"Brigitte" wird 50 Du verstehst mich

Die Mutter aller Frauenzeitschriften hat Geburtstag - und sucht mit fünf Geboten das Gefühl der Leserin.

Von Von Christiane Kögel

"Brigitte", Es macht ihr Spaß, sich im Spiegel anzuschauen. Sie legt Wert auf die Feststellung, dass ihre Arbeit genauso wichtig ist wie die ihres Mannes. Sie probiert gern neue Rezepte aus, greift aber auch zum Fertiggericht. Sie geht zum besten Friseur der Stadt, und spült ihre Haare zu Hause mit Kamillentee. Sie diniert in feinen Restaurants. Sie trinkt gern guten Wein.

So beschrieb Ende der Siebzigerjahre die Anzeigenabteilung des Hamburger Verlagshauses Gruner + Jahr die Brigitte-Leserin - als eine ganz besondere Frau. Der heutige Chefredakteur Andreas Lebert beschreibt das Fabelwesen ähnlich: "Sie hat Lust auf Veränderung. Sie ist selbstbewusst, neugierig, reflektiert. Sie ist eine erwachsene Frau".

"50 Jahre Gegenwart"

Das also ist Brigitte, eine der größten deutschen Frauenzeitschriften und ganz gewiss die älteste. Mit dem Erwachsenwerden hat sie sich Zeit gelassen; ihre bewegte Geschichte ist die der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft. Anfang Mai nun feiert der Verlag Brigittes 50. Geburtstag, und der Slogan zum Jubiläumsjahr lautet: "50 Jahre Gegenwart".

Erstens: Der Typ

Lebert, selbst ein jungenhafter Endvierziger, sagt, die Zeitschrift habe dieselben Veränderungen durchgemacht wie ihre Leserinnen. Man hat sich also gemeinsam von der Hausfrau zur berufstätigen Mutter entwickelt, nicht kämpferisch-verbissen, sondern blieb immer hübsch geschminkt. Sie lebte die Lust am Widersprüchlichen aus: Die Hemden der Männer überließ sie ihnen zum Bügeln, träumte aber weiter von einer Hochzeit in Weiß. Sie war working woman, backte aber trotzdem die besten Obstkuchen der Nachbarschaft und entzog sich dem Schönheitswahn, nicht jedoch der Brigitte-Diät.

Anne Volk war 16 Jahre lang die Chefredakteurin; seit 2001 ist sie Herausgeberin. Wenn also jemand Brigitte erklären kann, dann sie. Und Frau Volk sagt, dass sie auf die Frage nach der Kluft zwischen gesellschaftlichem Engagement und dem Interesse für Lippenstift schon immer dieselbe Antwort gegeben habe: "Das Leben ist einfach so".

Treue Titelthemen

Die Titelseiten grüßen folglich durch die Jahrzehnte hinweg mit den großen Themen der trendoffenen, bürgerlichen Frau: "Zehn schicke Mode-Seiten: Hochzeit im Mai!" (57). "Frisuren - die besten kurzen Schnitte" (89). "Herrliche Obstkuchen - da kann keiner widerstehen" (91). "Romantische Wohnideen in Weiß und Pastell" (98). "Liebe: Wann stellt er endlich die H-Frage?" (2003). Volk, eine große, energiegeladene Frau mit schwäbelndem Zungenschlag, findet den Einwand, das wiederhole sich doch alles, langweilig. "Das sind eben die Themen, die Frauen interessieren." Wobei die frivolere Konkurrenz die H-Frage längst durch die O-Frage und die Suche nach dem G-Punkt abgelöst hat.

Zweitens: Die Geschichte

Genau genommen wird Brigitte dieses Jahr nicht 50, sondern 118. Ihren 100. Geburtstag feierte sie schon 1986 mit einem dicken Jubiläumsband. Die Autorin Sylvia Lott-Almstadt zeichnete darin die Entwicklung nach vom Heft Dies Blatt gehört der Hausfrau, bis zu Brigitte. Der Vorläufer erschien zum ersten Mal, acht Seiten stark, am 3.Juli 1886 im Berliner Verlag Friedrich Schirmer.

