe noch "auf eine menschliche Lösung".

Das Ringen um eine Lösung ist Aufgabe des Bundesverbands der Contergan-Geschädigten, und eben dort ist man irritiert vom Hungerstreik. "Die Aktion ist mit uns nicht abgesprochen", sagt die Bundesvorsitzende Margit Hudelmaier. Man sei vielmehr "von den Landesverbänden beauftragt worden, Gespräche und Verhandlungen zu führen. Genau das machen wir. Und das auch erfolgreich." Das Ergebnis war zuletzt die Verdoppelung der Rente auf etwa 1000 Euro, zudem hat sich Grünenthal im Mai bereit erklärt, weitere 50 Millionen Euro zu zahlen.

Man setze, sagt Hudelmaier, "auf vertrauensvolle Gespräche mit den Beteiligten." So argumentiert auch Grünenthal: "Wir verstehen, dass Contergan-Betroffene auf ihre Situation aufmerksam machen wollen", sagte Firmensprecherin Anette Fusenig der SZ. "Aber wir lehnen Druck durch Aktionen ab." Man baue auf die Gespräche mit dem Bundesverband, bei den Hungerstreikenden sei schließlich nicht geklärt, wen die Initiative vertrete und wer sie legitimiert habe. Daher könne man "einen Anspruch auf Forderungen nicht erkennen".

Gespräche, Verhandlungen, Abstimmungen. Es ist ein zäher Prozess. So lange aber will das Quartett nicht warten. "Es ist nicht die Zeit des Redens, sondern die Zeit des Handelns", sagt Bernhard Quiel, der für die Gruppe spricht. Pfarrer Nötzel hat ihnen seine Unterstützung zugesagt und zugleich alle Kirchen zur öffentlichen Solidarität aufgerufen: "Wir verstehen diese Aktion als ein unsere Gesellschaft beschämendes letztes Mittel, als einen Schrei um Gerechtigkeit."