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Bahn-Streik:Dann halt mit dem Bus

Lokführerstreik - Weselsky

Alles unter Kontrolle? Der Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL), Claus Weselsky, besucht am Mittwoch den Bahnhof in Fulda.

(Foto: Uwe Zucchi/dpa)

Bereits zum siebten Mal im aktuellen Tarifstreit legen die Lokführer die Arbeit nieder. Die Kunden haben sich inzwischen an die Streiks gewöhnt - und weichen auf andere Verkehrsmittel aus.

Von Daniela Kuhr, Berlin

Berlin, München, Hamburg, Stuttgart oder Frankfurt: An diesem Morgen ist auf den Straßen richtig was los. Die Autos drängeln sich, wie sonst nur auf den Autobahnen zu Beginn der Ferienzeit. Auch in den U-Bahnen und Bussen stehen die Fahrgäste dicht an dicht.

Ausgerechnet an den Bahnhöfen geht es dagegen vergleichsweise ruhig zu. In Bremen etwa sind die Gleise am Mittwochvormittag leer, nur wenige Menschen warten, und auch am Infoschalter hat sich diesmal keine außergewöhnlich lange Schlange gebildet. In Düsseldorf sitzen in manchen Zügen, die trotz des Streiks fahren, sogar weniger Fahrgäste als sonst. Offenbar haben Bahnfahrer, was Streiks angeht, mittlerweile eine gewisse Routine entwickelt: Schließlich ist es nun bereits das siebte Mal, dass die Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) ihre Mit- glieder aufgerufen hat, die Arbeit niederzulegen.

Bundesweit fielen deshalb am Mittwoch zwei von drei Fernzügen aus - und jeder zweite Nahverkehrszug. Doch die Reisenden hätten sich rechtzeitig darauf eingestellt, sagte ein Sprecher der Deutschen Bahn. Und auch deren Service-Mitarbeiter haben mittlerweile eine gewisse Übung für den Fall entwickelt, dass ihre Kollegen streiken. Vor dem Infoschalter am Hauptbahnhof in Hannover Kaffee wird an wartende Passagiere Kaffee ausgeschenkt.

Wer schuld daran ist, dass die Lokführer erneut die Arbeit niederlegen - darüber gehen die Meinungen auseinander. Während die Bahn die GDL verantwortlich macht, zeigt GDL-Chef Claus Weselsky mit dem Finger auf die Bahn. "Unsere Botschaft an die Bahnfahrer ist, sich massiv mit öffentlichem Protest gegen den Bahnvorstand zu stellen, weil dort die wahren Schuldigen sitzen", sagt er am Bahnhof in Fulda. Zwar habe man "durchaus zwischenzeitlich Fortschritte gemacht. Aber das, was der Bahnvorstand am Ende geboten hat, war die blanke Provokation."

Dabei ist der Gewerkschaftschef nicht etwa deshalb verärgert, weil die Bahn seinen Lokführern zu wenig Geld zugesteht. Knackpunkt ist vielmehr, dass die GDL erstmals nicht nur für Lokführer einen Tarifvertrag abschließen will, sondern auch für Zugbegleiter, Bordgastronomen und Lokrangierführer. Denn in all diesen Berufsgruppen hat sie Mitglieder, wenn auch längst nicht so viele wie die weitaus größere Eisenbahngewerkschaft EVG. Die Bahn ist zwar bereit, mit beiden Gewerkschaften jeweils einen eigenen Tarifvertrag abzuschließen, will die Verhandlungen aber so führen und aufeinander abstimmen, dass dabei am Ende für jede Berufsgruppe jeweils inhaltlich weitgehend identische Regelungen herauskommen. Das aber passt der GDL nicht, da sie fürchtet, dass ihr Tarifvertrag damit indirekt von der mächtigeren EVG diktiert wird.

Mit dem Streik, der noch bis Donnerstagabend andauern soll, will die GDL nun den Druck auf die Bahn erhöhen. Profiteure des Ausstands sind ganz klar die Fernbusse. Als die GDL am Montagnachmittag bekannt gegeben hatte, dass sie Mittwoch und Donnerstag streiken würde, sind die Buchungszahlen bei den Fernbus-Anbietern sofort in die Höhe geschnellt. Zeitweise um mehr als 70 Prozent, wie der Marktführer Meinfernbus/Flixbus meldete. Neben dem Personenverkehr ist auch der Güterverkehr stark betroffen von dem Streik.

Der CDU-Wirtschaftsrat wirft der GDL vor, den Wirtschaftsstandort massiv zu schädigen. "Die Lokführer-Streiks verlieren immer wieder jedes Maß."

Die Verhandlungen mit der EVG dagegen setzt die Bahn an diesem Donnerstag fort. Die Gewerkschaft betonte am Mittwoch, dass sie ein deutlich verbessertes Angebot erwartet. Andernfalls seien die Kollegen bereit, für ihre berechtigten Forderungen persönlich einzutreten, sagt EVG-Verhandlungsführerin Regina Rusch-Ziemba. Was nichts anderes bedeutet als: Auch die EVG droht jetzt mit Streiks.

© SZ vom 23.04.2015
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