Dieses Blatt gehörte wirklich ganz und gar der Hausfrau, so wie die Pickelhaube zum wilhelminischen Militär. Über dem Titelkopf der neuen Zeitschrift prangte der verschnörkelte, in einen Holzschnitt gebannte Spruch: "Im trauten Heim im liebumwobenen Haus - Streu', deutsche Frau, des Friedens Gaben aus!".

Das Anzeigengeschäft erschöpfte sich in kleinen Textkästchen, die etwa die Vorzüge von "Marwedes Moosbinde" priesen. Im redaktionellen Teil erfuhr die "gute Hausfrau", wie sich aus Honig und Hefe ein Insektenvernichtungsmittel herstellen ließ. Verleger Schirmer ließ die Leserin wissen, dass er eine "Fabrikniederlage Knorr'- scher Fabrikate übernommen habe" und Suppen "nach allen Orten des deutschen Reiches versende".

Der Berliner Ullstein-Verlag, nächster Besitzer des Blatts, legte seine Schnittmusterbögen bei. Das tat der Auflage gut, und in der Weimarer Republik wurde das Objekt zum Marktführer. Eher durch Zufall kam damals der Name "Brigitte" ins Spiel: Man warb auf Plakatwänden mit einem "Schnittmustergeist", der eine junge Frau warnte: "Sei sparsam, Brigitte, nimm' Ullstein-Schnitte!"

Die erste Brigitte für die Lady

Die erste echte Brigitte erschien im Mai 1954, 14-täglich wie heute - aus der Werbefigur war eine Zeitschriften-Lady geworden. Damals lasen 970.000 Frauen das neue Blatt (heute sind es 3,33 Millionen). Der Inhalt des ersten Hefts: Mode- und Kosmetiktipps, Rezepte für nahrhafte Gerichte. Ein Bericht über das "gefährliche Alter der Frau". Und natürlich: Schnittmuster für den Sonntagsspaziergang. Brigitte war weiterhin sparsam, auch unter der Obhut des Hamburger Verlegers John Jahr, der die Zeitschrift den Berliner Ullstein-Kollegen abkaufte.

Drittens: Die Rebellion

Die Emanzipation der Frauen in den Sechziger- und Siebzigerjahren hat die einst allzu biedere Brigitte verändert. Die Redaktion selbst sah sich sogar als Vorreiterin: Sie habe als erste neue Themen angesprochen und Tabus gebrochen. Die Schweizer Historikerin Dora Horvath hingegen hat festgestellt, dass Brigitte sehr lange die "glückstrahlende Hausfrau" geblieben sei - obwohl ringsherum die Zahl der frustrierten Ehefrauen zunahm.

Aber die "zornigen jungen Frauen", die Brigitte-Autorin Ingrid Peters 1961 als maßlos in ihren Ansprüchen kritisierte, rüttelten schließlich auch das Zentralorgan für die besten Obstkuchen auf. Die damalige Ressortleiterin Marie-Anne Brasch erinnert sich, dass es "zunehmend unerträglich wurde, alles in Schubladen zu packen, für alles eine Lösung anzubieten".

Brigitte begann, soziale und politische Fragen zu stellen, sich bei diesen Themen Kompetenz zu erarbeiten. Das Heft veränderte sich, Irrungen und Wirrungen eingeschlossen. Wie das Leben eben so ist. Wahrscheinlich hat Brigitte damit den Grundstein gelegt für die Glaubwürdigkeit, mit der sie heute werben kann.

Viertens: Fünf Gebote

Andreas Lebert ist erst seit 2002 Chefredakteur, wuchs aber mit dem Heft auf - schließlich ist seine Mutter Ursula schon seit 1957 Brigitte-Autorin. Er selbst war Mitte der Achtziger schon mal ein paar Jahre Ressortleiter. Heute sagt der Blattmacher, der unter anderem das Magazin der Süddeutschen Zeitung und das Ressort "Leben" der Zeit lanciert hat, das Gefühl, das Brigitte ihren Leserinnen vermittle, sei einzigartig.

