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Aufrüstung auf den Weltmeeren:Mit Schallkanonen gegen Piraten

Nicht immer ist die Küstenwache schnell genug, um Schiffe vor Angriffen auf hoher See von Piraten zu schützen. Deswegen rüsten sich Kreuzfahrt- und Handelsschiffe mit Abwehrwaffen.

Wer auf dem Meer ruhmreiche Taten vollbracht haben will, steht unter dringendem Seemannsgarnverdacht. Michael Groves ist da ein gutes Beispiel. Der frühere Polizist war Sicherheitsoffizier auf der Seabourn Spirit, als das Kreuzfahrtschiff am 5. November 2005 vor dem Horn von Afrika von Piraten angegriffen wurde.

Diese Männer der jemenitischen Küstenwache kamen zu spät, als der japanische Tanker Takayama beschossen wurde

(Foto: Foto: AFP)

Groves sagt, er habe die Seeräuber mit einer Schallkanone in die Flucht geschlagen. Doch viele Experten glauben die Geschichte nicht. Vielleicht hätten die Banditen eingesehen, dass ein 134 Meter langes Kreuzfahrtschiff mit 150 Passagieren an Bord eine Nummer zu groß für ihre Schlauchboote war. Nur eines ist sicher: Für den Hersteller der Schallkanone, die American Technology Cooperation, hätte es keine bessere Werbung geben können.

Long Range Acoustic Device, kurz LRAD, heißt die Schallkanone im Fachjargon. Sie verschießt einen Schallstrahl, der sich wie ein Feuermelder anhört, nur so laut, dass er starke Schmerzen verursacht und manchmal bleibende Hörschäden. Der Hersteller preist das LRAD als effektives Instrument zur "Crowd Control", als akustische Alternative zum Wasserwerfer. Vor allem Sicherheitskräfte aus den USA und Großbritannien kauften das Gerät bisher.

Doch die American Technology Cooperation will ihren Kundenkreis erweitern. Handels- und Kreuzfahrtschiffe bräuchten ebenfalls besseren Schutz, argumentiert das Unternehmen - und ist mit dieser Ansicht nicht allein. Auch europäische Firmen glauben, in der maritimen Sicherheitstechnik eine Marktnische entdeckt zu haben.

Elektrozaun an der Bordwand

Dass auf See nicht nur Stürme gefährlich sind, zeigen die Meldungen der vergangenen Wochen. Piraten enterten einen deutschen Frachter, besetzten eine französische Luxusyacht und beschossen einen japanischen Tanker. 41 Überfälle verzeichnet die Datenbank des Schifffahrtsbüros der Internationalen Handelskammer (International Maritime Bureau, IMB) im ersten Quartal diesen Jahres.

Erst am Wochenende wurde die Crew des vor Somalia entführten spanischen Thunfischtrawlers Playa de Bakio freigelassen, es soll ein Lösegeld von 1,2 Millionen Dollar geflossen sein. Zwar sind die Reedereien gegen solche Fälle versichert, doch das IMB rät ihnen dringend, mehr in die Sicherheit ihrer Flotten zu investieren.

Zwei Produkte seien dafür besonders geeignet. Da ist zum einen ein Elektrozaun, der rings um das Schiff verlegt wird, hergestellt von der Firma Secure Marine aus Rotterdam. Piraten, die versuchen, über die Bordwand zu klettern, bekommen einen Stromschlag. 9000 Volt - "nicht tödlich, aber äußerst schmerzhaft", heißt es bei Secure Marine. Zum anderen empfiehlt das IMB das satellitengesteuerte Ortungssystem Shiplog.

"Moderne Piraten kennen sich mit Kommunikationstechnik aus", sagt Jean-Pierre Cauzac vom Shiplog-Hersteller Collecte Localisation Satellites (CLS) aus Frankreich. "Wenn sie ein Schiff geentert haben, zerstören sie als erstes alle Antennen. Das Schiff kann dann nicht mehr geortet werden. Unser System löst dieses Problem: Der Sender befindet sich in einem kleinen grauen Kasten, der sich leicht verstecken lässt." Etwa 1000 dieser Geräte habe CLS bisher verkauft.

Auch deutsche Reeder investieren

Zu den Kunden zählen auch deutsche Reeder, wie Max Johns vom Verband der deutschen Reeder bestätigt. Elektrozäune oder Schallkanonen kaufe in Deutschland aber niemand. "Unsere Handelsflotte besteht aus großen Containerschiffen. Die Bordwände sind so hoch, dass die Piraten dort nicht hochklettern können", sagt Johns. "Sie können solche Schiffe nur entern, wenn sie das Feuer eröffnen und den Kapitän dazu zwingen, sie an Bord zu lassen. Dann helfen Elektrozaun oder Schallkanone nichts mehr."

Elfmal wurden deutsche Handelsschiffe den IMB-Daten zufolge zwischen Januar und Ende März 2008 von Piraten angegriffen. Spektakuläre Attacken, bei denen geschossen oder Lösegeld erpresst wird, sind aber selten. "Die meisten sogenannten Piraten sind Spitzbuben, keine schießwütigen Banditen", sagt Svante Domizlaff von den Deutschen Afrika-Linien. Die Einbußen durch Piraterie seien für das Unternehmen "nicht messbar". "In der Regel ereignen sich die Überfälle im Hafenbecken. Die Piraten klettern die Ankerleine hoch, plündern die Bordkasse und verschwinden. Das sind Fischer, die ihr Einkommen aufbessern wollen."

Schutz durch vergitterte Fenster

Statt in moderne Sicherheitstechnologie investieren die Afrika-Linien daher in vergitterte Fenster. Kreuzfahrtunternehmen halten sich dagegen bei Fragen nach ihren Sicherheitsvorkehrungen bedeckt. Nur zu Gerüchten, dass die MS Deutschland bei Reisen durch das Rote Meer von Schiffen der Bundesmarine begleitet wird, nimmt die Reederei Deilmann Stellung: "Bei Sicherheitsbedenken gibt es die Möglichkeit, Begleitschutz eines Nato-Verbandes einzufordern."

Auch das US-Unternehmen Seabourn, dem die vor Afrika angegriffene Seabourn Spirit gehört, gibt sich verschwiegen. Ob Seabourn Schallkanonen einsetzt? "Kein Kommentar", antwortet ein Sprecher. "Wir würden es den Piraten sonst leicht machen, sich auf unsere Verteidigung einzustellen." Schallkanonen wirken eben nur, wenn Seeräuber keine Ohrstöpsel dabei haben.

Die hatte auch Michael Groves vergessen, als er vor zweieinhalb Jahren auf das Deck stürmte und den LRAD anwarf. Heute leidet er nicht nur unter den Zweifeln an seiner Heldentat, sondern auch unter Tinnitus.