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Bremer "Tatort":"14 Tote sind ein bisschen viel"

Das Massaker am Schluss der Tatort-Folge "Abschaum" hat prominente Kritik ausgelöst. Dagegen fand die Darstellung der Themen Satanismus und Kindesmissbrauch große Zustimmung bei den Zuschauern.

Die im Vorfeld diskutierte Bremer ARD-"Tatort"- Folge "Abschaum" vom Sonntagabend hat eine Welle von überwiegend positiven Zuschauerreaktionen ausgelöst. Rund 600 Beiträge zu den Themen Satanismus und Kindesmissbrauch seien auf einem speziellen Internet-Forum von Radio Bremen eingegangen, berichtete der Sender am Montag. Auch die Hotline werde häufig angerufen.

Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), und ihr Kollege Stedefreund (Oliver Mommsen) in der Folge "Abschaum".

(Foto: Foto: Radio Bremen)

Mit 7,96 Millionen Zuschauern überrundete der "Tatort" die Konkurrenz mit den Filmen "Der Vater meines Sohnes" (ZDF), "American Pie II" (RTL) und "Mission Impossible" (ProSieben).

Der Tod eines 12-jährigen Mädchens nach sexuellem Missbrauch und Tablettenkonsum hatte die Ermittlungen der "Tatort"-Fahnder zu satanistischen Kreisen geführt. Was bei den Zuschauern meist gut ankam, fand jedoch bei anderen TV-Krimi-Darstellern wenig Gnade.

"Auf diesem Sendeplatz hat so blutrünstiges Zeug allgemein nichts zu suchen", schimpfte in der "Bild"-Zeitung Jan Josef Liefers, der im WDR den Gerichtsmediziner Boerne spielt.

"14 Tote sind wirklich ein bisschen viel. Das ist grauslich und nicht notwendig", kommentierte dort auch Jaecki Schwarz alias Hauptkommissar Schmücke in "Polizeiruf 110" (ARD) die Todesbilanz in "Abschaum".

Bei manchen Einträgen auf dem Internet-Forum bei Radio Bremen gab es zwar deutliche Kritik an dem Film-Massaker in der Schlussszene. "Das war krass und wirklich nicht mehr feierlich", regte sich ein Zuschauer aus München auf.

Anlass zur Diskussion über Jugendschutz

Peter Gauweiler (CSU), stellvertretender Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Kultur und Medien, sagte der "Bild am Sonntag" (BamS): "Es ist ein Skandal, dass im staatlich unterstützten Fernsehen gezeigt werden kann, was im Privatfernsehen verboten wäre. Jugendschutz wird hier mit zweierlei Maß gemessen."

Anlass der Diskussion ist die "Tatort"-Folge, die am Sonntagabend in der ARD ausgestrahlt werden sollte. In dem Krimi sterben 14 Menschen, nach Angaben der Zeitung gibt es in den Schlussszenen ein Massaker.

Laut "BamS" werden Privatsender von der unabhängigen Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) auf die Einhaltung der Jugendschutzbestimmungen hin überwacht. Bei den öffentlich- rechtlichen Sendern seien die jeweiligen Rundfunkräte für die Einhaltung der Bestimmungen zuständig.

FSF-Chef Joachim von Gottberg sagte der Zeitung: "Es gab schon mehrfach Tatort-Szenen, die wir verboten hätten, wenn ein Privatsender sie vor 22 Uhr gezeigt hätte.

Bis 22 Uhr muss das Programm laut Gesetz für Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre uneingeschränkt geeignet sein." Der Bundestagsabgeordnete Bernd Neumann (CDU/CSU), Mitglied im zuständigen Rundfunkrat von Radio Bremen, kritisierte die Ungleichbehandlung. "Bei der Novellierung des neuen Jugendmedienschutzgesetzes gab es den Vorschlag, ARD und ZDF einer zentralen Instanz wie der FSF zu unterstellen, die über den Jugendschutz aller Sender wacht. Das ist am massiven Widerstand der beiden Sendeanstalten gescheitert."

Positive Kritik im Forum

Dafür fand die Darstellung der brisanten Themen Satanismus und Kindesmissbrauch überwältigende Zustimmung: "Dies war der erste Tatort in meinem Leben, bei dem ich geheult habe. Vor Glück, dass er gezeigt wurde", schrieb "eine Überlebende" aus Hamburg. Ähnlich positiv fielen zwei Drittel der Einträge aus.

Unterdessen glühten auch am Montag noch die Drähte der Telefon- Hotline heiß, die Radio Bremen mit Experten beim Hamburger Innensenator eingerichtet hatte. Dort gaben ein Anwalt, eine Betroffene sowie ein Sozialpädagoge und eine Therapeutin ununterbrochen Auskünfte. "Wir konnten Sorgen von Betroffenen auffangen, anonyme Fälle bearbeiten und sogar bei einem Vermisstenfall helfen", berichtete die Hamburgische Sektenbeauftragte Ursula Caberta.

"Wir haben nicht nur einen spannenden Krimi produziert, sondern auch ein gesellschaftlich wichtiges Thema angesprochen", sagte der stellvertretende Radio Bremen-Programmdirektor Hans Dieter Heimendahl in einer Stellungnahme.

© dpa
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