Brangelina Wühler und Weise

Hollywood ist auch nur ein Dorf. Jedenfalls wenn es ums Tratschen geht. Im Scheidungsfall Pitt/Jolie wuchern die Gerüchte.

(Foto: Jerzy Dabrowski/dpa)

FBI? Haschisch? Lastwagen? Die Trennung von Brad Pitt und Angelina Jolie ist die große Stunde der Kaffeesatzleser.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Wer jemals in einer Kleinstadt gewohnt hat, der kann sich zumindest vorstellen, was gerade in Hollywood los ist. Natürlich wirkt das alles immer so riesig in dieser Stadt an der Westküste der USA: die überlebensgroßen Plakate mit den perfekten Gesichtern der Stars darauf. Die glamourösen Partys auf Dachterrassen und in ehemaligen Kathedralen, auf denen alle Gäste derart wichtig sind, dass mittlerweile sogar zwischen VVIPs (Very Very Important Persons) und VVVIPs unterschieden wird.

Der Promiportal TMZ ist wie der Typ, der im Dorf immer aus dem Fenster guckt

Angelina Jolie und Brad Pitt sind MIPs - Most Important Persons. Brangelina, das ist wie Bogart und Bacall, Tracy und Hepburn, Burton und Taylor. Auch im globalen Dorf dürfte mittlerweile jeder mitbekommen haben, dass Jolie, 41, über ihre Anwältin Laura Wasser die Scheidung eingereicht und über ihren Manager Geyer Kosinksi mitgeteilt hat, keine Kommentare dazu abzugeben und sich Ruhe für die Kinder zu wünschen. Pitt, 52, wird vom Anwalt Lance Spiegel vertreten, in einem Statement heißt es: "Ich bin traurig, das Wohl unserer Kinder ist jetzt das Wichtigste. Ich bitte die Presse, den Kindern den Raum zu lassen, den sie nun brauchen." Das ist bekannt und bestätigt. Mehr aber auch nicht.

Das Promiportal TMZ übernimmt bei diesem Scheidungsfall die Rolle des Typen, der im Dorf den ganzen Tag aus dem Fenster guckt und dann alles hinausposaunt, was er glaubt, gesehen oder gehört zu haben. TMZ ist wie Bild, nur mit weniger Skrupeln. "FBI ermittelt gegen Brad Pitt", ist dort zu lesen gewesen. FBI, das hört sich an wie eine große Sache, wie Skandal, vielleicht sogar wie Verschwörung. Es soll einen Streit im Privatflugzeug auf dem Weg von Frankreich nach Minnesota gegeben haben, Pitt soll betrunken gewesen und dabei ausfallend und handgreiflich gegenüber den Kindern geworden sein. FBI, das ist in diesem Fall jedoch schlicht die zuständige Behörde.

Bei der Bundesbehörde will auf SZ-Anfrage niemand bestätigen, dass es konkrete Ermittlungen gegen Pitt gibt, in einem Statement heißt es nur: "Wir sammeln Fakten und prüfen, ob es Ermittlungen geben wird." Meghan Aguilar vom Los Angeles Police Department (LAPD) sagt, dass ihre Behörde sogar bei TMZ angerufen habe, um das Portal darüber zu informieren, dass es vom LAPD aus keine Ermittlungen gegen Pitt gebe: "Ich weiß nicht, ob die uns einfach nicht glauben. Ich kann nur sagen, dass es keine Anzeige oder Vorwürfe gegen Herrn Pitt gibt und dass er auch nicht von uns befragt wurde." Armand Montiel von der Jugendbehörde Los Angeles County Department of Children & Family Services sagt: "Wir sind rechtlich nicht dazu befugt, Ermittlungen zu bestätigen oder zu bestreiten."

Weil kaum etwas bekannt oder bestätigt ist, gibt es in Hollywood nun Gerüchte. Und es gibt nicht nur Fenstergucker, es gibt auch Wühler und Weise. In Hollywood sind die Wühler die Paparazzi und die Weisen Reporter von Promiseiten wie Splash News. Die Wühler fotografieren einen Lastwagen vor dem Anwesen von Pitt, die Weisen wissen: Jolie zieht aus! Die Wühler fotografieren Jolies Kinder am Tag, bevor Jolie die Scheidung einreicht. Die Weisen wissen: Jolie hat die Kinder in den Park geschickt, um mit Pitt zu streiten! Die Wühler kramen ein Foto von vor sechs Jahren hervor, auf dem Pitt eine selbstgedrehte Zigarette in der Hand hält. Die Weisen wissen: Pitt raucht andauernd Haschisch!

All das wird berichtet von Menschen, die als "sources close to the family" (der Familie nahestehende Quellen) gelten - was jedoch auch bedeuten kann, dass irgendein Fenstergucker lediglich den Kabelträger bei irgendwelchen Dreharbeiten befragt hat. Alle - die Fenstergucker, die Wühler und die Weisen - kommen dann zusammen auf dem Marktplatz. Beim Hollywood Reporter etwa oder bei Variety, die sich nun bemühen, die Deutungshoheit über diese Scheidung zu erhalten. Eine der wichtigen Fragen ("Wer bekommt das Sorgerecht für die sechs Kinder?") wird anhand der kolportierten Erziehungsmethoden (Pitt soll streng sein, Jolie dagegen einen Laissez-faire-Stil bevorzugen) und der Eigenschaften der Kinder (Maddox soll nett sein, Zahara dagegen die intrigante Initiatorin wilder Streiche) bewertet. Es ist das Gegenteil der sowohl von Jolie als auch von Pitt erbetenen Ruhe für die Kinder.

Was wir beim Lesen und beim Debattieren über die Scheidung von Angelina Jolie und Brad Pitt jedoch nicht vergessen sollten: Wir wissen alle gerade nicht besonders viel darüber. Nein, eigentlich wissen wir alle gerade gar nichts.