Ziemlich schnell nach seiner Ankunft in Hamburg hat Lebert dieses Gefühl in fünf Gebote gegossen:

1. Du verstehst mich. 2. Du bist ehrlich zu mir. 3. Du nimmst mich ernst. 4. Du bringst mich weiter. 5. Du tust mir gut.

"Wir haben den Frauen nie gesagt, wie sie leben sollen." Anne Volk, die Herausgeberin, wischt sich ein paar Haarsträhnen aus der Stirn. "Aber wir haben sie informiert, was passiert, wenn sie heiraten oder Kinder bekommen. Und was zum Beispiel mit ihrer Alterssicherung ist."

Experten schreiben

Die Redaktion sitze voller Experten, sagt Volk, und hebt Psychologen und Mediziner besonders hervor.

In der Versuchsküche sieht man, dass jedes Rezept mehrmals vorgekocht wird.

Im Kreativ-Ressort zeigt eine Redakteurin einen mit Mosaiken verzierten Ikea-Tisch, den man in Brigitte schon mal gesehen hat. Bevor sein Foto ins Blatt kam, teste die Bastlerin die Oberfläche auf ihre Beständigkeit im Hamburger Regen.

In den Reisereportagen gibt es kein Foto, dass nicht ein Brigitte-Fotograf gemacht hätte - und kein Hotel, das die Autorin oder der Autor nicht besuchten.

Leberts fünf Gebote träfen das, "was wir hier alle im Bauch haben", sagt Claudia Münster, Ressortleiterin Reise & Reportage. Für ihren Bereich sei Gebot Nummer vier am wichtigsten: Du bringst mich weiter. Nämlich in eine andere Realität, und wenn es nur für die halbe Stunde ist, in der man die "Brigitte-Reportage" liest.

Eine Zeitschrift als Anwalt

Unter Geschichten wie der über die aidskranken Frauen Ugandas, die ihren Töchtern in "Erinnerungsbüchern" etwas über ihr Leben hinterlassen, steht die Kontonummer einer Hilfsorganisation. Claudia Münster sagt, die Leserinnen erwarteten, dass sich Brigitte stark mache für eine Sache. Anwaltschaftlicher Journalismus? Münster nickt. Du tust mir gut.

Wechselwirkungen zwischen Arbeit und Leben der Redakteure machten Brigitte glaubwürdig, sagen viele im Verlag. Lebert und Volk erzählen, dass sich Themen im offenen Austausch, auch über Privates, finden ließen. Und dann sei da noch die Wechselwirkung mit Leserinnen, die ihre Briefe oft so beginnen: "Liebe Brigitte, Du...". Und dann schreiben sie Lebensgeschichten aus Stade, Dinkelsbühl und Bernkastel-Kues auf, die Autorinnen später in Worte fassen.

Fünftens: Die Zukunft

Seit 1977 ist die verkaufte Auflage im immer heftigeren Verdrängungswettbewerb zurückgegangen - von 1,5 Millionen auf etwas mehr als 800.000 Exemplare. Der Frauenzeitschriften-Markt sei "eine Hölle für sich", sagt Andreas Lebert und malt kleine Dreiecke auf ein Blatt Papier. Sein Vertriebschef entschuldige sich immer, dass er nur die 65 wichtigsten Konkurrentinnen auflisten könne.

Lebert beruhigt der Abstand zu den anderen Titeln - Für Sie (etwas mehr als 510.000) liegt am nächsten. Wobei Brigitte viele Töchter bekommen hat und ganz auf Familie macht: Young Miss bedient monatlich junge Frauen, Brigitte Woman jedes Quartal die Leserin ab 40 - dabei ist die durchschnittliche Brigitte-Leserin auch schon 46. Es gibt Brigitte Cookie für die flotte Jung-Köchin und Ende April auch erstmals Brigitte Balance, eine Wellness-Zeitschrift. Hinzu kommen noch Bücher und CDs.

Andreas Lebert sitzt ein wenig unruhig da und raucht eifrig Zigaretten. Er sei ständig auf Suche nach neuen Ideen, sagt der Mann von Brigitte. Er finde es spannend an Frauen, dass sie immer damit beschäftigt seien, sich zu verändern. Zehn Prozent männliche Mitleser hat das Heft auch, aber Lebert glaubt, dass die Lektüre mehr Männern gut täte. Ihm hat sie geholfen - "Sie verstehen das einfach nicht!", hat noch keine seiner Kolleginnen gesagt.